Das Theater Basel präsentiert einen eindringlichen Horváth-Doppelabend, der eine beklemmende Studie sozialer Kälte darstellt. Unter der Regie von Karin Henkel entfaltet sich eine Welt, in der menschliche Beziehungen von Gleichgültigkeit und Härte geprägt sind. Martin Wuttke spielt dabei eine zentrale Rolle und prägt die Aufführung entscheidend.
Wichtige Punkte
- Der Horváth-Doppelabend umfasst die Stücke "Glaube Liebe Hoffnung" und "Kasimir und Karoline".
- Regisseurin Karin Henkel inszeniert eine düstere Gesellschaftsanalyse.
- Martin Wuttke und Jörg Pohl prägen die Aufführung mit ihren Darbietungen.
- Die Inszenierung beleuchtet soziale Kälte und menschliche Abgründe.
- Das Stück bietet eine kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft der Zwischenkriegszeit.
Einblick in die Abgründe der Gesellschaft
Die Inszenierung am Theater Basel nimmt das Publikum mit auf eine Reise in die Tiefen menschlicher Existenz. Karin Henkel wählt dafür zwei zentrale Werke von Ödön von Horváth: "Glaube Liebe Hoffnung" und "Kasimir und Karoline". Beide Stücke, geschrieben in den frühen 1930er Jahren, zeigen eine Gesellschaft im Umbruch, die von wirtschaftlicher Not und moralischem Verfall gezeichnet ist.
Horváths Figuren kämpfen mit Existenzängsten und der Suche nach einem Platz in einer Welt, die ihnen kaum Halt bietet. Henkels Regiearbeit betont diese Aspekte und schafft eine Atmosphäre der Beklemmung. Die Bühne wird zum Spiegel einer Gesellschaft, in der Empathie selten ist und das Überleben oft auf Kosten anderer geht.
Faktencheck: Ödön von Horváth
- Geboren: 1901 in Sušak, Österreich-Ungarn
- Gestorben: 1938 in Paris, Frankreich
- Bekannteste Werke: "Geschichten aus dem Wiener Wald", "Jugend ohne Gott", "Der ewige Spiesser"
- Themen: Soziale Probleme, kleinbürgerliche Existenzen, Faschismus
Die Rolle von Martin Wuttke und Jörg Pohl
Martin Wuttke, bekannt für seine intensiven Rolleninterpretationen, ist eine prägende Kraft des Abends. Seine Darstellung verleiht den Figuren eine besondere Tiefe und Authentizität. Er verkörpert die Verzweiflung und die innere Zerrissenheit der Charaktere auf eindringliche Weise. Sein Spiel ist von einer rohen Direktheit, die das Publikum fesselt und nachdenklich stimmt.
Jörg Pohl ergänzt Wuttkes Präsenz mit einer ebenfalls starken Leistung. Die Interaktionen zwischen den Schauspielern sind präzise und intensiv. Sie tragen maßgeblich dazu bei, die düstere Stimmung der Stücke zu transportieren. Die Chemie auf der Bühne ist spürbar und verstärkt die Wirkung der Inszenierung.
"Karin Henkel taucht tief in Horváths Welt ein und legt die Mechaniken sozialer Kälte schonungslos offen. Es ist ein Abend, der lange nachwirkt."
"Glaube Liebe Hoffnung": Eine Tragödie der Bürokratie
Im ersten Teil des Doppelabends, "Glaube Liebe Hoffnung", steht Elisabeth im Mittelpunkt. Sie ist eine junge Frau, die verzweifelt versucht, ihre Schulden zu begleichen und einen Kredit zu erhalten. Ihr Kampf gegen die bürokratischen Mühlen und die Gleichgültigkeit ihrer Mitmenschen ist herzzerreissend. Horváth zeigt hier, wie das System Einzelne zermahlt.
Die Inszenierung verdeutlicht die Absurdität der Situation. Elisabeths Hoffnungen werden immer wieder enttäuscht. Ihr Glaube an Menschlichkeit und Gerechtigkeit schwindet zusehends. Die Regie von Karin Henkel unterstreicht diese Entwicklung durch karge Bühnenbilder und eine reduzierte Ästhetik, die die innere Leere der Figuren widerspiegelt.
Historischer Kontext
Horváths Stücke entstanden in einer Zeit grosser politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit in Europa. Die Weltwirtschaftskrise hatte Millionen von Menschen in Armut gestürzt. Der Aufstieg totalitärer Regime war bereits in vollem Gange. Diese gesellschaftlichen Spannungen spiegeln sich deutlich in seinen Werken wider.
"Kasimir und Karoline": Eine Liebe im Schatten des Oktoberfestes
Der zweite Teil, "Kasimir und Karoline", verlagert das Geschehen auf das Münchner Oktoberfest. Hier treffen die entlassenen Chauffeur Kasimir und seine Verlobte Karoline aufeinander. Ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt, als Kasimir seinen Job verliert und ihre finanzielle Zukunft ungewiss wird. Das Fest der Freude wird zum Schauplatz des Zerfalls ihrer Beziehung.
Die Inszenierung kontrastiert die ausgelassene Stimmung des Oktoberfests mit der inneren Verzweiflung der Protagonisten. Die laute, fröhliche Kulisse verstärkt die Isolation und das Leid von Kasimir und Karoline. Henkel gelingt es, die Diskrepanz zwischen Schein und Sein eindrucksvoll darzustellen. Die Figuren suchen nach Trost und Verständnis, finden aber oft nur weitere Erniedrigung.
Die Aktualität von Horváth
Obwohl Horváths Stücke vor fast einem Jahrhundert geschrieben wurden, behalten sie eine überraschende Aktualität. Die Themen soziale Ungleichheit, Existenzängste und die Suche nach Identität in einer komplexen Welt sind auch heute noch relevant. Die Inszenierung am Theater Basel macht dies auf eindringliche Weise deutlich.
Die Zuschauer werden dazu angeregt, über die eigene Gesellschaft nachzudenken. Wie gehen wir mit den Schwachen um? Welche Rolle spielen Empathie und Solidarität in unserer Zeit? Horváth zwingt uns, einen Blick in die dunklen Ecken menschlicher Natur zu werfen und die Mechanismen der Kälte zu erkennen.
- Soziale Kälte: Ein zentrales Thema in beiden Stücken.
- Existenzangst: Die treibende Kraft vieler Charaktere.
- Bürokratie: Eine undurchdringliche Macht in "Glaube Liebe Hoffnung".
- Beziehungsverfall: Das Scheitern menschlicher Verbindungen.
- Zeitlose Relevanz: Horváths Themen sind weiterhin aktuell.
Karin Henkels präzise Regie
Karin Henkel ist bekannt für ihre präzise und oft verstörende Regiearbeit. Am Theater Basel beweist sie erneut ihr Gespür für die Abgründe menschlicher Existenz. Sie verzichtet auf unnötige Effekte und konzentriert sich auf die psychologische Tiefe der Figuren. Ihre Inszenierung ist klar strukturiert und lässt den Schauspielern Raum für ihre Interpretationen.
Die Wahl, zwei Stücke an einem Abend zu zeigen, verstärkt die Botschaft der sozialen Kälte. Die Zuschauer erleben eine kumulative Wirkung, die die Thematik noch eindringlicher macht. Henkel schafft es, die verschiedenen Handlungsstränge miteinander zu verbinden und ein kohärentes Gesamtbild zu zeichnen.
Zuschauerreaktionen
Die Premiere des Doppelabends stiess auf gemischte Reaktionen. Während einige die kompromisslose Darstellung der sozialen Kälte lobten, empfanden andere die Intensität als herausfordernd. Die Aufführung regt in jedem Fall zur Diskussion an und bleibt im Gedächtnis.
Der Horváth-Doppelabend am Theater Basel ist ein mutiges und wichtiges Theaterereignis. Es fordert das Publikum heraus, sich mit unangenehmen Wahrheiten auseinanderzusetzen und die eigene Rolle in einer oft kalten Welt zu hinterfragen. Die Leistungen des Ensembles, insbesondere von Martin Wuttke und Jörg Pohl, tragen massgeblich zum Erfolg dieser eindringlichen Inszenierung bei.





