Stunden nach dem lauten Trubel des Morgestraichs verwandelt sich die Basler Innenstadt. Wenn die Dunkelheit hereinbricht, weicht die organisierte Masse einer intimeren, fast schon magischen Atmosphäre. Der Fasnachtsmontagabend, von den Baslern liebevoll „Mäntigobe“ genannt, zeigt eine andere, leisere und doch intensive Seite der „drey scheenschte Dääg“.
In den verwinkelten Gassen des alten Basels sind es nun nicht mehr die grossen Cliquen, die das Bild beherrschen, sondern kleine Gruppen, sogenannte Schyssdräggziigli, und geheimnisvolle Einzelmasken, die mit ihren Piccolos und Trommeln durch die Nacht ziehen. Es ist eine Zeit der Besinnung, aber auch der ungebrochenen Energie, die Jung und Alt bis in die späten Abendstunden verbindet.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Fasnachtsmontagabend („Mäntigobe“) bietet einen starken Kontrast zum lauten und grossen Morgestraich am Morgen.
- Kleine, oft spontan gebildete Gruppen, die „Schyssdräggziigli“, und Einzelmasken prägen das Strassenbild.
- Die Atmosphäre ist eine einzigartige Mischung aus intimer Melancholie, musikalischer Qualität und ausgelassener Stimmung.
- Generationen von Fasnächtlern, von Kindern bis zu Mitgliedern der Alten Garden, sind bis spät in die Nacht aktiv.
Vom grossen Umzug zur persönlichen Begegnung
Der Fasnachtsmontag beginnt mit einem Paukenschlag. Um vier Uhr morgens strömen Zehntausende in die stockfinstere Innenstadt, um den Morgestraich zu erleben. Doch nachdem der grosse Cortège am Nachmittag seinen Höhepunkt erreicht hat, beginnt eine spürbare Veränderung. Die grossen Formationen lösen sich langsam auf, die Zuschauermassen lichten sich, und die Stadt atmet durch.
Genau in diesem Moment entfaltet der „Mäntigobe“ seinen Zauber. Die Hektik des Tages weicht einer ruhigeren, fast persönlichen Form der Fasnacht. Anstelle des grossen, gemeinsamen Erlebens tritt die individuelle Erfahrung. Man trifft sich in kleineren Runden, zieht ohne feste Route durch die Gassen und spielt für sich und die wenigen Zuhörer, die am Strassenrand stehen bleiben.
Eine Symphonie in den Gassen
Die Akustik der engen Altstadtgassen spielt dabei eine zentrale Rolle. Ein einzelnes Piccolo, dessen Melodie von den alten Hausfassaden widerhallt, kann eine tiefere emotionale Wirkung entfalten als der Klang einer ganzen Clique am Nachmittag. Es ist die Zeit, in der die musikalische Qualität der Tambouren und Pfeifer besonders zur Geltung kommt.
„Am Abend hörst du jeden Ton einzeln. Du kannst die Kunstfertigkeit der Musiker richtig schätzen. Es ist weniger ein Spektakel und mehr ein Konzert“, erklärt ein erfahrener Tambour einer Alten Garde, während er eine kurze Pause einlegt.
Was ist ein „Schyssdräggziigli“?
Der Begriff „Schyssdräggziigli“ bezeichnet kleine, oft spontan zusammengestellte Gruppen von Fasnächtlern, die unabhängig von den grossen Cliquen musizierend durch die Gassen ziehen. Sie folgen keiner festgelegten Route und verkörpern eine freiere, ursprünglichere Form der Strassenfasnacht. Der Name leitet sich von den kleinen, unscheinbaren Figuren ab, die im Schutze der Dunkelheit „ihren Dreck“ hinterlassen – eine liebevolle Umschreibung für ihre ungebundene Art.
Die heimlichen Stars der Nacht
Während am Cortège die grossen Cliquen mit ihren prächtigen Laternen und aufwendigen Kostümen die Stars sind, gehören die Bühnen des Montagabends den kleineren Akteuren. Die Einzelmasken, oft in traditionellen Basler Figuren wie dem „Alti Dante“ oder dem „Waggis“ gekleidet, ziehen alleine umher, interagieren mit dem Publikum und schaffen unvergessliche, persönliche Momente.
Gleichzeitig formieren sich die „Schyssdräggziigli“. Diese Gruppen bestehen oft aus Mitgliedern verschiedener Cliquen, Freunden oder Familien, die gemeinsam musizieren wollen. Ihre Stärke liegt in ihrer Flexibilität. Sie halten an, wo es ihnen gefällt, spielen ein Ständchen für Bekannte vor einem Restaurant oder legen eine Pause in einer der vielen Fasnachtskneipen ein.
Von den „Binggis“ bis zur Alten Garde
Die Faszination des „Mäntigobe“ erfasst alle Generationen. Schon am frühen Abend sieht man Familien mit ihren Kindern, den „Binggis“, die stolz ihre ersten Märsche auf kleinen Trommeln oder Piccolos versuchen. Für sie ist es eine Gelegenheit, die Fasnacht in einem weniger überwältigenden Rahmen zu erleben.
Später in der Nacht übernehmen dann die erfahrenen Fasnächtler. Mitglieder der Alten Garden, die oft schon seit Jahrzehnten aktiv sind, zeigen ihr ganzes Können. Ihre präzisen Trommelwirbel und virtuosen Pfeiferklänge erfüllen die Gassen mit einer Mischung aus Nostalgie und lebendiger Tradition.
Die Nacht gehört den Aktiven
Statistiken zeigen, dass der Anteil der aktiven Fasnächtler im Verhältnis zu den Zuschauern am Montagabend deutlich höher ist als während der grossen Umzüge am Nachmittag. Die Strassen gehören wieder primär jenen, die die Fasnacht gestalten und nicht nur konsumieren.
Zwischen Melancholie und wilder Energie
Die Stimmung am Montagabend ist komplex und vielschichtig. Einerseits liegt eine gewisse Melancholie in der Luft. Die getragenen Melodien der Piccolos, die durch die leeren Gassen hallen, können nachdenklich stimmen. Es ist ein Moment des Innehaltens, bevor die Fasnacht am Dienstag mit dem Kinderumzug und dem Guggenkonzert wieder an Fahrt aufnimmt.
Andererseits ist die Energie ungebrochen. In den Kneipen und Cliquenkellern wird gesungen, gelacht und gefeiert. Auch auf der Strasse kann es wild zugehen. Eine Gruppe junger Waggis verteilt lautstark „Räppli“ (Konfetti), während ein „Schyssdräggziigli“ einen schnellen Marsch anstimmt und die Passanten zum Mitklatschen animiert.
Diese Dualität macht den „Mäntigobe“ zu einem der authentischsten Momente der Basler Fasnacht. Er ist der Beweis, dass die „drey scheenschte Dääg“ mehr sind als nur ein grosser Umzug. Es ist ein lebendiges Kulturerbe, das seine Kraft aus dem Zusammenspiel von grossen Spektakeln und kleinen, intimen Augenblicken zieht. Wer die wahre Seele der Basler Fasnacht spüren will, muss nach Einbruch der Dunkelheit am Montag durch die Gassen schlendern.





