Das Theater Basel präsentierte eine Neuinterpretation des klassischen Balletts «Der Nussknacker». Ballettchef Marco Goecke hat Tschaikowskys Werk von seinem traditionellen Zuckerguss befreit und eine düstere, traumähnliche Inszenierung geschaffen. Die Premiere am Samstagabend offenbarte eine Geschichte, die sich im Dunkeln verlor und das Publikum vor Herausforderungen stellte.
Wichtige Erkenntnisse
- Marco Goeckes «Nussknacker» bricht mit der traditionellen Weihnachtsästhetik.
- Die Inszenierung ist düster, traumhaft und verzichtet auf bunte Kostüme.
- Die Handlung orientiert sich stärker an E. T. A. Hoffmanns Original.
- Das Ensemble zeigte eine fulminante Leistung mit Goeckes energiegeladener Tanzsprache.
- Die fehlende Klarheit in der Erzählung machte das Folgen der Handlung schwierig.
Eine Abkehr vom traditionellen Weihnachts-Kitsch
«Der Nussknacker» ist weltweit bekannt für seine festliche Atmosphäre und die märchenhafte Verwandlung eines Nussknackers in einen Prinzen. Normalerweise entführt das Ballett das Publikum in ein Reich voller Süssigkeiten und farbenfroher Tanznummern. Die Uraufführung im Jahr 1892 in St. Petersburg etablierte das Werk als Inbegriff des Weihnachtsballetts mit opulenten Kostümen und prächtigen Bühnenbildern.
Auch am Theater Basel prägten diese Darstellungen lange Zeit die Weihnachtszeit. Die Elevinnen der Basler Ballettschule führten den «Kleinen Nussknacker» auf, eine bunte und fröhliche Version. Mit dem Ende der Ballettschule änderte sich dies. Theaterdirektor Benedikt von Peter sah darin eine Gelegenheit für eine neue Vision. Er beauftragte den renommierten Choreografen Marco Goecke mit einer Neufassung.
Wussten Sie schon?
Das Ballett «Der Nussknacker» basiert auf E. T. A. Hoffmanns Erzählung «Nussknacker und Mausekönig» aus dem Jahr 1816. Die Ballettversion von 1892 milderte die düsteren Elemente der Originalgeschichte stark ab.
Goeckes dunkle Interpretation
Marco Goecke ist international für seine einzigartige, oft stakkatohafte Tanzsprache bekannt. Er ist kein Choreograf, der sich auf Zuckerguss und Tutu-Kitsch einlässt. Stattdessen kehrte er zur literarischen Vorlage E. T. A. Hoffmanns zurück. Hoffmanns Erzählung ist wesentlich dunkler und komplexer als die bekannte Ballettversion. Goeckes Inszenierung spiegelt diese Ursprünge wider.
Die Bühne war ein leerer, dunkler Raum. Bunte Kostüme, die Figuren wie den Nussknacker, den Rattenkönig oder die Zuckerfee klar erkennbar machen, fehlten vollständig. Diese bewusste Reduktion führte zu einem düsteren Traumspiel, das die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen liess. Das Geschwisterpaar Fritz und Marie, dargestellt von Louis Steinmetz und Sandra Bourdais, sowie Pate Drosselmeier, verkörpert von Michelangelo Chelucci, agierten in einer Umgebung, die mehr Fragen aufwarf als beantwortete.
«Goeckes Tanzsprache ist flirrend und energiegeladen. Dies in Einklang mit Tschaikowskys zauberhaft leichter Musik zu bringen, war eine bemerkenswerte Leistung.»
Herausforderungen für das Publikum
Die Abkehr von der bekannten Ästhetik und die Rückbesinnung auf die literarische Vorlage machten es dem Publikum nicht leicht, der neu erzählten Geschichte zu folgen. Viele Elemente blieben diffus im Dunkeln. Die fehlende visuelle Orientierung durch traditionelle Kostüme und Bühnenbilder erforderte eine erhöhte Konzentration, um die Narrative zu entschlüsseln. Dies führte zu einer Erfahrung, die weniger von unbeschwerter Weihnachtsfreude als von intensiver Auseinandersetzung geprägt war.
Hintergrund: Marco Goecke
Marco Goecke ist ein deutscher Choreograf, der für seinen unverwechselbaren, oft nervösen und detailreichen Tanzstil bekannt ist. Er war unter anderem Hauschoreograf am Stuttgarter Ballett und beim Nederlands Dans Theater. Seit der Spielzeit 2023/24 ist er Ballettdirektor am Theater Basel. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine hohe Musikalität und eine tiefe Auseinandersetzung mit menschlichen Emotionen aus.
Das Ensemble brilliert trotz der Dunkelheit
Trotz der herausfordernden Inszenierung bestach der Ballettabend durch die Leistung des Ensembles. Die Tänzerinnen und Tänzer zeigten eine fulminante Darbietung. Goeckes flirrend stakkatohafte und energiegeladene Tanzsprache fand in der zauberhaft leichten Musik Tschaikowskys eine überraschend harmonische Umsetzung. Es war eine Demonstration von technischer Präzision und Ausdruckskraft.
Die Choreografie erlaubte es den Tänzern, ihre individuellen Fähigkeiten voll zur Geltung zu bringen. Die Bewegungen waren intensiv und fesselnd, auch wenn der Kontext manchmal schwer zu greifen war. Die Musik Tschaikowskys, die normalerweise Bilder von Zuckerfeen und Schneeflocken hervorruft, erhielt in dieser Interpretation eine neue, oft melancholische oder unheimliche Dimension.
Ein mutiger Schritt in der Basler Ballettszene
Die Entscheidung, den «Nussknacker» in dieser Form neu zu interpretieren, ist ein mutiger Schritt des Theater Basel und seines neuen Ballettchefs. Es zeigt den Wunsch, bekannte Werke neu zu denken und dem Publikum ungewohnte Perspektiven zu bieten. Solche Neuinterpretationen sind wichtig für die Weiterentwicklung des Balletts als Kunstform und fordern sowohl Künstler als auch Zuschauer heraus.
Die Produktion von Marco Goecke wird sicherlich Gesprächsstoff liefern. Sie beweist, dass Klassiker auch abseits ihrer traditionellen Darstellungsformen relevant bleiben können, indem sie neue, tiefere Ebenen der ursprünglichen Erzählung erkunden. Es ist ein Ballett, das zum Nachdenken anregt und die Erwartungen an ein Weihnachtsballett bewusst unterläuft.
Für Liebhaber des traditionellen «Nussknackers» mag diese Version gewöhnungsbedürftig sein. Doch für diejenigen, die sich auf eine tiefgründigere, weniger märchenhafte Auseinandersetzung mit E. T. A. Hoffmanns Welt einlassen möchten, bietet Goeckes Inszenierung eine einzigartige und künstlerisch anspruchsvolle Erfahrung.





