Das Areal Wolf in Basel, einst ein Güterbahnhof, wandelt sich zu einem modernen Wohn- und Arbeitsquartier. Aktuelle Wettbewerbsergebnisse für die Baufelder MF02 und MF03 zeigen nun konkret, wie die städtebaulichen Ideen in Architektur umgesetzt werden. Die prämierten Entwürfe berücksichtigen historische Bauten, Lärmschutz und hohe Nachhaltigkeitsstandards, um ein lebendiges Stadtquartier an den Gleisen zu schaffen.
Wichtige Punkte
- Transformation des Wolf-Areals von Güterbahnhof zu urbanem Quartier.
- Fokus auf nachhaltiges und zirkuläres Bauen in den Entwürfen.
- Denkmalgeschützte Hallen bilden den identitätsstiftenden Kern.
- «Janus Experience» und «Binaria» gewinnen die ersten Ränge.
- Herausforderungen wie Lärmschutz und Störfallthemen wurden berücksichtigt.
Das Wolf-Areal: Von der Industrie zum Quartier
Das rund 16 Hektar grosse Wolf-Areal in Basel durchläuft eine umfassende Transformation. Es entwickelt sich von einem logistischen Hinterhof zu einem modernen urbanen Quartier. Die denkmalgeschützten Hallen bleiben dabei erhalten. Sie sollen eine Verbindung zur Vergangenheit schaffen und gleichzeitig ein Versprechen für die Zukunft sein.
Die neuen Gebäude sind entlang eines langgezogenen Hofs geplant. Dieser Hof soll das Areal zusammenhalten und den Übergang zwischen der städtischen Strasse und einem ruhigen Innenraum gestalten. Die Entwicklung berücksichtigt komplexe Rahmenbedingungen wie Lärm und Störfallthemen.
Fakten zum Areal Wolf
- Grösse: Rund 16 Hektar
- Historie: Ehemaliger Güterbahnhof
- Status: Transformationsgebiet
- Kern: Denkmalgeschützte Hallen
Nachhaltigkeit und «Geschützte Bedürfnisse» im Fokus
Bei der Bewertung der Wettbewerbsprojekte spielten neben ökonomischen und funktionalen Qualitäten auch die sogenannten «Geschützten Bedürfnisse» eine wichtige Rolle. Dazu gehören gute Belichtung, ruhige Zimmer, gemeinschaftliche Räume, soziale Vielfalt und Alltagstauglichkeit. Diese Parameter waren entscheidend für die Entwürfe.
Ein weiterer zentraler Anspruch war das zirkuläre Bauen. Strategien für die Wiederverwendung von Materialien (ReUse), demontierbare Systeme und kompakte Volumen sollten Ressourcen schonen. Gleichzeitig sollten sie das industrielle Erbe des Ortes aufnehmen. Die sechs prämierten Projekte, jeweils drei pro Baufeld, zeigen individuelle Antworten auf diese Anforderungen.
«Aus einer städtebaulichen Idee wird endlich Architektur!», so Emanuel Christ im Vorwort des Juryberichts.
Baufeld MF02: «Janus Experience» überzeugt
Im Baufeld MF02 hat das Projekt «Janus Experience» von Janus Experience, Paris, und M—AP architects, Lausanne, den ersten Rang erreicht. Der Entwurf nutzt die zweiseitige Lage des Ortes als zentrales Thema. Die dem Gleisfeld zugewandte Südfassade ist horizontal gegliedert. Sie nimmt die Grossmassstäblichkeit des Bahnbereichs auf. Die Hoffassade im Norden ist kleinteiliger gestaltet und arbeitet mit einem ausgeprägten Sockel.
Besonders die geschossweise wechselnde Erschliessung überzeugte die Jury. Der hofseitige Zugang führt durch eine grosszügige Zone mit Blick bis zu den Gleisen. Das Treppenhaus wechselt seine Lage in den Geschossen. Im Zwischengeschoss liegt der Korridor an der Fassade. In den Regelgeschossen entsteht ein kompakter Kern im Gebäudeinnern. Diese Figur fördert soziale Interaktion, ohne sie aufzudrängen.
Wohnqualität und Materialwahl bei «Janus»
Die Wohnungen sind klar strukturiert und kompakt. Loggien und gut proportionierte Küchen entlang der Südfassade schaffen Grosszügigkeit. Die Schlafzimmer zum Hof hin bieten Ruhe. Problematisch bleiben die Erdgeschosswohnungen, deren Schlafräume ebenerdig zum Hof liegen. Hier ist der Schutz der Privatsphäre unzureichend gelöst.
Die Dachnutzung mit einer umlaufenden Rennbahn und einem Gemeinschaftsraum stärkt den sozialen Charakter des Hauses. Das Tragwerk kombiniert einen massiven Betonsockel mit einem Holzbau für die Wohngeschosse. Dabei kommen Re-Use-Materialien und Systemtrennung für Kreislauffähigkeit zum Einsatz. Die Jury lobte die architektonische Leichtigkeit, die Effizienz und die hohe Wohnqualität.
Zirkuläres Bauen
Zirkuläres Bauen bedeutet, Gebäude so zu planen und zu errichten, dass Materialien und Bauteile am Ende ihrer Nutzung wiederverwendet oder recycelt werden können. Dies minimiert Abfall und schont Ressourcen. Es ist ein wichtiger Aspekt nachhaltiger Stadtentwicklung.
Zweiter und dritter Rang in MF02
Der zweite Rang im Baufeld MF02 ging an «Van Nelle» von Lütjens Padmanabhan Architekten GmbH. Dieses Projekt versteht sich als «kollektives Balkonhaus». Die Gleisseite ist durch Erschliessung und vorgelagerte Aussenräume geprägt. Hofseitig bestimmen Erker und tief eingeschnittene Loggien das Erscheinungsbild.
Die Wohnungen selbst zeigten jedoch qualitative Schwächen. Schmale Küchen, ungünstige Zimmerzuschnitte und direkt vom Wohnraum zugängliche Badezimmer wurden kritisiert. Auch die ökologische Performance war aufgrund der grossen Fassadenabwicklung und des Materialeinsatzes unterdurchschnittlich.
«Albert Perks» von E2A Piet Eckert und Wim Eckert Architekten erreichte den dritten Rang. Der Entwurf zeichnet sich durch konsequente Linearität und eine industrielle Architektursprache aus. Die Hoffassade wird durch übereinander angeordnete Balkone belebt, die von einem Stahlgerüst aus wiederverwendeten Elementen getragen werden. Ein entscheidender Kritikpunkt waren jedoch die Störfallanforderungen. Alle Wohnungseingänge liegen ausschliesslich am Laubengang zur Gleisseite. Sichere Fluchtmöglichkeiten fehlten. Daher konnte das Projekt trotz hoher architektonischer Qualität nicht weiterverfolgt werden.
Baufeld MF03: «Binaria» setzt auf Zirkularität
Im Baufeld MF03 überzeugte das Projekt «Binaria» der ARGE Parabase GmbH und Confirm AG. Es legt Zirkularität und Dichte ins Zentrum. Der Entwurf basiert auf der Wiederverwendung von SBB-Stahlschienen, Holzstützen, ReUse-Holzbrettstapelelementen und Beton-Recyclingkernen. Dies führt zu einer effizienten linearen Struktur.
Die städtische Fassade zur Strasse zeigt ein metallisches Kleid aus ReUse-Wellblechen. Hervortretende Erschliessungszonen und akustisch wirksame Paneele prägen das Bild. Unterhalb bilden alte Metallschwellen einen markanten Abschluss. Die Jury regte an, den Charakter des «geschraubten Hauses» in der Fassadengestaltung noch deutlicher sichtbar zu machen.
Innenraumgestaltung und Gemeinschaft bei «Binaria»
Der Durchgang zum Hof ist hoch und weit proportioniert. Eine kreisförmige Öffnung wirkt als adressbildendes Element. Im Inneren bietet «Binaria» differenzierte, gut belichtete Wohnungen. Der Erschliessungsraster ermöglicht Durchblicke und flexible Wohnungszuschnitte. Gemeinschaftliche Elemente wie Ateliers, nutzungsneutrale Räume und ein aktiver Hofzugang stärken die Lebensqualität. Das Projekt überzeugte durch technische Präzision, architektonische Eigenständigkeit und die beispielhafte Integration von ReUse-Materialien.
Weitere Projekte in Baufeld MF03
Den zweiten Rang im Baufeld MF03 belegte «Small Pleasures of Life» von op-arch / BETA office for architecture and the city. Dieses Projekt schlägt eine hybride Bauweise vor. Sie besteht aus vorfabrizierten Stahlbetonstützen, Holzunterzügen und einer Holz-Beton-Verbunddecke. Die Fassade wird durch organische Tuffsteinpfeiler ergänzt, die Begrünung und sichtbare Regenwassernutzung ermöglichen. Das Projekt punktete mit vielfältigen Gemeinschaftsräumen und flexiblen Grundrissen. Jedoch fehlte es an Kompaktheit, und die Nutzfläche war zu stark reduziert.
«Luv und Lee» von BeL + Clauss Kahl Merz Atelier erreichte den dritten Rang. Der Entwurf macht die unterschiedlichen Lärmsituationen von Stadt- und Hofseite zum zentralen Thema. Innovative Windhöfe zur Nordseite ermöglichen natürliche Durchlüftung. Das Gebäude verfügt über sechs Treppenhäuser und einen doppelgeschossigen Haupteingang. Die Jury lobte die poetische Atmosphäre und die erfinderischen Lösungen. Gleichzeitig bemängelte sie die geringe Belichtung und die Einschränkungen der Wohnungsgrundrisse. Aus funktionalen Gründen konnte das Projekt nicht weiterverfolgt werden.
Innovationen im Areal Wolf
- ReUse-Strategien: Einsatz von gebrauchten SBB-Stahlschienen und Holz.
- Demontierbare Systeme: Für zukünftige Anpassungen und Recycling.
- Windhöfe: Zur natürlichen Belüftung und Nachtauskühlung in lärmsensiblen Bereichen.
- Photovoltaik: Integrierte PV-Elemente in den Fassaden.
Ein vielversprechender Schritt für Basel
Die Wettbewerbsergebnisse für das Areal Wolf zeigen, wie aus einem robusten industriellen Kontext eine Architektur entsteht, die grossmassstäblich industriell und doch feingliedrig auf den menschlichen Massstab ausgerichtet ist. Die Entwicklung markiert einen vielversprechenden Schritt hin zu einem neuen, lebendigen und dichten Stadtquartier an den Gleisen in Basel. Die Projekte adressieren die komplexen Herausforderungen des Standortes und bieten innovative Lösungen für urbanes Wohnen und Arbeiten.





