Dr. Rolf Steppacher, emeritierter Dozent für ökologische Ökonomie, hat sein Leben der Integration scheinbar gegensätzlicher Welten gewidmet. Er sieht die Verbindung von Wissenschaft, Psychologie und Religion nicht als Widerspruch, sondern als notwendiges „Und“. Seine persönliche und akademische Reise führte ihn von einem beengenden religiösen Umfeld hin zu einem interdisziplinären Verständnis der Welt und des Menschen.
Wichtige Erkenntnisse
- Rolf Steppacher plädiert für ein „Und“ statt eines „Entweder-Oder“ in Wissenschaft und Glaube.
- Frühe Konfrontation mit Umweltverschmutzung prägte sein ökologisches Denken.
- Der Weg vom Arbeiterkind zum Akademiker war von Zufällen und Ausserseitererfahrungen geprägt.
- Die Psychoanalyse und Eugen Drewermanns Theologie halfen ihm bei der Integration von Glauben und Wissenschaft.
- Sein „bio-psycho-kulturelles Menschenbild“ und das Mandala-Modell betonen ganzheitliche Beziehungen.
Frühe Prägung durch Umwelt und Glaube
Rolf Steppacher wuchs in Kleinbasel auf. Schon als Kind erlebte er die negativen Auswirkungen des Wirtschaftswachstums unmittelbar. Sein Schulweg war von Industriegerüchen geprägt. Er erinnert sich an den Gestank der Roche, der Brauerei Warteck und von Franck Aroma. Diese Erfahrungen festigten früh sein Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge.
Gleichzeitig prägte ihn das Aufwachsen in einer Freikirche. Dort herrschte eine Weltanschauung, die er später als einengend und isolierend empfand. Die Vorstellung einer baldigen Wiederkehr Jesu und die Angst, nicht zu den Auserwählten zu gehören, waren fester Bestandteil seiner Kindheit. Diese Gegensätze – die materielle Umweltverschmutzung und die spirituelle Enge – formten seine spätere Suche nach Integration.
Faktencheck: Basler Industrie
- Roche: Eines der weltweit grössten Pharmaunternehmen, gegründet 1896 in Basel.
- Brauerei Warteck: Eine historische Basler Brauerei, die bis 1990 Bier produzierte.
- Franck Aroma: Bekannt für Kaffee-Ersatzprodukte und Gewürze, prägte ebenfalls das industrielle Kleinbasel.
Vom Arbeiterkind zum interdisziplinären Denker
Steppachers Bildungsweg war ungewöhnlich. Als Arbeiterkind war für ihn die Realschule vorgesehen. Doch eine vergessene Anmeldung führte ihn in eine Überleitungsklasse ins Gymnasium in Grossbasel. Dieser glückliche Zufall ermöglichte ihm die Matura und ebnete den Weg zur Universität.
An der Universität Basel studierte er Volkswirtschaftslehre. Er wurde Assistent des bekannten Ökonomen Karl William Kapp (1910-1976). Kapp lehrte ihn die Bedeutung der Wissensintegration über die reine Spezialisierung hinaus. Diese Lehre wurde zum Leitfaden für Steppachers gesamte Karriere.
„Dass es nicht um ein ‹Entweder-Oder› geht, sondern um ein ‘Und’, das war eine Einsicht, die über viele Jahre und innere Prozesse gereift ist.“
Rolf Steppacher über sein Lebensmotto
Die Integration von Wissenschaft und Glaube
Die Spannung zwischen seinem wissenschaftlichen Studium und dem Glauben seiner Kindheit begleitete ihn. Er beschreibt, wie er sich genierte, den Weg von der Universität zur Kirche zu gehen. Über Jahre hinweg reifte in ihm die Erkenntnis, dass Wissenschaft und Glaube kein Entweder-Oder sein müssen. Für ihn ging es um das „Und“, um die Verbindung beider Welten.
Ein entscheidender Wendepunkt war die Lektüre der Bücher des deutschen Theologen und Psychoanalytikers Eugen Drewermann. Drewermanns Ansicht, dass biblische Texte oft symbolische Bedeutung haben und keine historischen Berichte sind, hatte für Steppacher eine immense emanzipatorische Kraft. Die Erkenntnis, dass der Durchzug durchs Schilfmeer eine innere Reise, eine Befreiung von lebensfeindlichen Konditionierungen symbolisiert, veränderte seine Sichtweise grundlegend.
Hintergrund: Eugen Drewermann
Eugen Drewermann ist ein deutscher Theologe, Psychoanalytiker und ehemaliger katholischer Priester. Er wurde bekannt für seine tiefenpsychologische Auslegung biblischer Texte, die oft im Widerspruch zur traditionellen kirchlichen Lehrmeinung stand. Seine Werke beeinflussten viele, die eine Brücke zwischen Glaube und moderner Psychologie suchten.
Akademische Laufbahn und das Mandala-Modell
Nach seiner Dissertation führte Steppachers Weg für einen Forschungsaufenthalt nach Indien. Später wurde er Dozent für Entwicklung und ökologische Öonomie am Institut für Entwicklungsstudien der Universität Genf. Er war auch Gastdozent an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland. Zusammen mit Kollegen leitete er Workshops für ökologisch-ökonomische Unternehmensentwicklung.
In Genf kamen Studierende aus aller Welt und aus verschiedensten Disziplinen zusammen. Steppacher förderte den interkulturellen Austausch und das Einbringen von vorhandenem Wissen der Teilnehmenden. Er sprach über Archäologie aus der Perspektive der Inka, traditionellen Reisanbau in Asien oder Fischerei im Senegal. Diese Vielfalt bestärkte ihn in seinem Wunsch nach Interdisziplinarität. Er hielt Vorlesungen und Seminare gemeinsam mit Physikern, Biologen, Ethnologen, Historikern, Förstern, Agronomen und sogar einem Arzt.
Aus dieser Arbeit entstand sein „bio-psycho-kulturelles Menschenbild“ und das sogenannte „Mandala-Modell“. Dieses Modell beschreibt vier grundlegende menschliche Beziehungen:
- Die Beziehung zur Natur
- Die Beziehung zur Gesellschaft
- Die Beziehung zu sich selbst
- Die Beziehung zu Gott oder einer universalen Realität
Er kritisiert den mechanistischen homo oeconomicus und eine Ökonomie, die von öko-sozialen Zusammenhängen isoliert ist, als unzureichend.
Ein Leben im Zeichen der „Décroissance“
Kürzlich ist Rolf Steppacher in Binningen in eine Parterrewohnung umgezogen. Er sieht dies als seine letzte irdische Bleibe. Er möchte seine Erfahrungen gerne weitergeben und ein Vorbild in Bezug auf „Décroissance“ sein – dem Reduzieren und Entschleunigen. Er fühlt sich bereit zu gehen.
Auf die Frage, was er im Jenseits erwarte, antwortet er mit einer tiefen Verbundenheit zur Musik. Schon als Kind dirigierte er Mozart am Radio, später Chöre und spielte Geige in Orchestern. Er freut sich auf überirdisch schöne Musik, wie seine Grossmutter sie vor ihrem Tod gehört hatte. Zudem stellt er sich vor, sein Leben im Jenseits mit einem persönlichen Engel noch einmal zu reflektieren, wie in einer Psychoanalyse im Himmel.
Er hofft, dabei tiefere Einsichten zu gewinnen und im Erkenntnisprozess voranzuschreiten. Die Angst vor Verurteilung, wie in seiner Kindheit gelehrt, hat er nicht. Er glaubt an einen liebevollen Blick auf sein Leben. Am 1. März wird Rolf Steppacher im Rahmen eines Ateliergottesdienstes in Kaiseraugst eine Rede zum Thema „Décroissance“ halten und mit dem emeritierten Soziologieprofessor Ueli Mäder darüber diskutieren.
Zahlen und Fakten zu Steppachers Wirken
- Jahrzehnte: Steppacher war in den 1970er Jahren bereits mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst.
- Länder: Studierende aus fast allen Ländern der Welt besuchten seine Seminare in Genf.
- Disziplinen: Zusammenarbeit mit Physikern, Biologen, Ethnologen, Historikern, Förstern, Agronomen und Ärzten.





