In Pratteln BL stehen fünf Geschäfte und 35 Wohnparteien vor einer ungewissen Zukunft. Die Verwaltung plant eine Totalsanierung eines Gebäudeblocks an der Burggartenstrasse. Dies führt bei den betroffenen Mietern zu grosser Besorgnis und Existenzängsten. Die Informationspolitik der Verwaltung wird von den Betroffenen scharf kritisiert.
Wichtige Punkte
- Fünf Geschäfte und 35 Wohnungen in Pratteln von Kündigung betroffen.
- Grund ist eine geplante Totalsanierung des Gebäudes.
- Mieter beklagen mangelnde und kurzfristige Kommunikation seitens der Verwaltung.
- Geschäftsinhaber fürchten um ihre Existenz und die Zukunft ihrer Mitarbeitenden.
- Gerichtliche Verlängerung der Mietverträge bis April 2026.
Totalsanierung führt zu Kündigungen
Ein Gebäudekomplex an der Burggartenstrasse in Pratteln soll totalsaniert werden. Diese Massnahme betrifft nicht nur zahlreiche Wohnungen, sondern auch mehrere etablierte Geschäfte. Die Verwaltung, Wincasa, begründet die Sanierung mit dem Alter des Gebäudes, das aus dem Jahr 1960 stammt und zuletzt 1987 renoviert wurde. Eine Sanierung im bewohnten Zustand sei nicht möglich.
Für die betroffenen Mieter bedeutet dies den Verlust ihrer langjährigen Standorte und Wohnungen. Die Situation ist besonders für Geschäftsinhaber prekär, die sich über viele Jahre eine Stammkundschaft aufgebaut haben. Sie sehen ihre berufliche Existenz in Gefahr und machen sich Sorgen um ihre Familien und Angestellten.
Fakten zur Sanierung
- Gebäudealter: Baujahr 1960
- Letzte Renovierung: 1987
- Betroffene Parteien: 5 Geschäfte, 35 Wohnungen
- Grund der Sanierung: Notwendigkeit aufgrund des Gebäudezustands
Kritik an der Informationspolitik
Senpinar Bülent, der seit 2009 einen Getränkehandel in dem Block betreibt, äussert sich enttäuscht über die Kommunikation der Verwaltung. Er berichtet, dass er und seine Kollegen erst sehr spät über die geplanten Massnahmen informiert wurden. «Sie wussten doch, dass renoviert wird. Nichts haben sie uns gesagt», so Senpinar Bülent.
Auch Hasan Terzi-Yildiz, Inhaber des Nergele Market, wurde während seiner Sommerferien gekündigt. Er hatte erst Ende Mai einen unbefristeten Vertrag unterschrieben, bevor im Juli die Kündigung eintraf. Diese kurzfristige Mitteilung sorgt bei den Mietern für Frustration und das Gefühl, übergangen worden zu sein.
«Ich habe mir hier eine Stammkundschaft aufgebaut. Die gleichen Kinder, die früher bei mir Süssigkeiten gekauft haben, gehören heute 16 Jahren später immer noch zu meiner Kundschaft.»
Gerichtliche Intervention und ungewisse Zukunft
Alle fünf betroffenen Geschäfte und eine der 35 Wohnparteien haben sich an das Schlichtungsgericht gewandt. Das Gericht gewährte allen eine Verlängerung der Mietverträge um sechs Monate, was bedeutet, dass die Betroffenen noch bis April 2026 in ihren Räumlichkeiten bleiben dürfen. Diese Frist verschafft zwar etwas Zeit, löst aber nicht die grundlegenden Probleme.
Senpinar Bülent beklagt die Schwierigkeiten, mit der Verwaltung in Kontakt zu treten. Er berichtet von wechselnden Ansprechpartnern und dem Gefühl, dass niemand wirklich zuständig sei. «Alle sechs Monate ist jemand Neues zuständig. Alle sagen uns, dass im Prozess Fehler passiert seien. Sie unternehmen aber nichts dagegen.»
Hintergrundinformationen
Die Kündigung von Mietverträgen aufgrund einer Totalsanierung ist in der Schweiz rechtlich möglich. Allerdings sind Vermieter verpflichtet, die Mieter rechtzeitig und angemessen zu informieren. Die Fristen und Unterstützungsleistungen können je nach Kanton und individuellem Fall variieren. Oft kommt es zu Streitigkeiten über die Rechtmässigkeit der Kündigung und die Höhe allfälliger Entschädigungen.
Existenzängste bei den Betroffenen
Die Kündigungen stürzen die Geschäftsinhaber in grosse Unsicherheit. Hasan Terzi-Yildiz, der erst vor zwei Jahren den Nergele Market übernommen hat und fünf Mitarbeitende beschäftigt, äussert sich besorgt. Er weiss nicht, wie er seine Familie versorgen und die Miete bezahlen soll, wenn sein Geschäft schliessen muss. Auch die Zukunft seiner Mitarbeitenden ist ungewiss.
Senpinar Bülent hat zwar ein neues Mietobjekt in Aussicht, doch die massgeschneiderten Möbel und Apparaturen seines aktuellen Geschäfts würden dort nicht passen. Die Richterin habe lediglich gesagt, er könne alles mitnehmen, was für ihn jedoch keine praktikable Lösung darstellt.
Die Verwaltung, Wincasa, gibt an, alle Parteien rechtzeitig über die Sanierung informiert zu haben. Sie verspricht zudem Unterstützung bei der Suche nach Anschlusslösungen, beispielsweise durch eine Teilübernahme der Umzugskosten. Nach der Sanierung soll die Liegenschaft «neu ausgerichtet» werden. Ein Wiedereinzug der Geschäfte werde «situativ geprüft».
Forderungen der Mieter
- Rechtzeitige und klare Kommunikation
- Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Ersatzlokalen
- Möglichkeit zum Wiedereinzug nach der Sanierung
- Transparenz bezüglich der zukünftigen Nutzung der Liegenschaft
Senpinar Bülent zeigt sich bereit, nach der Sanierung eine höhere Miete zu zahlen, um sein Geschäft am vertrauten Standort weiterzuführen. Er plant, Unterschriften zu sammeln, um seine Forderung nach einem Wiedereinzug zu untermauern. Die Mieter hoffen auf eine faire Lösung, die ihre langjährige Treue und ihr Engagement berücksichtigt.
Die Situation in Pratteln verdeutlicht die Herausforderungen, denen sich kleine Unternehmen und langjährige Mieter bei grossen Bauprojekten gegenübersehen. Die Balance zwischen notwendiger Gebäudeerneuerung und dem Schutz bestehender Existenzen bleibt eine komplexe Aufgabe für Verwaltungen und Behörden.





