Die Lörracher Fasnacht blickt im Jahr 2026 auf ihr 90-jähriges Bestehen zurück. Was heute eine feste Tradition ist, begann 1936 unter einem dunklen Stern. Die Anfänge des närrischen Treibens waren eng mit den nationalsozialistischen Machthabern der damaligen Zeit verbunden.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Lörracher Fasnacht wurde 1936 gegründet.
- Die Gründung stand unter dem Einfluss des damaligen Nazi-Bürgermeisters Reinhard Boos.
- Die Hitlerjugend war Teil des ersten Fasnachtsumzugs.
- Ein Schnitzelbank, der sich über den Bürgermeister lustig machte, führte zu einem Strafantrag.
- Ab 1940 wurde die Fasnacht wegen des Zweiten Weltkriegs eingestellt.
Die Geburt einer Tradition im Schatten der Diktatur
Die Jahreszahl 1936 wirft Fragen auf. Nur drei Jahre nach der nationalsozialistischen Machtübernahme entstand in Lörrach eine neue Fasnachtstradition. Dies geschah nicht zufällig, sondern mit direkter Unterstützung und Initiative der damaligen braunen Machthaber.
Im Mittelpunkt stand Reinhard Boos, der 1933 von den Nazis zum Bürgermeister ernannt wurde. Er war auch Orts- und Kreisgruppenleiter der Hitler-Partei. Boos wollte eine eigene Fasnacht für Lörrach etablieren, um Geld in der Stadt zu halten, das sonst nach Basel abfloss.
«Gerade wir Deutschen können besonders stolz Fastnacht begehen. Frohsinn und Humor gehören nun mal zu uns Deutschen.» – Bürgermeister Reinhard Boos, zitiert vor der zweiten Austragung der Fasnacht.
Bürgermeister Boos und die 500 Reichsmark
Im Jahr 1935 suchte Bürgermeister Boos aktiv nach Wegen, die Fasnacht in Lörrach zu etablieren. Er sprach mit einem bekannten Karnevalisten der Stadt, der auch sein Friseur war. Boos stellte diesem 500 Reichsmark in Aussicht.
Das Ziel war klar: Ein Teil der Fasnachtseinnahmen sollte in Lörrach bleiben und nicht, wie üblich, nach Basel fliessen. Diese Initiative zeigt den direkten Einfluss der politischen Führung auf die Entstehung der Veranstaltung.
Fakten zur Gründung
- Gründungsjahr: 1936
- Initiator: Bürgermeister Reinhard Boos (ernannt von den Nazis)
- Finanzielle Unterstützung: 500 Reichsmark zugesagt
- Ziel: Wirtschaftliche Bindung der Fasnacht an Lörrach
Einmarsch der Hitlerjugend und frühe Kontroversen
Die erste Lörracher Fasnacht im Jahr 1936 war keine unpolitische Veranstaltung. Das «Oberbadische Volksblatt» schrieb damals: «Die Lörracher Fasnacht marschiert! Es marschiert jeder Lörracher mit, indem er mithilft.» Das Wort «marschiert» war dabei wörtlich zu nehmen.
Beim ersten Umzug war die Hitlerjugend mit einem Spielmannszug integriert. Dies unterstreicht die Vereinnahmung der Fasnacht durch das Regime. Satire und Witz hatten in dieser Diktatur einen eigenen Rhythmus.
Der Streit um den Schnitzelbank
Bereits bei der zweiten Austragung kam es zu einem Eklat. Ein Schnitzelbank in einer Lörracher Gaststube machte sich am «Schmutzige Donschtig» über Bürgermeister Boos lustig. Die Bänkelsänger sangen darüber, dass Boos gerne eine «Judenwirtschaft» besuchte. Ein solches Restaurant hatte offenbar noch einen jüdischen Besitzer.
Boos war über diese öffentliche Verspottung so wütend, dass er einen Strafantrag wegen «öffentlicher Herabwürdigung und Lächerlichmachung» seiner Person stellte. Er liess sogar das Scheinwerferlicht für die Abschlussveranstaltung der Fasnächtler, eine Art Fasnachtsverbrennung, abstellen. Die Feier fand daraufhin im Dunkeln statt.
Hintergrund: Schnitzelbänke
Schnitzelbänke sind eine traditionelle Form der satirischen Reimrede, die in der alemannischen Fasnacht verbreitet ist. Dabei werden aktuelle Ereignisse und Persönlichkeiten humorvoll und oft kritisch aufs Korn genommen. Die Schnitzelbänkler tragen ihre Verse in Gaststuben oder an Umzügen vor.
Das Ende und der Neubeginn
Die lokale Presse durfte über diesen Vorfall nicht berichten, da sie bereits gleichgeschaltet war. Die Basler «National-Zeitung» hingegen berichtete ausführlich und genüsslich über den «eingeschnappten» Bürgermeister. Sie schrieb, Boos habe sich aus Ärger an keiner Fasnachtsveranstaltung blicken lassen.
Der Streit zwischen Boos und dem Elferrat, dem Fasnachts-Comité, wurde schliesslich beigelegt. Boos forderte zunächst die Auflösung des gesamten Gremiums, gab sich dann aber mit der Absetzung eines Mitglieds zufrieden.
Das Ende der Vorkriegsfasnacht
Ab 1940 kam die Lörracher Fasnacht zum Erliegen. Der Zweite Weltkrieg verhinderte weitere Umzüge und Feiern. Dies galt nicht nur für Lörrach, sondern auch für Basel auf der anderen Seite der Grenze.
Bürgermeister Boos war auch an der Reichspogromnacht 1938 beteiligt, als in Lörrach die Synagoge angezündet wurde. Seine Rolle in der nationalsozialistischen Diktatur ist unbestreitbar.
Wichtige Daten
- 1938: Reichspogromnacht, Beteiligung von Boos an der Zerstörung der Synagoge.
- 1940: Einstellung der Fasnacht wegen des Zweiten Weltkriegs.
- Nach Kriegsende: Wiederaufnahme der Fasnacht ohne staatliche Bevormundung.
Die Fasnacht nach dem Krieg
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die närrische Tradition in Lörrach schnell wieder aufgenommen. Diesmal jedoch ohne die staatliche Bevormundung und den Einfluss der nationalsozialistischen Ideologie. Die Lörracher Fasnacht entwickelte sich zu dem, was sie heute ist: ein Fest des Frohsinns und der Gemeinschaft, das seine dunklen Anfänge überwunden hat.
Die Geschichte der Lörracher Fasnacht ist ein Beispiel dafür, wie kulturelle Traditionen in schwierigen Zeiten entstehen und sich entwickeln können. Sie zeigt auch, wie wichtig es ist, die Vergangenheit kritisch zu betrachten und daraus zu lernen.





