In vielen Basler Haushalten liegt eine Bohrmaschine, die in ihrem gesamten Leben durchschnittlich nur elf Minuten genutzt wird. Gleichzeitig wurde eine einzige Bohrmaschine aus dem Basler Leihlager seit 2020 bereits 135 Mal ausgeliehen. Dieses Beispiel zeigt einen wachsenden Trend in der Stadt: Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst dafür, Gegenstände zu teilen, anstatt sie zu besitzen – und sparen dabei Geld, Platz und wertvolle Ressourcen.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Basler Leihlager verzeichnet eine steigende Nachfrage, besonders in der Vorweihnachtszeit.
- Das Teilen von selten genutzten Gegenständen wie Bohrmaschinen oder Racletteöfen schont Ressourcen und reduziert Abfall.
- Nutzer sparen nicht nur Geld und Lagerplatz, sondern fördern auch ein neues Gemeinschaftsgefühl in der Nachbarschaft.
- Das Angebot wird von einer breiten Altersgruppe genutzt, von 15- bis 81-Jährigen.
Hochbetrieb vor den Feiertagen
Während die Einkaufsstrassen im Dezember überfüllt sind, herrscht auch an einem anderen Ort in Basel Hochbetrieb: im Leihlager. Hier werden keine Geschenke gekauft, sondern die Werkzeuge und Geräte für die Festtage ausgeliehen.
„Vor allem Dinge für weihnachtliche Feste laufen extrem gut“, erklärt Michael Flückiger, der für die Kommunikation des Leihlagers zuständig ist. Glühweintöpfe, Feuerschalen oder Racletteöfen seien in dieser Zeit besonders gefragt. Es sind jene Gegenstände, die für ein paar gemütliche Stunden im Jahr gebraucht werden, aber die restlichen elf Monate im Keller verstauben.
Ein überraschender Bestseller
Doch nicht nur saisonale Artikel sind beliebt. Ein unerwarteter Dauerbrenner im Sortiment ist der Waschsauger zur Reinigung von Polstermöbeln und Teppichen. „Die Baslerinnen und Basler lieben es offenbar, Sofas und Teppiche zu reinigen“, sagt Flückiger mit einem Schmunzeln. Die Nachfrage sei so gross, dass mittlerweile fünf Geräte fast ununterbrochen im Einsatz sind.
Was ist ein Leihlager?
Ein Leihlager, auch Bibliothek der Dinge genannt, ist eine Einrichtung, in der Mitglieder gegen eine geringe Gebühr eine Vielzahl von Alltags- und Spezialgegenständen ausleihen können. Das Sortiment reicht von Werkzeugen und Küchengeräten über Campingausrüstung bis hin zu Veranstaltungstechnik. Das Ziel ist es, den Konsum zu reduzieren und eine nachhaltigere Nutzung von Ressourcen zu ermöglichen.
Die beeindruckende Bilanz des Teilens
Was auf den ersten Blick wie eine kleine Nischenbewegung wirkt, hat einen messbaren ökologischen und ökonomischen Effekt. Viele gekaufte Produkte haben eine extrem kurze Nutzungsdauer im Verhältnis zu ihrer Lebensdauer.
Michael Flückiger veranschaulicht dies mit einem eindrücklichen Beispiel, das auf einem Bericht des Bundesrates basiert:
„Eine privat gekaufte Bohrmaschine wird laut einem Bundesratsbericht im ganzen Leben nur rund elf Minuten genutzt. Eine unserer ersten Leihlager-Bohrmaschinen dagegen wurde seit 2020 schon 135-mal ausgeliehen.“
Diese Zahl macht deutlich, wie ineffizient privater Besitz bei selten genutzten Gütern sein kann. „Wenn jede Person nur knapp fünf Sekunden damit gebohrt hätte, wären diese elf Minuten schon überschritten“, rechnet Flückiger vor. „Daran sieht man gut, wie viel Material, Energie und Geld wir durch gemeinsames Nutzen sparen.“
Fakten zum Teilen
- 11 Minuten: Durchschnittliche Lebensnutzungsdauer einer privaten Bohrmaschine.
- 135 Ausleihen: Nutzung einer einzigen Bohrmaschine im Leihlager seit 2020.
- 80% der Zeit: Viele Haushaltsgegenstände werden über 80% ihrer Lebensdauer nicht verwendet.
Wer leiht statt kauft?
Das Konzept der Sharing Economy zieht in Basel eine überraschend breite Zielgruppe an. Die aktivste Nutzergruppe sind Personen zwischen 30 und 39 Jahren. „Wir vermuten, dass dies ein Lebensabschnitt ist, in dem man viele Projekte umsetzen möchte, aber noch nicht alles besitzt oder anschaffen will“, so Flückiger.
Die Altersspanne der Mitglieder ist jedoch weitaus grösser. „Unser jüngster Jahresabonnent ist 15, der älteste 81 Jahre alt“, berichtet er. Die Motivationen sind dabei ebenso vielfältig wie die Nutzer selbst. Einige wollen gezielt Geld sparen, für andere steht der ökologische Gedanke im Vordergrund. Wieder andere schätzen die Möglichkeit, neue Geräte auszuprobieren, ohne sich sofort finanziell binden zu müssen.
Mehr als nur Nachhaltigkeit
Neben den offensichtlichen Vorteilen wie Kostenersparnis und Ressourcenschonung spielt auch ein ganz praktischer Aspekt eine wichtige Rolle: Platzmangel. Gerade in städtischen Wohnungen ist Stauraum ein knappes und teures Gut. „Wer im Keller keinen Racletteofen, keinen Teppichreiniger und keine Festbeleuchtung lagern muss, hat weniger Stress“, erklärt Flückiger. Das Leihen gewinne an Attraktivität, weil die Menschen erkennen, dass der Zugang zu einem Gegenstand oft wichtiger ist als der Besitz.
Flückiger beobachtet zudem einen positiven sozialen Nebeneffekt. „Leihen schafft ein Gemeinschaftsgefühl. Beim Abholen und Zurückbringen trifft man sich zweimal, tauscht Erfahrungen aus, und das passiert beim Kaufen im anonymen Handel kaum.“ Das Leihlager wird so zu einem kleinen sozialen Treffpunkt im Quartier, der den Austausch unter Nachbarn fördert und die lokale Gemeinschaft stärkt.





