Mitten in der Corona-Pandemie, als die Veranstaltungsbranche komplett am Boden lag, wagte Stefan Graf einen mutigen Schritt. Der damalige Geschäftsführer der Schweizer Niederlassung eines Mietmöbel-Unternehmens kaufte den Betrieb nach der Insolvenz des Mutterhauses und rettete damit alle Arbeitsplätze. Heute floriert seine Firma Evex Rental GmbH in Pratteln und stattet Grossevents wie das WEF und die Swiss Indoors aus.
Das Wichtigste in Kürze
- Stefan Graf übernahm die insolvente Schweizer Niederlassung seines Arbeitgebers während der Corona-Krise.
- Durch den Kauf sicherte er alle bestehenden Arbeitsplätze und gründete die Evex Rental GmbH.
- Staatliche Härtefallgelder und ein Covid-Darlehen waren für das Überleben des Unternehmens entscheidend.
- Heute stattet die Firma aus Pratteln wieder Grossanlässe in der ganzen Schweiz aus und plant eine Expansion.
Ein abrupter Stillstand und eine unerwartete Chance
Für Stefan Graf, den damaligen Geschäftsführer der JMT Mietmobiliar GmbH in Pratteln, kam der Schock im Frühjahr 2020 direkt auf dem Messegelände. Kurz vor der Eröffnung des Genfer Automobilsalons wurde die Veranstaltung abgesagt. „Es war eine Tragödie“, erinnert sich der 43-Jährige. Die Stände waren fast fertig, die Arbeit musste sofort eingestellt werden.
Was folgte, war ein Dominoeffekt. Innerhalb kürzester Zeit wurden sämtliche Aufträge storniert. Die Veranstaltungsbranche, das Herzstück des Geschäfts, kam von einem Tag auf den anderen zum Erliegen. Graf musste seine sechs Mitarbeitenden nach Hause schicken und Kurzarbeit anmelden. Die Zukunft schien düster.
Die Branche im Lockdown
Die Veranstaltungsbranche gehörte zu den am stärksten von den Corona-Massnahmen betroffenen Sektoren. Messen, Konzerte, Kongresse und private Feiern wurden flächendeckend verboten. Dies führte zu einem kompletten Einbruch der Umsätze für Zulieferer wie Möbelvermieter, Standbauer und Technikanbieter.
Doch mitten in der Krise taten sich neue, unerwartete Geschäftsfelder auf. „Wir durften Impfzentren mit Mobiliar ausstatten oder Prüfungslokale, die in Turnhallen eingerichtet werden mussten“, erklärt Graf. Diese Aufträge halfen, den Betrieb am Laufen zu halten, konnten aber den Zusammenbruch des Mutterhauses in den Niederlanden nicht verhindern. Die Firma meldete Insolvenz an.
Der Sprung ins kalte Wasser
Für die Schweizer Niederlassung und ihr Team stand alles auf dem Spiel. Graf befürchtete, dass bei einem Verkauf an einen externen Investor die eingespielte Belegschaft ausgetauscht würde. Das Unternehmen war in der Branche jedoch bestens etabliert und vernetzt. Graf und sein Team glaubten fest an eine Zukunft nach der Pandemie.
Entschlossen nahm er Kontakt mit der Insolvenzverwaltung auf. Die Verhandlungen verliefen schnell, und es kam zu einer Einigung. Graf konnte das Schweizer Geschäft mit allen Werten, Verbindlichkeiten und Mitarbeitern übernehmen. „Es war ein persönliches Risiko“, sagt er heute. Für den Kauf setzte er sein gesamtes Erspartes ein und verzichtete bewusst auf Bankkredite.
„Ich habe mein Erspartes aufs Spiel gesetzt, weil ich an das Team und die Zukunft der Branche geglaubt habe. Aufgeben war keine Option.“
Staatliche Hilfe als Rettungsanker
Ohne Unterstützung von Bund und Kanton wäre dieser Schritt jedoch nicht möglich gewesen. Als gelernter Treuhänder wusste Graf, wie wichtig diese Hilfen waren. Sein Unternehmen erhielt mehrere 100'000 Franken an Härtefallgeldern. Die Berechnung basierte auf den Geschäftszahlen der fünf Jahre vor der Krise.
Zusätzlich nahm er ein zinsloses Covid-Darlehen in Höhe von 285'000 Franken auf, das heute bereits grösstenteils zurückbezahlt ist. „Ich bin enorm dankbar für die schnelle und unkomplizierte Hilfe des Kantons“, betont Graf. Diese Unterstützung sicherte das Überleben des Betriebs in der schwierigsten Phase.
Neustart und Wachstum nach der Krise
Nachdem die meisten Einschränkungen im Jahr 2021 aufgehoben wurden, erfolgte im September die definitive Übernahme. Das Unternehmen firmiert seither unter dem Namen Evex Rental GmbH. Der Neustart war erfolgreich. Die Belegschaft ist mittlerweile von sechs auf elf Mitarbeitende angewachsen.
Das Herzstück des Unternehmens ist das gigantische Lager in Pratteln. Auf einer Fläche von 3300 Quadratmetern lagern auf fünf Etagen Tausende von Mietgegenständen.
Das Lager in Zahlen
- Fläche: 3300 Quadratmeter
- Regalhöhe: 7,5 Meter auf 5 Böden
- Bestand: Geschätzt 4500 bis 5000 Möbelstücke
- Erneuerung: Jährlich werden 5 % des Sortiments ausgetauscht
Das Sortiment reicht von Stühlen und Tischen über Vitrinen und Theken bis hin zu kompletten Polstergruppen und Kaffeemaschinen. Um modisch relevant zu bleiben, besucht Graf regelmässig Möbelmessen in Mailand und Kopenhagen. Was nicht mehr zeitgemäss ist, wird bei Rampenverkäufen angeboten.
Grosse Namen und neue Ziele
Die Kundenliste von Evex Rental ist beeindruckend. Das Unternehmen stattet Mega-Events wie das World Economic Forum (WEF) in Davos, die Swiss Indoors in Basel und das Locarno Film Festival aus. Auch beim Eurovision Song Contest (ESC) in Basel war das Prattler Mobiliar im Einsatz.
Die Hauptkunden sind Event-Agenturen, Standbaufirmen und Messeveranstalter aus der ganzen Schweiz. Graf betont jedoch, dass er auch kleinere, private Feiern beliefert. „Wir sind unabhängig, flexibel und können auf individuelle Wünsche eingehen.“
Für die Zukunft hat der Unternehmer klare Pläne. Er möchte das Geschäft mit Outdoor-Veranstaltungen ausbauen und Festivals wie das Gurtenfestival oder das Greenfield beliefern. Nach dem Erfolg beim ESC in Basel will er sich auch für den nächsten ESC in Wien bewerben. „Falls nötig, gründen wir dafür eine Filiale in Bregenz“, sagt er selbstbewusst. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt: Den Auftrag für die Eishockey-WM 2024 in Zürich und Fribourg hat ein Konkurrent erhalten. Als grosser Hockeyfan hätte er diesen Job besonders gerne gemacht. Ein kleiner Trost ist, dass seine Firma als Sponsor des EHC Basel Namensgeberin der „Evex Lounge“ in der St. Jakob-Arena ist.





