Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein präsentiert erstmals eine umfassende Retrospektive der niederländischen Designerin Hella Jongerius. Unter dem Titel „Whispering Things“ sind rund 400 Objekte zu sehen, die ihr dreissigjähriges Schaffen umfassen. Die Ausstellung, die vom 14. März bis zum 6. September 2026 läuft, beleuchtet Jongerius’ einzigartigen Ansatz, der Design als eine forschende und poetische Praxis versteht.
Wichtige Punkte
- Erste grosse Retrospektive von Hella Jongerius im Vitra Design Museum.
- Die Ausstellung "Whispering Things" zeigt 400 Objekte aus drei Jahrzehnten.
- Jongerius' Arbeit verbindet Handwerk und industrielle Produktion.
- Farbe und Materialität sind zentrale Forschungsthemen der Designerin.
- Ein neuer Wassergarten mit einem Brunnen von Jongerius entsteht auf dem Vitra-Campus.
Einblick in eine Designer-Biografie
Die Schau im Vitra Design Museum gleicht einer verdichteten Biografie. Besucher erhalten Einblick in Möbel, Textilien, Keramiken, Prototypen, Skizzen und Filme. Diese Objekte zeigen eine Designerin, die sich nicht mit oberflächlichen Lösungen zufriedengibt. Jongerius fokussiert sich auf die Entstehungsgeschichte ihrer Produkte. Sie untersucht die Hände, die formen, die Materialien, die Widerstand leisten, und die kulturellen Bedeutungen, die in Objekten eingeschrieben sind.
Die Ausstellung ist in vier thematische Kapitel unterteilt. Jedes Kapitel beleuchtet einen spezifischen Aspekt von Jongerius' kreativem Prozess und ihrer Philosophie.
Ausstellungsdaten
- Titel: Hella Jongerius: Whispering Things
- Ort: Vitra Design Museum, Weil am Rhein
- Dauer: 14. März 2026 – 06. September 2026
Von frühen Experimenten bis zur industriellen Zusammenarbeit
Das erste Kapitel, Dirty Hands, widmet sich den frühen 1990er Jahren. Es zeigt Jongerius’ Zeit beim niederländischen Kollektiv Droog Design. Schon damals prägte sie ein Gestaltungsverständnis, das Handwerk und Industrie miteinander verbindet. Eine Videoarbeit in diesem Bereich verdeutlicht die zentrale Rolle von Haptik und körperlicher Arbeit in ihrem Ansatz. Die Designerin selbst hat ihre Hände in dieser Arbeit festgehalten, um die Bedeutung des physischen Schaffens zu betonen.
Der zweite Raum, Business Class, beleuchtet Jongerius’ Kooperationen mit bekannten Unternehmen. Dazu gehören Hersteller wie Vitra, IKEA, Maharam und KLM Royal Dutch Airlines. Hier stehen nicht nur die fertigen Produkte im Vordergrund. Vielmehr werden die Prozesse hinter den industriellen Projekten sichtbar. Skizzen, Muster und Prototypen zeigen, wie Jongerius diese Projekte als Forschungsfelder nutzt. Sie stellt dabei kritische Fragen zu Produktionsmethoden, Markenidentität und unternehmerischer Verantwortung.
„Ich sehe hier mein ganzes Leben“, sagte Hella Jongerius an der Medienkonferenz. „Flüstern ist für mich laut. Die Dinge um uns herum sind nicht stumm, sondern Träger von Geschichten.“
Farbe als Experiment und kulturelles Zeichen
Ein roter Faden zieht sich durch Jongerius’ gesamtes Werk: die Farbe. Im Abschnitt Feeling Eye wird ihre intensive Auseinandersetzung mit Farbwahrnehmung deutlich. Rauminstallationen und Serien wie die „Coloured Vases“ untersuchen, wie Farben im Raum, im Licht und im Material wirken. Die verwendeten Töne sind oft fröhlich und lebendig. Sie schaffen visuellen Reichtum, ohne dabei rein dekorativ zu wirken. Für Jongerius ist Farbe gleichzeitig Experiment und kulturelles Zeichen. Sie erforscht, wie Farben Emotionen und Bedeutungen transportieren.
Hintergrund: Hella Jongerius
Hella Jongerius, geboren 1963 in De Meern, Niederlande, ist eine international anerkannte Designerin. Sie ist bekannt für ihre Experimente mit Materialien, Farben und Oberflächen. Ihre Arbeit bewegt sich oft an der Schnittstelle von Handwerk und industrieller Produktion. Jongerius setzt sich kritisch mit Konsumverhalten und Produktionsprozessen auseinander.
Design an der Grenze zur Kunst
Der letzte Abschnitt, Cosmic Mind, öffnet Jongerius’ Werk in Richtung Kunst. Hier sind skulpturale Objekte zu sehen, die sich an der Grenze zwischen Design und Skulptur bewegen. Beispiele dafür sind der „Frog Table“ oder die Serie „Angry Animals“. Diese Arbeiten hinterfragen die Beziehung zwischen Mensch, Tier und Objekt. Besonders die nach der Pandemie entstandenen „Space Amulets“ entfalten eine beinahe rituelle Dimension. Sie laden den Betrachter ein, über tiefere Verbindungen zu Objekten nachzudenken.
Jongerius' grundlegende Haltung spiegelt sich im Ausstellungstitel wider. Sie betont, dass Dinge nicht stumm sind. Sie sind Träger von Geschichten und Teil unserer Identität. Objekte in unserem Zuhause sind Orte von Erinnerungen, manchmal beschädigt oder repariert. Sie sind immer Ausdruck einer bestimmten Kultur. Genau hierin liegt die Radikalität ihres Werks.
- Materialforschung: Jongerius experimentiert intensiv mit Materialien und deren Eigenschaften.
- Farbstudien: Ihre Arbeiten zeigen eine tiefe Auseinandersetzung mit Farbwirkung und -wahrnehmung.
- Nachhaltigkeit: Fragen des verantwortungsvollen Umgangs mit Ressourcen begleiten ihre Arbeit seit den 1990er Jahren.
Unperfektion und Nachhaltigkeit
Jongerius strebt nicht nach makelloser Perfektion. Im Gegenteil, das Unperfekte gehört für sie zum Ergebnis. Kleine Abweichungen, sichtbare Spuren der Herstellung und Materialeigenschaften, die sich nicht vollständig kontrollieren lassen, sind Teil ihrer Ästhetik. Dieser Ansatz steht im Gegensatz zur Massenproduktion, die oft Fehlerfreiheit als oberstes Ziel verfolgt.
Fragen der Nachhaltigkeit und des verantwortungsvollen Umgangs mit Ressourcen sind seit den 1990er Jahren fester Bestandteil ihrer Arbeit. Sie fordert einen bewussteren Umgang mit Produkten und deren Lebenszyklen. Ihre Werke regen dazu an, die Wertschätzung für handwerkliche Qualität und langlebige Objekte neu zu entdecken.
Zukünftige Projekte
Parallel zur Ausstellung entsteht auf dem Vitra-Campus ein neuer Water Garden. Dieser wird vom belgischen Landschaftsarchitekten Bas Smets gestaltet. Ein Brunnen von Hella Jongerius, eine überdimensionale Version eines „Angry Animals“, wird im Juni zur Art Basel enthüllt. Dies zeigt, dass ihre Arbeit auch weiterhin neue Formen und Räume erobert.
„Whispering Things“ ist mehr als eine Retrospektive. Die Ausstellung zeigt eine Designerin, die sich konsequent dem schnellen Konsum und ästhetischen Konventionen entzieht. Ihr Werk erinnert daran, dass selbst die leisesten Dinge eine Geschichte zu erzählen haben und uns auf vielfältige Weise ansprechen können.





