Im neu eröffneten Jüdischen Museum der Schweiz in Basel führt Rabbiner Moshe Baumel durch die Ausstellung und gibt humorvolle Einblicke in die Traditionen des Lichterfestes. Er erklärt, warum ein achtarmiger Leuchter neun Kerzen hat und was ein Dinosaurier damit zu tun hat.
Die Veranstaltung ist eine der ersten seit der Wiedereröffnung des Museums am neuen Standort beim Spalentor und zeigt, wie jüdische Kultur und Geschichte lebendig vermittelt werden können.
Ein Rabbiner als Brückenbauer
Moshe Baumel, von 2015 bis 2024 Rabbiner der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) und heute Rektor der jüdischen Primar- und Mittelschule, ist in der Stadt für seine offene und dialogbereite Art bekannt. Bei seiner Führung zum Chanukka-Fest bewies er erneut sein Talent, komplexe religiöse Inhalte verständlich und mit einem Augenzwinkern zu vermitteln.
Vor rund 25 interessierten Zuhörern nutzte er die Exponate des Museums, um die Hintergründe des Lichterfestes zu beleuchten. Seine undogmatische Herangehensweise fesselte das Publikum, das aktiv Fragen stellte und eigene Kenntnisse einbrachte. Die Führung dauerte deutlich länger als die angekündigte Stunde, was das grosse Interesse der Teilnehmenden unterstrich.
Das neu eröffnete Museum
Das Jüdische Museum der Schweiz hat Ende November 2023 an seinem neuen Standort in der Vesalgasse 5 beim Spalentor seine Türen geöffnet. Eine ehemalige Lagerhalle wurde über zwei Jahre aufwendig umgebaut und bietet nun auf vier Stockwerken und rund 750 Quadratmetern Platz für Exponate, die das historische und aktuelle jüdische Leben in der Schweiz dokumentieren.
Die zwei Ursprünge von Chanukka
Rabbi Baumel erklärte, dass Chanukka auf zwei wesentlichen Erzählungen beruht: einer historischen und einer religiösen. Beide sind eng miteinander verknüpft und prägen die Art, wie das Fest heute gefeiert wird.
Der historische Sieg
Der geschichtliche Hintergrund von Chanukka ist der Aufstand der Makkabäer gegen die Herrschaft des griechischen Seleukiden-Reiches um das Jahr 164 v. Chr. Die Besatzer hatten den jüdischen Tempel in Jerusalem entweiht und die Ausübung der jüdischen Religion verboten. Einer kleinen Gruppe jüdischer Kämpfer gelang es, die Besatzer zu vertreiben und den Tempel zurückzuerobern.
Dieser militärische Sieg ist der Grund für den feierlichen Charakter des Festes. Baumel fasste die Essenz vieler jüdischer Feste humorvoll mit einem bekannten Witz zusammen: «Sie wollten uns besiegen; wir haben gewonnen; lasst uns essen!»
Das Wunder des Lichts
Die religiöse Dimension des Festes knüpft direkt an die Wiedereinweihung des Tempels an. Nach der Befreiung fanden die Juden nur noch einen kleinen Krug geweihtes Öl, dessen Menge eigentlich nur für einen Tag ausgereicht hätte, um den Tempelleuchter, die Menora, zu entzünden. Wie durch ein Wunder brannte das Licht jedoch acht Tage lang – genau die Zeit, die benötigt wurde, um neues geweihtes Öl herzustellen.
«Während der historische, gewalttätige Aspekt des Chanukka-Festes seit dem Mittelalter in den Hintergrund getreten ist, steht heute das Lichtwunder als Zeichen des Friedens im Vordergrund.»
Dieses Wunder ist der zentrale Grund, warum das Lichterfest acht Tage dauert und warum das Licht eine so wichtige Rolle spielt.
Menora vs. Chanukkia
- Menora: Der siebenarmige Leuchter, ein zentrales Symbol des Judentums. Die Zahl Sieben steht für die Vollkommenheit der Schöpfung (sieben Tage), die sieben Farben des Regenbogens und die sieben Noten der Tonleiter.
- Chanukkia: Der Chanukka-Leuchter mit acht Armen für die acht Tage des Wunders sowie einem neunten, separaten Arm für die «Dienerkerze» (Schamasch), mit der die anderen Lichter entzündet werden.
Warum der Leuchter neun Arme hat
Eine der häufigsten Fragen zu Chanukka betrifft die Anzahl der Kerzenhalter auf dem Leuchter. Obwohl das Wunder acht Tage dauerte, hat die Chanukkia neun Arme. Baumel erklärte die interne Logik dahinter auf anschauliche Weise.
Die acht Kerzen, die das Wunder symbolisieren, sind heilig. Ihr Licht darf nicht für alltägliche Zwecke wie zum Lesen oder zur Erwärmung genutzt werden. Es dient ausschliesslich dem Gedenken und der Freude. Um diese Regel nicht zu brechen, gibt es die neunte Kerze, den Schamasch. «Falls man doch Licht zum Schreiben braucht oder sich wärmen will», so Baumel, dürfe man nur das Licht des Schamasch verwenden. Diese «Dienerkerze» wird daher auch genutzt, um die anderen acht Lichter zu entzünden.
Chanukka in der modernen Welt
Obwohl Chanukka traditionell als ein kleineres Fest galt, hat seine Bedeutung in der modernen jüdischen Kultur zugenommen. «Chanukka bietet eine starke Identifikation für das Judentum. Es geht um den gescheiterten Versuch, unsere Religion zu zerstören», erklärte Baumel. Es ist ein Fest der Beharrlichkeit und des kulturellen Überlebens.
Einfluss von Weihnachten?
Die zeitliche Nähe zu Weihnachten führt oft zur falschen Bezeichnung «jüdisches Weihnachten». Inhaltlich gibt es keine Verbindung. Baumel wies jedoch darauf hin, dass die Nähe zur Wintersonnenwende kein Zufall sei. Die Zeit, in der die Tage wieder länger werden, habe sowohl für Juden als auch für Christen eine mystische Bedeutung.
Ein gewisser kultureller Einfluss ist dennoch spürbar. So hat sich die Tradition des Schenkens, die früher aus einfachen Gaben wie Nüssen bestand, im 19. Jahrhundert unter dem Einfluss der säkularen Weihnachtskultur gewandelt. Heute erhalten auch jüdische Kinder oft grössere Geschenke.
Ein Dinosaurier als Chanukkia
Ein besonders modernes Exponat im Museum zeigt, wie Traditionen neu interpretiert werden: ein «Menorasaurus», eine Chanukkia in Form eines Tyrannosaurus Rex. Für Rabbiner Baumel sind solche modernen Ausprägungen kein Problem.
Mit einem Schmunzeln merkte er jedoch an, dass dieser Leuchter für orthodoxe Juden nicht koscher, also nicht verwendbar wäre. Der Grund: Die Kerzenhalter auf dem gekrümmten Rücken des Dinosauriers befinden sich nicht auf derselben Höhe, wie es die religiösen Vorschriften verlangen.
Ein Museum als Ort der Begegnung
Die Führung von Moshe Baumel ist ein Beispiel für das neue Konzept des Jüdischen Museums der Schweiz. Laut Barbara Häne, die im Museum für Veranstaltungen zuständig ist, soll die neue Dauerausstellung weniger die Feiertage in den Mittelpunkt stellen, sondern vielmehr die Frage, «was Gemeinschaft im Judentum ausmacht».
Das Museum sammelt einige Exponate «in Echtzeit», indem es die Öffentlichkeit zur Teilnahme einlädt. So werden etwa Kurzbiografien von jüdischen Menschen im Ehrenamt oder Bilder von Juden in der Schweizer Armee fortlaufend ergänzt. Mit Angeboten wie Schatzsuchen für Kinder und regelmässigen Führungen positioniert sich das Haus als offener Ort des Lernens und des Dialogs für alle Besucher.





