Der Weltverband des Pferdesports, die Fédération Équestre Internationale (FEI), hat die sogenannte „Blutregel“ angepasst. Diese Änderung, die seit dem 1. Januar in Kraft ist, sorgt in der Szene für heftige Diskussionen. Wo früher eine Nulltoleranz galt und Blut am Pferd automatisch zur Disqualifikation führte, ist der Umgang nun differenzierter. Kritiker befürchten Grauzonen und einen Vertrauensverlust in den Sport.
Wichtige Punkte
- Die FEI-Blutregel wurde gelockert und gilt seit 1. Januar.
- Blut am Pferd führt nicht mehr zwingend zur sofortigen Disqualifikation, sondern zu einer tierärztlichen Untersuchung.
- Die Jury kann nach Rücksprache mit dem Tierarzt die Fortsetzung des Wettkampfes erlauben.
- Eine erste Verwarnung bei Blutspuren ist möglich, eine zweite innerhalb eines Jahres führt zu 1000 Franken Busse und einem Monat Sperre.
- Kritiker befürchten unterschiedliche Auslegungen und einen Vertrauensverlust in den Pferdesport.
Die neue Regelung im Detail
Die bisherige Regelung war unmissverständlich: Sobald Blut am Pferd festgestellt wurde, erfolgte die sofortige Disqualifikation des Reiters. Es gab keinen Spielraum für Interpretationen, selbst bei kleinen Verletzungen wie einem Insektenstich oder einem minimalen Kratzer. Diese strikte Handhabung sollte das Wohlergehen der Tiere sicherstellen und den Sport vor dem Vorwurf der Tierquälerei schützen.
Mit der neuen Anpassung, die im Herbst an der Generalversammlung der FEI in Hongkong mit 56 zu 20 Stimmen angenommen wurde, ändert sich das Verfahren grundlegend. Blut am Pferd löst nun nicht mehr direkt einen Ausschluss aus. Stattdessen wird eine verpflichtende tierärztliche Untersuchung angeordnet. Diese Untersuchung soll die Wettkampftauglichkeit des Pferdes beurteilen.
Die Jury hat fortan die Möglichkeit, in Absprache mit dem zuständigen Veterinär-Beauftragten zu entscheiden, ob das Pferd den Parcours fortsetzen darf. Dies ermöglicht eine flexiblere Bewertung von Fällen, bei denen es sich möglicherweise um Bagatellverletzungen handelt.
Faktencheck
- Verabschiedung der Regel: Herbst an der FEI-Generalversammlung in Hongkong.
- Stimmenverhältnis: 56 Ja-Stimmen zu 20 Nein-Stimmen.
- Inkrafttreten: 1. Januar des laufenden Jahres.
Kritik und Bedenken in der Pferdesport-Szene
Die Entscheidung der FEI hat eine Welle der Empörung ausgelöst. Viele Beobachter und Verbände befürchten, dass die Lockerung der Blutregel dem Ansehen des Pferdesports schaden könnte. Der Sport steht ohnehin unter ständiger Beobachtung der Öffentlichkeit, insbesondere was den Tierschutz angeht.
Ein zentraler Kritikpunkt ist die Entstehung von Grauzonen. Da bei unzähligen Turnieren jede Woche unterschiedliche Tierärzte zum Einsatz kommen, besteht die Gefahr unterschiedlicher Auslegungen und Beurteilungen. Die Neutralität und Unabhängigkeit der Veterinäre wird dabei oft infrage gestellt.
„Wenn wir anfangen, Blut zu relativieren, verlieren wir die Achtung vor dem Lebewesen Pferd und das Vertrauen der Gesellschaft“, äussert sich Martin Richenhagen, Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, zu den Änderungen.
Nationen, die gegen die Anpassung gestimmt hatten, argumentierten, dass die neue Regelung zu einer Verwässerung des Tierschutzes führen könnte. Sie sehen die Gefahr, dass die Öffentlichkeit den Eindruck gewinnt, das Wohlergehen der Pferde werde weniger ernst genommen.
Verwarnungen und Sanktionen
Um Missbrauch vorzubeugen, hat die FEI ein System von Verwarnungen eingeführt. Wird bei einem Pferd Blut festgestellt, es aber dennoch für den Wettkampf zugelassen, erhält der Reiter eine Verwarnung. Diese Massnahme soll sicherstellen, dass Reiter vorsichtiger agieren und kleinere Verletzungen nicht ignoriert werden.
Eine zweite Verwarnung innerhalb eines Jahres hat gravierende Folgen: Sie führt zu einer Busse von 1000 Franken und einer einmonatigen Sperre für den Reiter. Dieses gestaffelte Sanktionssystem soll eine angemessene Reaktion auf wiederholte Vorfälle gewährleisten und gleichzeitig die Verhältnismässigkeit wahren.
Hintergrundinformationen
Der Internationale Klub der Springreiter (IJRC), dem auch der Schweizer Top-Reiter Steve Guerdat angehört, befürwortete die Einführung von Verwarnungen. Sie argumentierten, dass Sanktionen ausgewogen und verhältnismässig sein müssten. Misshandlungen, unfreiwillige und freiwillige Handlungen sowie Rückfälle sollten unterschiedlich sanktioniert werden.
Es gibt jedoch auch Ausnahmen von der Verwarnungsregel. Wenn zum Beispiel während einer Prüfung Blut am Pferd festgestellt wird, weil es sich in die Zunge oder Lippe gebissen hat oder aus der Nase blutet, können die Offiziellen das Abspülen oder Abwischen des Blutes anordnen. In solchen Fällen darf das Duo den Wettkampf fortsetzen, ohne dass dies eine Verwarnung zur Folge hat. Dies zeigt, dass die FEI versucht, zwischen absichtlicher Misshandlung und unglücklichen Zufällen zu unterscheiden.
Trotz der Lockerung: Eine Misshandlung des Pferdes führt weiterhin zur direkten Disqualifikation. Hier bleibt die Nulltoleranz bestehen, was die Ernsthaftigkeit der FEI im Kampf gegen Tierquälerei unterstreichen soll.
Reaktion des Schweizer Verbandes Swiss Equestrian
Der Schweizer Verband Swiss Equestrian hat ebenfalls für die Anpassung der Regel gestimmt. In einem Statement betont der Verband, dass das Wohlergehen des Pferdes in allen Disziplinen gewährleistet sein müsse. Swiss Equestrian fordert eine allgemeine Regelung zu Blutspuren, die zwingend ins Generalreglement der FEI aufgenommen und interdisziplinär harmonisiert werden soll.
Präsident Damian Müller reagierte in den sozialen Medien auf die harsche Kritik. Er verteidigte die neue Regelung und betonte, dass das neue Verfahren erstmals eine verpflichtende tierärztliche Kontrolle vor jeder weiteren Teilnahme schaffe. Er sieht diese Kontrolle als wichtig an, um Fehlentscheidungen zu vermeiden und das Tierwohl besser zu schützen.
Blick auf kommende Veranstaltungen
Die Auswirkungen der neuen Regelung werden sich in den kommenden Turnieren zeigen. Das CHI Basel, ein wichtiges internationales Springreitturnier, steht bevor und bietet eine erste Gelegenheit, die praktische Umsetzung der angepassten Blutregel zu beobachten.
- Donnerstag, 8. Januar, 20.30 Uhr: Preis des Grand Hotel Les Trois Rois (Springen nach Fehlern und Zeit, 150 cm).
- Freitag, 9. Januar, 20.15 Uhr: Grosser Preis (Springen nach Fehlern und Zeit mit Stechen, 160 cm).
- Samstag, 10. Januar, 20.30 Uhr: Championat der Stadt Basel (Springen nach Fehlern und Zeit mit Stechen, 155 cm).
- Sonntag, 11. Januar, 14.15 Uhr: Weltcup-Springen (Springen nach Fehlern und Zeit mit Stechen, 160 cm, live auf SRF ab 15.30 Uhr).
Es bleibt abzuwarten, wie sich die neue Regelung in der Praxis bewährt und ob sie tatsächlich zu einer verbesserten Balance zwischen Tierschutz und fairer Wettkampfbeurteilung führt. Die Diskussionen in der Pferdesport-Szene werden wohl weiterhin intensiv geführt werden.





