Das Museum Tinguely in Basel widmet dem US-amerikanischen Künstler Carl Cheng die erste umfassende Retrospektive. Unter dem Titel «Nature Never Loses» zeigt die Ausstellung das vielseitige Werk eines Künstlers, der sich bewusst dem kommerziellen Kunstmarkt entzogen hat und stattdessen das Zusammenspiel von Natur, Technologie und Vergänglichkeit erforscht.
Besucher können bis zum 10. Mai 2026 in eine Welt eintauchen, in der Maschinen Landschaften erschaffen und der Verfall als kreativer Prozess verstanden wird. Die Ausstellung bietet einen seltenen Einblick in das Schaffen eines Mannes, für den die Kunst nicht im Besitz, sondern im Erleben liegt.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Museum Tinguely zeigt die erste grosse Retrospektive des US-Künstlers Carl Cheng mit dem Titel «Nature Never Loses».
- Die Ausstellung beleuchtet Chengs Fokus auf Natur, Technologie und die Vergänglichkeit von Kunst.
- Ein zentrales Thema ist Chengs Ablehnung des kommerziellen Kunstmarktes zugunsten von Kunst im öffentlichen Raum.
- Speziell für die Ausstellung in Basel hat der 83-jährige Künstler eine neue, temporäre Sandinstallation geschaffen.
Ein Künstler abseits des Rampenlichts
Carl Cheng ist in der Kunstwelt ein vergleichsweise Unbekannter. Dies ist jedoch keine Folge mangelnden Erfolgs, sondern eine bewusste Entscheidung des heute 83-jährigen Künstlers. Sein Ziel war es nie, berühmt zu werden oder seine Werke für hohe Summen zu verkaufen. Stattdessen wollte er seine Kunst direkt zu den Menschen bringen, dorthin, wo das Leben stattfindet.
Diese Haltung entwickelte sich während einer prägenden Asienreise in den frühen 1970er-Jahren. «Die Menschen, die in Indien Kunst geniessen, interessieren sich nicht dafür, wer der Künstler ist. Das war ein grosser Schock für mich», erklärt Cheng. Er kritisierte die westliche, insbesondere die amerikanische Kunstszene, in der Selbstvermarktung oft wichtiger sei als der künstlerische Inhalt selbst.
«Für mich ist das eine sehr dumme Idee, sein Leben damit zu verbringen, Geld zu machen. Da kann man sich auch einfach einen Job suchen.» – Carl Cheng
Diese Philosophie spiegelt sich in seinem gesamten Werk wider. Viele seiner Projekte sind flüchtig, für den Moment geschaffen und der Zerstörung durch Natur oder Mensch preisgegeben.
Die Natur als Labor und Partner
Das zentrale Thema in Chengs Schaffen ist die Natur. Er beobachtet ihre Prozesse, ahmt sie nach und nutzt sie als aktiven Teil seiner Kunst. In seinem «Nature Laboratory» setzte er Steine und andere Objekte auf dem Dach seines Studios aus, um die Auswirkungen von Sonne, Wind und Regen zu dokumentieren. Später baute er Maschinen, die diese natürlichen Verwitterungsprozesse simulierten.
Kunst und Industriedesign
Carl Cheng studierte sowohl Kunst als auch Industriedesign. Diese duale Ausbildung prägt sein Werk massgeblich. Er besitzt die Fähigkeit, komplexe Maschinen zu entwerfen und zu bauen, die er jedoch nicht für industrielle Zwecke, sondern für seine künstlerischen und philosophischen Erkundungen einsetzt.
Ein weiteres Beispiel ist sein «Avocado Laboratory». Aus hunderten getrockneten Avocadoschalen schuf er kleine, faszinierende Skulpturen. Diese arrangierte er in einer Weise, die an eine wissenschaftliche Sammlung erinnert und die Grenze zwischen Kunst und Naturwissenschaft verschwimmen lässt.
Technologie als Werkzeug und Warnung
Obwohl die Natur im Mittelpunkt steht, spielt Technologie eine ebenso wichtige, aber ambivalente Rolle. Andres Pardey, Vizedirektor des Museum Tinguely und Co-Kurator der Ausstellung, beschreibt diese Spannung: «Im Werk von Carl Cheng spielt die Technologie eine entscheidende und ambivalente Rolle. Einerseits braucht er Technologie, um seine Werke herzustellen, und andererseits ist er sich sehr bewusst, dass genau diese Technologie die Transformationsprozesse in der Natur befördert.»
Bereits Mitte der 1960er-Jahre schuf Cheng die Installation «Early Warning System». Ein Turm, in dem ein Radio ununterbrochen den lokalen Wetterbericht sendete, während ein Projektor Bilder von Müllhalden und einer Ölpest an die Wand warf – eine frühe und eindringliche Auseinandersetzung mit der menschengemachten Umweltzerstörung.
Vergängliche Städte und spielerische Maschinen
Eines von Chengs bekanntesten Projekten fand 1988 am Strand von Santa Monica statt. Er konstruierte eine zwölf Tonnen schwere Betonwalze, in die er das Negativ einer Miniaturversion von Los Angeles eingearbeitet hatte. Ein Traktor zog diese Walze über den Sand und hinterliess eine neun Meter lange und dreieinhalb Meter breite Stadtlandschaft.
Eine Stadt aus Sand
- Gewicht der Walze: 12 Tonnen
- Material: Beton
- Grösse des Abdrucks: 9 Meter lang, 3,5 Meter breit
- Ort: Santa Monica Beach, Los Angeles
Das Kunstwerk war bewusst vergänglich. Strandbesucher liefen durch die Miniaturstrassen und zerstörten die Stadt innerhalb kurzer Zeit wieder – ein Kommentar zur Flüchtigkeit urbaner Strukturen und zur Macht der Natur.
Trotz der ernsten Themen wie Umweltzerstörung und Vergänglichkeit ist Chengs Arbeiten ein spielerischer und humorvoller Unterton eigen. «Für meine Kunst habe ich kein strenges Konzept», sagt der Künstler. «Ich kann von den Leuten nicht erwarten, dass alle das, was ich mache, ernst nehmen. Deshalb ist meine Herangehensweise von vornherein spielerisch.»
Eine Sandlandschaft für Basel
Diese spielerische Herangehensweise zeigt sich auch in dem Werk, das Carl Cheng exklusiv für die Ausstellung im Museum Tinguely geschaffen hat. Über einen Zeitraum von zehn Tagen erschuf er mithilfe einer selbstgebauten Maschine eine feingliedrige Landschaft aus Sand direkt im Ausstellungsraum.
Dieses Werk verkörpert die Essenz seiner Kunst: Es ist nicht für die Ewigkeit gemacht. Es lässt sich nicht verkaufen, transportieren oder konservieren. Am Ende der Ausstellung, am 10. Mai 2026, wird der Sand einfach zusammengefegt. Was bleibt, ist die Erinnerung an das Erlebnis.
Die Retrospektive «Nature Never Loses» ist somit mehr als nur eine Kunstausstellung. Sie ist eine Einladung, über unseren Umgang mit Natur, Technologie und den Wert der Dinge nachzudenken. Sie stellt einen Künstler vor, der beweist, dass die grösste Wirkung oft im Stillen und Vergänglichen liegt.





