In der Schweiz sorgen immer wieder öffentliche Bauprojekte für Diskussionen, die mit hohen Kosten verbunden sind, aber deren Nutzen infrage gestellt wird. Ein aktuelles Beispiel ist die für 60 Millionen Franken errichtete provisorische Passerelle am Bahnhof Basel SBB, die auch Monate nach ihrer Eröffnung nur spärlich genutzt wird. Doch Basel ist kein Einzelfall – von überdimensionierten Bahnhöfen bis hin zu Brücken, die ins Leere führen, gibt es landesweit ähnliche Fälle.
Das Wichtigste in Kürze
- Am Bahnhof Basel wurde eine provisorische Passerelle für 60 Millionen Franken gebaut, die kaum frequentiert wird.
- In Sutz-Lattrigen (BE) entstand für 25 Millionen Franken ein überdimensionierter Bahnhof für eine 1400-Seelen-Gemeinde.
- Das Quartier Olten Südwest kämpft seit Jahren mit Leerstand und schlechter Anbindung.
- In Winterthur wurde eine 60-Millionen-Franken-Brücke gebaut, um einen Bahnhof zu erschliessen, dessen Realisierung um Jahre verschoben wurde.
Der Fall Basel: Eine Brücke für 60 Millionen
Seit rund drei Monaten steht am Bahnhof Basel SBB eine neue provisorische Fussgängerbrücke. Das Bauwerk, das den Zugang zu den Gleisen während der Modernisierungsarbeiten sicherstellen soll, kostete den Steuerzahler rund 60 Millionen Franken. Die Realität zeigt jedoch ein anderes Bild: Die breite und moderne Passerelle wird von den Reisenden kaum angenommen. Die meisten Passagiere nutzen weiterhin die alte, belebtere Unterführung.
Kritiker sprechen von einer teuren Fehlplanung. Die geringe Nutzung wirft die Frage auf, ob eine derart kostspielige Übergangslösung wirklich notwendig war oder ob alternative, günstigere Varianten ausreichend gewesen wären. Die SBB verweist auf die Notwendigkeit, die Passagierströme während der mehrjährigen Bauphase zu lenken, doch die leeren Gänge der neuen Brücke erzählen eine andere Geschichte.
Hintergrund der Basler Bauarbeiten
Die Passerelle ist Teil des umfassenden Umbaus des Bahnhofs Basel SBB. Die Modernisierung soll den Bahnhof fit für die Zukunft machen und die Kapazitäten erhöhen. Das Gesamtprojekt ist auf mehrere Jahre angelegt und umfasst neben der Erneuerung der Gleisanlagen auch die Anpassung der Perrons und Zugänge.
Sutz-Lattrigen: Ein Bahnhof für die Zukunft?
Ein ähnliches Bild des Unverständnisses zeigt sich im Berner Seeland. In der beschaulichen 1400-Einwohner-Gemeinde Sutz-Lattrigen wurde ein Schmalspur-Bahnhof für rund 25 Millionen Franken saniert. Das Ergebnis ist ein Bauwerk, das mehr als viereinhalbmal so gross ist wie zuvor.
Die Betreibergesellschaft, Aare Seeland Mobil (ASM), begründet den Ausbau mit der Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes, erhöhter Sicherheit und besserem Witterungsschutz. Zudem rechnet die ASM mit einem zukünftigen Bevölkerungswachstum und steigenden Fahrgastzahlen. Diese Prognose steht jedoch im Widerspruch zur aktuellen demografischen Entwicklung des Dorfes, dessen Bevölkerungszahl stagniert. Viele Einheimische wohnen zudem näher an der zweiten Haltestelle des Ortes, was die Notwendigkeit des Grossumbaus zusätzlich infrage stellt.
Olten Südwest: Ein Quartier mit Startschwierigkeiten
Im Kanton Solothurn sorgt ein ganzes Quartier seit Jahren für Kopfschütteln. Auf einer ehemaligen Kiesgrube am Rande von Olten entstand das Quartier Olten Südwest. Die Siedlung, die von Kritikern oft als «DDR-Plattenbau» bezeichnet wird, kämpft bis heute mit Problemen.
Die Geschichte begann 2009, als die Stadt Olten dem Bauunternehmer Leopold Bachmann freie Hand liess. Es entstanden 420 Wohnungen in einer Bauweise, die heute als veraltet gilt: viel Plastik, keine Balkone und Ölheizungen. Zeitweise stand fast ein Drittel der Wohnungen leer. Ein wesentliches Problem ist die schlechte Anbindung an die Stadt. Das Quartier ist durch Bahngleise vom Rest Oltens getrennt, und eine gute Busverbindung fehlt bis heute. Im ursprünglichen Gestaltungsplan hatte die Stadt versäumt, den Bauherrn zu einer Beteiligung an der Erschliessung zu verpflichten. Eine Lösung scheint nun in Sicht, da die SBB auf einem benachbarten Areal bauen will, was eine kostengünstigere Realisierung der Anbindung ermöglichen könnte.
Ein langer Weg zur Anbindung
Über ein Jahrzehnt nach dem Bau der ersten Wohnungen bleibt die verkehrstechnische Erschliessung von Olten Südwest ungelöst. Die geplante Verbindung soll nun im Zuge eines anderen Grossprojekts realisiert werden, was die ursprünglichen Planungsversäumnisse der Stadt unterstreicht.
Winterthur: Eine Brücke, die ins Leere führt
Auch in Winterthur sorgt ein Infrastrukturprojekt für Empörung. 2020 stimmte die Bevölkerung einem Kredit von 60 Millionen Franken für die Leonie-Moser-Brücke zu. Sie soll die Sulzerallee mit der St. Gallerstrasse verbinden und ist ausschliesslich für Busse und Velos vorgesehen. Das Ziel: eine neue ÖV-Drehscheibe am Bahnhof Winterthur Grüze zu schaffen.
Die Brücke sollte vor allem den Zugang zur geplanten neuen S-Bahn-Haltestelle «Grüze Nord» sicherstellen. Doch genau hier liegt das Problem: Die Realisierung dieses Bahnhofs wurde kürzlich in einem ETH-Bericht auf die Stufe 6 herabgestuft, was «auf absehbare Zeit nicht realisierbar» bedeutet. Manuel Zanoni, Vizepräsident der SVP Winterthur, rechnet nicht vor 2045 mit dem neuen Bahnhof.
«Man baut also eine Brücke für Velos, die zu steil für Velos ist, um einen Bahnhof zu erschliessen, an dem kein Zug hält.»
Zu allem Überfluss wurde bei der Planung offenbar die Velotauglichkeit vernachlässigt. Kritiker bemängeln, die Rampen seien für viele Radfahrer zu steil. Als Konsequenz müsse nun ein zusätzlicher Tunnel für den Velo- und Fussverkehr gebaut werden. Die Kritik von Zanoni fasst die Situation pointiert zusammen.
Steuergelder und öffentliche Verantwortung
Diese Beispiele aus Basel, Sutz-Lattrigen, Olten und Winterthur werfen eine grundlegende Frage auf: Wie sorgfältig gehen öffentliche Hand und staatsnahe Betriebe mit Steuergeldern um? Während Planer oft mit langfristigen Entwicklungen argumentieren, führt die Diskrepanz zwischen teuren Bauwerken und ihrem tatsächlichen Nutzen zu wachsendem Unmut in der Bevölkerung.
Ob es sich um vorausschauende Planung für eine ferne Zukunft oder um kostspielige Fehlentscheidungen handelt, wird sich oft erst nach Jahren zeigen. Für den Moment bleiben jedoch leere Brücken, überdimensionierte Bahnhöfe und schlecht angebundene Quartiere als Mahnmale stehen.





