Das Museum der Kulturen in Lugano präsentiert derzeit eine faszinierende Ausstellung über die Walser von Bosco Gurin. Diese Schau beleuchtet das Leben, die Bräuche und die tief verwurzelte Naturverbundenheit eines Bergvolkes, das seit dem Hochmittelalter die Alpen prägt. Besucher entdecken dabei nicht nur historische Artefakte, sondern auch die überraschenden Wurzeln einer bekannten Werbefigur.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Walser besiedelten ab dem 13. Jahrhundert die Alpen. Bosco Gurin ist die höchstgelegene Walser-Gemeinde im Tessin.
- Die Ausstellung im MUSEC Lugano zeigt die einzigartige Kultur und das Gemeinschaftsleben der Walser.
- Exponate wie "Tesseln" und verzierte "Kunkeln" geben Einblicke in Alltag und Brauchtum.
- Ein Sonderraum widmet sich Hans Anton Tomamichel, dem Schöpfer des Knorrli-Zwergs, der Walser-Wurzeln hat.
- Die Walser pflegen eine tiefe Verbundenheit zur Natur und einen starken Glauben.
Das Erbe der Walser in Bosco Gurin
Die Walser sind ein Bergvolk, das im Hochmittelalter weite Teile der Alpen zwischen dem Aostatal und Vorarlberg besiedelte. Eine ihrer bemerkenswertesten Siedlungen ist Bosco Gurin, die höchstgelegene Gemeinde im Tessin. Ihre Geschichte reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Diese lange Historie wird nun im Museum der Kulturen in Lugano lebendig.
Die Ausstellung "Arte Walser. Die Tradition von Bosco Gurin" bietet einen umfassenden Einblick in das Leben und die Kultur dieser Gemeinschaft. Kuratorinnen Francesca Pedrocchi und Nora Segreto haben die Geschichte der Walser im Tessin sorgfältig rekonstruiert. Viele der gezeigten Exponate stammen direkt aus dem Walsermuseum in Bosco Gurin.
Faktencheck Walser
- Siedlungsgebiet: Alpenregionen zwischen Aostatal und Vorarlberg.
- Gründung von Bosco Gurin: Im 13. Jahrhundert.
- Besonderheit: Bosco Gurin ist die einzige deutschsprachige Gemeinde im Tessin.
Gegenstände erzählen Geschichten
Bereits der erste Raum der Ausstellung überrascht die Besucher. Dort liegt eine Schnur mit kleinen Holzplättchen. Diese sogenannten "Tesseln" sind mit Walser Familiennamen versehen. Sie dienten der gerechten Organisation des Gemeinschaftslebens in Bosco Gurin.
"Wenn man Arbeiten zuschreiben musste, wurden diese Tesseln in einen Hut gelegt, geschüttelt und dann zufällig herausgefischt", erklärt Francesca Pedrocchi, die Co-Kuratorin der Ausstellung.
So wurden Aufgaben wie Schneeschaufeln oder Kühe hüten gerecht verteilt. Dies verhinderte Streitigkeiten und förderte den Zusammenhalt in der Gemeinschaft.
Mehr als nur Gebrauchsgegenstände
Ein weiteres Highlight sind die "Kunkeln". Dies sind lange Holzstäbe, die zum Spinnen von Wollfäden verwendet wurden. Sie waren jedoch mehr als nur Werkzeuge. Die Walser verschenkten sie als Liebesbeweise. Je aufwendiger die Kunkeln verziert waren, desto grösser galt die Liebe des Schenkenden.
Francesca Pedrocchi betont: "Je reicher sie verziert waren, desto grösser war die Liebe. Vor allem aber haben diese Kunkeln dadurch eine viel tiefere Bedeutung. Sie sind nicht nur reine Nutzgegenstände." Diese Objekte zeigen, wie tief Ästhetik und Handwerkskunst im Alltag der Walser verwurzelt waren.
Hintergrund: Walser Handwerk
Das Handwerk der Walser war nicht nur funktional, sondern oft auch kunstvoll gestaltet. Diese Verbindung von Nutzen und Schönheit spiegelt sich in vielen Ausstellungsstücken wider. Es zeigt den hohen Wert, den die Walser auf sorgfältige Arbeit und persönliche Ausdrucksformen legten.
Naturverbundenheit und Glaube
Die Walser lebten in enger Verbundenheit mit der Natur. Dies war entscheidend, um die abgelegenen Bergregionen in bewohnbare Gebiete zu verwandeln. Ihr tiefer Glaube an Gott spielte dabei ebenfalls eine wichtige Rolle. Zahlreiche aufwendig bemalte Kruzifixe und sorgfältig geschnitzte Tierfiguren zeugen davon.
Ein besonderes Exponat ist ein hölzernes "Wassermännlein". Diese Figur stand im 19. Jahrhundert auf einem Brunnen in Bosco Gurin. Sie symbolisiert die Wertschätzung der Walser für natürliche Ressourcen, insbesondere Wasser.
Francesca Pedrocchi erläutert die Philosophie: "Die Verbundenheit der Walser mit der Natur hängt damit zusammen, dass sie fest davon überzeugt sind, dass sie nur ein Teil der Natur sind, dass sie von der Natur diese Ressourcen, das Wasser zum Beispiel, bekommen und dass sie deswegen der Natur Sorge tragen müssen."
Diese Haltung ist ein starker Kontrast zur heutigen oft entfremdeten Beziehung zur Umwelt. Die Walser zeigen, wie ein nachhaltiges Leben in Harmonie mit der Umgebung möglich ist.
Der Knorrli-Zwerg und seine Walser-Wurzeln
Ein unerwartetes Highlight der Ausstellung ist der berühmte Knorrli-Zwerg. Einem Sonderraum ist Hans Anton Tomamichel gewidmet, dem Schöpfer dieser Werbefigur. Tomamichel, der bis 1984 in Zürich als Werbegrafiker tätig war, hatte selbst Walser-Wurzeln aus Bosco Gurin.
Seine Herkunft prägte seine Arbeit. Die Lithografie des Knorrli-Männleins, das heute noch die Knorr-Produkte ziert, ist in der Ausstellung zu sehen. Es ist kein Zufall, dass Tomamichel einen Zwerg mit Suppentellergesicht wählte.
Zwergfiguren sind seit jeher ein fester Bestandteil der Walser-Geschichten und Mythen. Sie gehören zur traditionellen Erzählwelt dieses Bergvolkes. Das Knorrli-Männlein ist somit ein modernes Zeugnis einer alten Tradition, das im Alltag vieler Menschen präsent ist.
Wussten Sie schon?
Hans Anton Tomamichel (1900-1984) war ein bekannter Schweizer Werbegrafiker. Er schuf nicht nur den Knorrli, sondern auch andere bekannte Werbefiguren und Logos.
Ein Blick in eine einzigartige Welt
Die Ausstellung in Lugano ist eine Gelegenheit, in die Welt der Walser einzutauchen. Sie zeigt, wie eine Gemeinschaft über Jahrhunderte hinweg ihre Identität bewahrt hat. Die Mischung aus praktischen Gegenständen, kunstvollen Verzierungen und tiefen spirituellen Überzeugungen macht die Walser-Kultur einzigartig.
Besucher können die Ausstellung "Arte Walser. Die Tradition von Bosco Gurin" noch bis zum 1. März 2026 im MUSEC (Museo delle Culture in Lugano) erleben. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, die wichtige Fragen für die Gegenwart aufwirft: Wie leben wir im Einklang mit der Natur? Und wie bewahren wir unsere kulturellen Wurzeln in einer sich schnell verändernden Welt?





