Das Theater Basel hat mit «Die Ritter des Mutterkorns» eine neue, turbulente Produktion auf die Bühne gebracht. Das Stück von Jörg Pohl und Rocko Schamoni, das am Freitag im Schauspielhaus Premiere feierte, nimmt das Erbe des Basler LSD-Entdeckers Albert Hofmann aufs Korn und verwandelt es in eine überdrehte Komödie.
Im Zentrum steht der fiktive letzte Tag im Leben des 102-jährigen Hofmann, der versucht, die Formel für ein neues Wundermittel namens LSD-1000 an seine selbsternannten Jünger weiterzugeben. Doch die erweisen sich als hoffnungslos ungeeignet, und so beginnt eine absurde Jagd nach der ultimativen Erleuchtung.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Theater Basel zeigt die Uraufführung von «Die Ritter des Mutterkorns», einer Komödie über das Vermächtnis von Albert Hofmann.
- Die Handlung dreht sich um die fiktive Formel für LSD-1000 und eine elitäre Bruderschaft, die damit die Welt nach ihren Vorstellungen formen will.
- Das Stück stellt den Konflikt zwischen einer elitären Gruppe und einfachen Leuten dar, die in den Besitz der Formel gelangen.
- Trotz starker schauspielerischer Leistungen wird die Inszenierung für ihre teils überzogene Albernheit und Länge kritisiert.
Hofmanns letzter Wille
Die Handlung setzt am 29. April 2008 ein, dem Sterbetag von Albert Hofmann. Der von Jens Rachut gespielte «Meister» liegt im Sterben und liest mit seiner Haushälterin Marie Leclerc (Marie Löcker) die Schlagzeilen der Basler Zeitung über die nahende globale Finanzkrise. In seinen letzten Stunden will er der Welt sein letztes Geschenk hinterlassen: LSD-1000, eine Substanz, die die Menschheit endgültig zur Vernunft bringen soll.
Zu diesem Zweck hat er seine treuesten Anhänger zu sich gerufen: die «Ritter des Mutterkorns». Diese Bruderschaft besteht aus drei exzentrischen Figuren, die historischen Persönlichkeiten aus Hofmanns Umfeld nachempfunden sind. Fabius Abendroth (Fabian Dämmich) erinnert an den Schriftsteller Ernst Jünger, George Pohl-Wasson (Jörg Pohl) gibt sich als Sohn des Mykologen R. Gordon Wasson aus, und Hans-Ruedi Knecht (gespielt von Bärbel Schwarz) ist der naive Sohn reicher Bauern aus dem Baselland.
Eine inkompetente Elite
Der Plan des Meisters geht jedoch schief. Die drei Ritter erweisen sich bei der Suche nach der geheimen Formel als derart ungeschickt und selbstverliebt, dass Hofmann das Vertrauen in sie verliert. In einem Akt der Verzweiflung übergibt er die Rezeptur und ein dazugehöriges Amulett an seine bodenständige Haushälterin Marie.
Sie wird damit zur unwahrscheinlichen Heldin der Geschichte. Ihre Aufgabe ist es, die Formel sicher zu einer gewissen Dr. Reitzenstein-Stollmann (Annika Meier) zu bringen. Damit beginnt eine Odyssee, die Marie durch verschiedene absurde Prüfungen und Begegnungen führt.
Basels Verbindung zu LSD
Albert Hofmann entdeckte Lysergsäurediethylamid (LSD) 1938 in den Basler Sandoz-Laboren. Zunächst als Kreislaufstimulans gedacht, entdeckte er 1943 bei einem Selbstversuch dessen psychoaktive Wirkung. Die Substanz, von Hofmann als sein «Sorgenkind» bezeichnet, wurde in den 1960er-Jahren zu einem Symbol der Gegenkultur und ist bis heute Gegenstand wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Debatten.
Ein Kampf um die Weltherrschaft
Nachdem Marie die Formel übergeben hat, schmieden die Ritter und Dr. Reitzenstein-Stollmann einen Plan. Sie wollen das frisch gebraute LSD-1000 nicht dem Volk, sondern gezielt den Mächtigen verabreichen. Ihr Ziel: das World Economic Forum (WEF) in Davos. Dort soll die Substanz die globale Elite erleuchten und eine neue Weltordnung unter der Führung eines «Präsidentenkönigs» schaffen.
Diese Vision einer undemokratischen Herrschaft steht im krassen Gegensatz zu den ursprünglichen Absichten Hofmanns. Marie, unterstützt vom Hippie-Guru Vanja Zimmerli (Jan Bluthardt), einer Figur, die an Timothy Leary erinnert, versucht, diesen Plan zu vereiteln. Zimmerli erkennt in Marie die wahre Auserwählte, gerade weil sie nicht zu der «pompösen» Elite gehört.
LSD kann die Grundgedanken der Menschen nicht verändern, es bringt sie nur klarer zum Vorschein.
Ihr Gegenplan führt sie zur Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Mit dem Drämmli fahren sie dorthin, um die Banker zu erleuchten. Doch der Versuch endet in einer Katastrophe: Anstatt Harmonie zu schaffen, führt die Droge bei den Finanzexperten zur Verzweiflung und zu einer Welle von Selbsttötungen.
Fakten zum Stück
- Titel: Die Ritter des Mutterkorns
- Autoren: Jörg Pohl und Rocko Schamoni
- Ort: Schauspielhaus, Theater Basel
- Dauer: ca. 2 Stunden (ohne Pause)
- Besonderheit: Zweite Zusammenarbeit von Pohl und Schamoni am Theater Basel.
Showdown in den Bergen
Die erzürnten Ritter finden Marie und Zimmerli in der BIZ, fesseln sie und nehmen das LSD-1000 an sich, um per Helikopter nach Davos zu fliegen. Doch die beiden können sich befreien und folgen ihnen mit dem Zug. Am WEF kommt es zum finalen Aufeinandertreffen.
In einem chaotischen Höhepunkt geht alles schief, was schiefgehen kann. Am Ende ist es Marie selbst, die die gesamte Dosis des Wundermittels abbekommt und einen überwältigenden Trip erlebt. Das Stück lässt offen, was aus ihrer Erleuchtung wird, doch eine Erkenntnis bleibt: Die Substanz hat nicht die Macht, die Natur eines Menschen zu ändern, sondern nur, sie zu verstärken.
Gemischte Reaktionen und starkes Ensemble
Die Inszenierung von Pohl und Schamoni setzt stark auf Slapstick und überzogene Komik, um die elitäre Bruderschaft der Lächerlichkeit preiszugeben. Dieser Ansatz führt jedoch dazu, dass die tiefergehenden Fragen nach Macht, Klasse und Bewusstsein nur an der Oberfläche behandelt werden. Die ständige Albernheit macht das Stück für manche Zuschauer etwas langatmig, was sich auch in den gemischten Publikumsreaktionen bei der Premiere zeigte.
Einhellig gelobt wurde hingegen die Leistung des Schauspielensembles. Allen voran überzeugt Marie Löcker in der Hauptrolle der Haushälterin Marie, die als einzige Figur einen klaren Blick behält und sich gegen die wichtigtuerischen Männer durchsetzt. Ihre Darstellung verleiht der ansonsten oft klamaukhaften Inszenierung eine wichtige emotionale Erdung.





