Rund 30 Jahre nach dem Ende des Bosnienkriegs scheint das Geschehene in der Schweiz und Europa weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden zu sein. Ein Kulturfestival in Bern, organisiert von zwei Frauen der postjugoslawischen Diaspora, will das nun ändern. Es schafft eine Plattform für Dialog, Erinnerung und einen Blick in die Zukunft, um die Wunden der Vergangenheit zu thematisieren.
Die Jugoslawienkriege der 1990er-Jahre zerrissen einen Vielvölkerstaat und forderten unzählige Menschenleben. Allein der Krieg in Bosnien und Herzegowina kostete über 100'000 Menschen das Leben. Millionen wurden zu Flüchtlingen. Heute leben in der Schweiz rund eine halbe Million Menschen, deren Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien liegen.
Das Wichtigste in Kürze
- Das (Hi)Story-Festival in Bern thematisiert die Aufarbeitung der Jugoslawienkriege.
- Organisiert wird es von Marina Porobić und Tanja Miljanović, Vertreterinnen der zweiten Generation der Diaspora.
- Ziel ist es, den Dialog zwischen Menschen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens zu fördern.
- Kultur wie Literatur und Film soll Brücken bauen und Empathie schaffen, wo politische Diskurse oft scheitern.
- Das Festival reagiert auf das Vergessen der Kriege im kollektiven Gedächtnis der Schweiz.
Ein Raum für schwierige Gespräche
Das (Hi)Story-Festival in Bern versammelt Künstler, Autoren und Wissenschaftler aus allen Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien sowie aus der Diaspora. Die Gründerinnen, die Kunsthistorikerin Marina Porobić und die Osteuropahistorikerin Tanja Miljanović, kamen selbst als Kinder während der Kriegsjahre in die Schweiz. Ihr Ziel ist es nicht, alte Wunden aufzureissen, sondern einen Raum für deren Betrachtung zu schaffen.
„Wir versuchen heute, also 30 Jahre nach dem Ende des Bosnienkriegs, das zu ermöglichen, was in den Kriegsjahren noch unmöglich schien: einen Dialog zu fördern“, erklärt Marina Porobić. Es gehe darum, Brücken zu bauen – ein Bild, das die Organisatorinnen bewusst vom jugoslawischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Ivo Andrić entlehnt haben.
Die zweite Generation ergreift das Wort
Auffällig ist, dass es oft die zweite Generation ist, die nun die Initiative ergreift. Tanja Miljanović sieht darin eine logische Entwicklung. „Wir gehören zu den ersten, von denen viele einen Beruf ausüben, den sie selbst gewählt haben“, sagt sie. Die Elterngeneration sei primär mit dem Überleben und dem Aufbau einer neuen Existenz beschäftigt gewesen.
„Es ist ein anderes Selbstverständnis, das unserer Generation innewohnt, und ich denke, es ist kein Zufall, dass es aktuell so viele literarische Werke, Kunstausstellungen, aber auch wissenschaftliche Bücher gibt, die aus diesem Teil der Diaspora kommen.“
Diese neue Welle an kulturellem und wissenschaftlichem Schaffen helfe dabei, stereotype Narrative aufzubrechen, die in der Schweiz noch immer vorherrschen.
Historischer Hintergrund: Die Jugoslawienkriege
Die Jugoslawienkriege waren eine Serie von bewaffneten Konflikten, die zwischen 1991 und 2001 auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien stattfanden. Sie führten zum Zerfall des Staates und zur Gründung der souveränen Nachfolgestaaten Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Nordmazedonien, Serbien und Montenegro. Die Kriege waren geprägt von ethnischen Säuberungen, Kriegsverbrechen und schweren Menschenrechtsverletzungen.
Vergessen im Herzen Europas
Ein zentraler Antrieb für das Festival ist die Beobachtung, dass die Kriege auf dem Balkan im westeuropäischen Bewusstsein kaum noch präsent sind. „Der Ukrainekrieg wurde in den Medien als der erste Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg besprochen. Das finde ich hart“, sagt Porobić. Diese Wahrnehmung ignoriere die Tatsache, dass mitten in Europa vor nur drei Jahrzehnten ein brutaler Konflikt tobte.
Diese kollektive Amnesie hat konkrete Folgen. In Schweizer Schulen wird das Thema kaum behandelt, obwohl viele Jugendliche mit postjugoslawischem Hintergrund in den Klassen sitzen. Initiativen wie das Basler „mostKollektiv“ versuchen, diese Lücke zu füllen, indem sie Lehrmaterialien für Gymnasien entwickeln.
Zahlen und Fakten
- Über 100'000 Tote allein im Bosnienkrieg (1992–1995).
- Rund 2,2 Millionen Menschen wurden während des Bosnienkriegs vertrieben oder flüchteten.
- Ca. 500'000 Menschen in der Schweiz haben heute einen Bezug zum ehemaligen Jugoslawien.
Der mühsame Weg zur Versöhnung
Für eine nachhaltige Friedenssicherung ist die Aufarbeitung der Vergangenheit unerlässlich. Tanja Miljanović bevorzugt den englischen Begriff „dealing with the past“, da er den prozesshaften Charakter betont. Sie erklärt, dass die Erinnerung an Traumata des Zweiten Weltkriegs in den 1990er-Jahren von nationalistischen Kräften instrumentalisiert wurde, um Hass zu schüren.
Heute gehe es darum, einen anderen Weg zu gehen. „Wir glauben an eine Erinnerungspolitik, die das Menschliche ins Zentrum setzt“, so Miljanović. Anstelle von Heldengeschichten brauche es die Anerkennung des Leids der Opfer. „Die Anerkennung des Leids des Gegenübers ist dabei zentral. Man kann nichts ungeschehen machen – aber man kann hinstehen und sagen, das ist passiert, das haben wir gemacht, und es tut uns leid.“
Die Kraft der Kultur
Das Festival setzt bewusst auf ein breites kulturelles Programm mit Lesungen, Filmvorführungen, Konzerten und Diskussionen. Die Organisatorinnen sind überzeugt, dass Kunst und Literatur einen Zugang ermöglichen, den die reine Faktenvermittlung nicht leisten kann.
„Kultur darf sich, viel mehr als andere Disziplinen, auch mal aufs Glatteis wagen und Türen einstossen, die unbequem sind“, betont Marina Porobić. Geschichten über Verlust, Angst, aber auch über Überlebenswillen und Sehnsüchte erzeugen Gefühle, mit denen sich jeder identifizieren kann, unabhängig von der eigenen Herkunft.
Universelle Themen als Brücke
Letztlich, so Miljanović, behandeln die Geschichten aus dem Balkan universelle menschliche Themen. Es gehe um Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern, um Generationenkonflikte oder die Suche nach Identität. „Wir lesen eine Geschichte aus Japan oder Nigeria, empfinden mit und spüren eine unglaubliche Nähe. So geht es auch mit den Geschichten aus dem Balkan.“
Diese Erfahrung zeige, dass Menschen sich über geografische und politische Grenzen hinweg fundamental ähnlich sind. Indem das Festival diese Gemeinsamkeiten sichtbar macht, leistet es einen Beitrag zum Abbau von Vorurteilen und zur Förderung eines tieferen Verständnisses – nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für das Zusammenleben in der Gegenwart.





