Die Fondation Beyeler in Riehen widmet dem französischen Maler Paul Cezanne eine umfassende Einzelausstellung. Diese Präsentation beleuchtet erstmals die späten und prägenden Arbeiten des Künstlers, der als Pionier der modernen Kunst gilt. Rund 80 Werke, darunter Ölgemälde und Aquarelle, sind zu sehen.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Fondation Beyeler zeigt die erste Einzelausstellung von Paul Cezanne.
- Die Ausstellung fokussiert auf Cezannes späte Werke ab den 1880er Jahren.
- Rund 80 Werke, darunter 58 Ölgemälde und 21 Aquarelle, sind zu sehen.
- Cezanne entfernte sich vom Impressionismus und entwickelte einen einzigartigen Stil.
- Er wird von Künstlern wie Pablo Picasso als „Vater von uns allen“ bezeichnet.
Paul Cezanne: Ein Wegbereiter der Moderne
Paul Cezanne (1839-1906) zählt zu den herausragenden Persönlichkeiten der Malerei. Der gebürtige Südfranzose schrieb seinen Namen ohne Accent aigu, eine Schreibweise, die auch die aktuelle Ausstellung in der Fondation Beyeler beibehält. Zeit seines Lebens verkaufte Cezanne nur wenige seiner Werke. Er galt als Einzelgänger in der Kunstwelt.
Erst eine jüngere Generation von Kunstschaffenden und der Kunsthändler Ambroise Vollard erkannten die wegweisende Bedeutung seiner Malerei. Vollard organisierte 1895 eine wichtige Ausstellung in Paris, die Cezannes Werk einem breiteren Publikum zugänglich machte. Pablo Picasso bezeichnete ihn später als den «Vater von uns allen», was die nachhaltige Wirkung von Cezannes Ansatz unterstreicht.
«Ich habe ein träges Auge, wenn mich ein Kopf interessiert, mach ich ihn zu gross.»
Bis heute berufen sich viele Künstler auf Cezanne als prägendes Vorbild. Seine innovative Herangehensweise an Farbe, Form und Perspektive beeinflusste maßgeblich die Entwicklung der Kunst im 20. Jahrhundert.
Vom Impressionismus zur Eigenständigkeit
Die Ausstellung in Riehen setzt in der Mitte der 1880er Jahre ein. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Cezanne bereits vom Impressionismus gelöst. Er kehrte Paris den Rücken und begann in seiner Heimatstadt Aix-en-Provence einen radikalen Neuanfang. Diese Phase markiert den Beginn seiner reifsten Schaffensperiode.
Die ausgestellten Werke, darunter 58 Ölgemälde und 21 Aquarelle, sind thematisch geordnet. Sie umfassen Landschaften, Stillleben, Darstellungen von Badenden, Figuren und Porträts. Die Leihgaben stammen aus renommierten öffentlichen Sammlungen sowie aus privaten Beständen weltweit. Dies ermöglicht einen umfassenden Einblick in Cezannes Entwicklung.
Wichtige Zahlen
- 80 Werke: Insgesamt in der Ausstellung zu sehen.
- 58 Ölgemälde: Ein Grossteil der gezeigten Werke.
- 21 Aquarelle: Zeigen Cezannes Meisterschaft in dieser Technik.
- 30 Mal: Die Montagne Sainte-Victoire wurde von Cezanne in Öl gemalt.
Cezannes Vater wünschte sich für ihn eine Karriere als Jurist. Doch Cezanne zog es zur Kunst. Die Kunstakademie lehnte ihn aufgrund seiner unkonventionellen Arbeitsweise ab. In Paris besuchte er freie Kunstschulen und arbeitete eng mit Impressionisten wie Camille Pissarro zusammen. Dort lernte er das differenzierte Sehen und die Wahrnehmung von Farben in der Natur. Die fliessende Malweise des Impressionismus entsprach ihm jedoch auf Dauer nicht.
Die Montagne Sainte-Victoire: Ein wiederkehrendes Motiv
Ein zentrales Motiv in Cezannes Spätwerk ist die Montagne Sainte-Victoire nahe Aix-en-Provence. Zwischen den 1880er Jahren und seinem Tod malte er den Berg über dreissig Mal in Öl und fertigte zahlreiche Aquarelle an. Er stellte seine Staffelei immer wieder vor dem Berg auf, um dessen Formen und Farben zu erfassen.
Cezanne vertraute auf seine eigene Seh- und Malweise. Er verzichtete auf die traditionelle Zentralperspektive und die klassische Anatomie. Sein Ziel war nicht die naturgetreue Abbildung, sondern die Schaffung aus dem Malprozess heraus. Er liess sein «Motiv» mit allen Sinnen auf sich wirken und «realisierte» sein inneres Farb- und Formempfinden auf der Leinwand.
Künstlerischer Ansatz
Cezanne setzte Farben mit kräftigen, schraffierten Pinselstrichen in «taches colorées» auf die Leinwand. Diese «Farbflecken», bestehend aus verschiedenen Nuancen, bilden Farbstrukturen, die seinen Bildern eine einzigartige Textur verleihen.
Eine Besonderheit seiner späten Bilder sind die offenen, unbemalten Stellen auf der Leinwand. Diese «vollendet-unvollendeten» Werke fordern die Betrachtenden auf, das Bild im eigenen Geist zu vollenden. Das Auge ergänzt die Lücken, wodurch eine Sogwirkung entsteht, die über die dargestellte Landschaft hinaus in eine neue, magische Welt führt.
Porträts und Stillleben: Geduld und Spannung
Cezanne war bekannt für seine äusserst langsame Malweise, was für seine Modelle eine Herausforderung darstellte. Die meisten seiner Porträts zeigen seine Frau Hortense. Sie ertrug die anstrengenden Sitzungen geduldig und bewegungslos. Auf den Bildern wirkt sie in sich gekehrt und gleichzeitig kraftvoll. Für sein Porträt musste der Kunsthändler Ambroise Vollard 115 Mal im Atelier erscheinen. Dennoch gab der Künstler kurz vor der Vollendung auf, da er befürchtete, das gesamte Bild durch die letzten Pinselstriche auf der rechten Hand zu ruinieren.
Auch Blumenstillleben waren für Cezanne heikel. Versuche mit Pfingstrosen scheiterten oft, da die Blumen vorzeitig welkten. Äpfel eigneten sich besser für seine Studien. Mit ihnen konnte er geometrische Formen und Farbkontraste von Grün und Rot gestalten. Durch den Verzicht auf die Zentralperspektive schuf Cezanne in seinen Stillleben eine gewisse Disharmonie, wie im Werk Fruits et pot de gingembre.
In diesem Bild erscheint das drapierte Tuch über der Tischkante wie eine bewegte Landschaft am Abgrund. Die Äpfel scheinen vom Tisch rollen zu können, und das schiefe Regal neben dem stabilen Ingwertopf wirkt, als könnte es kippen. Cezanne konstruierte die Komposition in einem labilen Gleichgewicht, was eine Spannung erzeugt, die den Betrachter immer wieder zum genauen Hinsehen anregt.
Die Badenden und das ewige Suchen
Ein weiteres zentrales Motiv in Cezannes Werk sind die Badenden, oft in blau-grünen Farbtönen dargestellt. Er griff dieses Thema immer wieder auf und variierte es. Der Kurator Ulf Küster beschreibt, wie Cezanne Körper und Landschaft so eng miteinander verwob, «dass die Badenden in den Rhythmus der Bäume übergehen, die Kurven des Flussufers aufnehmen oder gleichsam wie Pflanzen aus dem Boden wachsen.» Es entsteht ein paradiesisches Arkadien, in dem die Figuren mit der Natur zu verschmelzen scheinen.
Cezanne bezeichnete sich selbst oft als «Primitiver», im besten Sinne einfach, unverbildet und ursprünglich. Er sagte: «Ich habe ein träges Auge, wenn mich ein Kopf interessiert, mach ich ihn zu gross.» Die exakt-naturalistische Darstellung war für ihn irrelevant. Ihn interessierte, was ihm subjektiv wichtig erschien. Dies zeigt sich eindrücklich im Bild Le garçon au gilet rouge, wo der rechte Arm des Jungen anatomisch zu lang ist, für Cezanne aber nicht lang genug sein konnte.
Bis zum Ende seines Lebens befragte sich Cezanne in zahlreichen Selbstporträts. Er sagte: «Ach, auch wenn ich schon alt bin, bin ich doch immer in den Anfängen.» Eine seiner letzten Porträtserien widmete er seinem Gärtner Vallier. In Öl oder Aquarell erscheinen Bilder eines ruhig sitzenden, in sich gekehrten alten Mannes mit Filzhut. Das rechte Bein ist über das linke geschlagen, die Hände entspannt übereinandergelegt. Diese Darstellungen lassen die beiden Männer – den alten Gärtner Vallier und den alten Maler Cezanne – in einer Art Verschmelzung erscheinen, wie eine historische Aufnahme von Emile Bernard belegt.
Die Ausstellung in der Fondation Beyeler läuft bis zum 25. Mai 2026. Ein Kurzfilm am Ende des Rundgangs, «Cezanne on art» (2025), basiert auf Zitaten des Künstlers und bietet weitere Einblicke in sein Denken und Schaffen. Der begleitende Katalog, herausgegeben von Ulf Küster, enthält Essays und zahlreiche Abbildungen in Deutsch und Englisch.





