Der international anerkannte Architekt Manuel Herz veröffentlicht mit «Unfinished Atlas» kein gewöhnliches Werk. Das Buch versteht sich als eine kartografische Selbstbefragung seines Büros und beleuchtet Projekte nicht chronologisch, sondern thematisch. Herz reflektiert darin über die Forschungsprozesse, politische Dilemmata und die ethischen Fragen, die das Bauen heute mit sich bringt.
Wichtige Erkenntnisse
- «Unfinished Atlas» ist eine unkonventionelle Architekturbuch, das Projekte thematisch statt chronologisch ordnet.
- Manuel Herz sieht Architektur als einen fortlaufenden Forschungsprozess, bei dem das Lernen im Mittelpunkt steht.
- Das Buch beleuchtet die Kernfragen des Büros, wie Diaspora, veränderbare Bauten und Materialkreisläufe.
- Herz spricht über ethische Herausforderungen und die Ambivalenz des Bauens in einer globalisierten Welt.
- Der Architekt würde niemals ein Gefängnis bauen, da er diese Typologie grundsätzlich ablehnt.
Ein Atlas statt eine Monografie
Manuel Herz entschied sich bewusst gegen das traditionelle Format einer Architekturmonografie. Die Idee zu «Unfinished Atlas» entstand vor fünfeinhalb Jahren auf Initiative von Ludovic Balland. Herz hatte anfänglich Vorbehalte gegenüber der gängigen Typologie, sah das Buch jedoch als Chance zur Selbstreflexion. Er wollte verstehen, was sein Büro zusammenhält und welche Themen seine Arbeit wirklich prägen.
Die Erkenntnis aus dieser intensiven Analyse führte zu einer untypischen Struktur: Statt Projekte nach Fertigstellungsdatum oder Gebäudetyp zu ordnen, gruppiert der Atlas sie thematisch. Das Titelbild des Buches dient als eine Art Karte des Büros, die fünf Hauptkapitel und die Verbindungen zwischen den Projekten visuell darstellt. Diese Herangehensweise ermöglicht es, wiederkehrende Fragestellungen und konzeptionelle Linien sichtbar zu machen.
Faktencheck
- Titel: Unfinished Atlas
- Herausgeber: Ludovic Balland, Francesca Mautone, Manuel Herz
- Verlag: Park Books
- Erscheinungsjahr: 2025
- Umfang: 428 Seiten mit über 1400 Abbildungen
Themen, die verbinden
Durch die thematische Ordnung wurden Kernbereiche der Arbeit von Manuel Herz Architects deutlich. Ein zentrales Thema ist die Diaspora und das Leben in der Fremde, das in mehreren Projekten untersucht wurde. Ein weiteres wiederkehrendes Interesse gilt physisch veränderbaren Bauten, eine Fragestellung, die über Jahre hinweg erforscht wurde. Aktuell beschäftigt sich das Büro intensiv mit den Kreisläufen von Material, Energie und Personen, einem Konzept, das sie als «Metabolismus» bezeichnen.
Herz betont, dass diese Analyse ein präziseres Verständnis der eigenen Arbeit ermöglichte. Es ging nicht darum, ein aufwendiges Portfolio zu präsentieren, sondern den Prozess der Architekturproduktion zu ergründen. Das Buch soll zeigen, wie das Büro an Projekte herangeht, wo es in Sackgassen geriet und wo es scheiterte. Architektur ist für ihn kein linearer Prozess, sondern ein komplexes Geflecht aus Forschung und Entwicklung.
Architektur als Forschungsprozess
Für Manuel Herz ist jedes Projekt eine Gelegenheit zum Lernen. Die Recherche steht im Mittelpunkt seiner Arbeit. Er möchte aufzeigen, was er auf dem Weg zum fertigen Bau gelernt hat. Diese Neugier treibt ihn an. Wenn er mit seiner Arbeit nichts Neues mehr lernen würde, wäre es Zeit aufzuhören, sagt er.
«An unserer Disziplin finde ich fantastisch, dass wir mit jedem Projekt etwas Neues lernen. Die Recherche steht im Zentrum.»
Diese Haltung ist auch eine subtile Kritik an der heutigen Architekturproduktion, die oft stark auf das fertige Objekt fokussiert. «Unfinished Atlas» hebt bewusst den Prozess, die Herausforderungen und die Lernkurven hervor, die jedem Bauvorhaben innewohnen.
Hintergrund: Kosmopolitisches Wirken
Manuel Herz, geboren in Deutschland, besitzt israelische, schwedische und schweizerische Pässe. Seine biografischen Wurzeln prägen sein kosmopolitisches Bewusstsein. Projekte in Senegal, Frankreich, Japan oder der Ukraine zeugen von dieser internationalen Ausrichtung. Für Herz ist es eine Verantwortung, über den eigenen Horizont hinauszuschauen und zu lernen, wie andere Menschen weltweit leben.
Ethische Dilemmata und rote Linien
Die Architektur ist oft eng mit den Mächtigen und dem Kapital verbunden. Manuel Herz ist sich der Ambivalenz seiner Profession bewusst. Er reflektiert über die Rolle von Architekten in gesellschaftlichen Kontexten und die moralischen Fragen, die sich beim Bauen ergeben. Die Hände würden immer «dreckig», egal ob man in Basel oder weltweit baut.
Es gibt jedoch klare rote Linien. Manuel Herz würde niemals ein Gefängnis bauen. Er lehnt diese Typologie grundsätzlich ab, da er glaubt, dass Verbesserungen in diesem Bereich letztlich nur zu «Verschlimmbesserungen» führen würden. Dieses ethische Prinzip zeigt eine tiefe Überzeugung.
Projektbeispiel: Cayman Islands
Ein geplantes Resort auf den Cayman Islands, bekannt als Steuerparadies, mag auf den ersten Blick überraschen. Doch Herz nutzte das Projekt, um Fragen der Self-Reliance und Self-Sustainability zu erforschen. Da die Inseln fast alles importieren müssen, stand die Frage im Vordergrund, was auf einem 30.000 Quadratmeter grossen Grundstück angebaut und geerntet werden könnte. Die Form des Hotels – ein Kapselhotel – war dabei zweitrangig. Obwohl das Projekt aus wirtschaftlichen Gründen nicht realisiert wurde, war es für Herz ein Beispiel, wie mit einem guten Bauherrn spannende Forschungsprojekte entstehen können.
Die Rolle der Poesie in der Architektur
Trotz des analytischen Ansatzes spielt die Poesie eine wichtige Rolle in Manuel Herz' Arbeit. Er sieht Architektur als eine der wenigen Disziplinen, die die Welt schöner machen kann. Diese Schönheit sei bitter notwendig, auch wenn der Begriff manchmal missbraucht werde. Herz erinnert sich an den Moment, als er zum ersten Mal im Rohbau seiner Mainzer Synagoge stand – ein atemberaubendes Erlebnis. Dieses Gefühl des gebauten Raumes, ihn zu spüren, zu riechen, anzufassen, sei unersetzlich.
Für ihn muss Architektur berühren können. Als Beispiel nennt er die Synagoge in Kiew, die an einem der dunkelsten Orte der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts steht. Statt ein düsteres Gebäude zu errichten, wollte Herz etwas Leichtes schaffen, das Zuversicht schenkt und zum Schmunzeln anregen kann. Wenn man nur weine, hätten die Täter immer gewonnen. Die Architektur habe die Kraft, Schönheit und Hoffnung zu vermitteln.
Die Herausforderung unserer Zeit sei es, eine Architektur zu schaffen, die sich der Umweltauswirkungen bewusst ist, aber dennoch lustvoll bleibt. Der Diskurs dürfe sich nicht ausschliesslich um Ressourcen, CO2-Verbrauch und Recycling drehen. Es müsse weiterhin wunderschöne Architektur entstehen können, sonst gehe die Lust an der Gestaltung verloren.

