Basel steht vor einer entscheidenden Transformation im Umgang mit Regenwasser und Stadtklima. Im Transformationsareal Volta Nord, einem ehemaligen Industriegebiet, wird ein innovatives Pilotprojekt umgesetzt, das die Prinzipien der Schwammstadt integriert. Ziel ist es, die Stadt kühler zu machen und Regenwasser als wertvolle Ressource für die Vegetation zu nutzen, statt es einfach in die Kanalisation abzuleiten.
Wichtige Punkte
- Regenwasser wird im Volta Nord nicht mehr abgeleitet, sondern versickert vor Ort.
- Massnahmen wie Entsiegelung und Tiefbeete kühlen das Quartier.
- Zwei grosse Parkanlagen, Lysbüchelplatz und Saint-Louis-Park, entstehen.
- Neue Bauweisen und Substrate fördern gesunde Baumstandorte.
- Das Projekt dient auch dem Hochwasserschutz bei Starkregenereignissen.
Das Konzept der Schwammstadt in Basel
Das Konzept der Schwammstadt, ursprünglich aus Asien stammend, gewinnt in europäischen Städten zunehmend an Bedeutung. Es stellt einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Regenwasser dar. Anstatt das Wasser schnellstmöglich zu entsorgen, wird es als Ressource für Bäume und Pflanzen genutzt. Dies hilft, die städtischen Temperaturen zu senken und wirkt gleichzeitig Überschwemmungen bei Starkregen entgegen. Frieder Kaiser, Leiter des Fachbereichs Klima, betont die Bedeutung dieser Strategie.
Die Notwendigkeit des Schwammstadt-Prinzips ergibt sich direkt aus den spürbaren Auswirkungen des Klimawandels. Städtische Gebiete entwickeln sich aufgrund der vielen versiegelten Flächen zu Hitzeinseln. Diese Hitze wiederum führt zu intensiveren Regenfällen in kürzerer Zeit, was die bestehenden Kanalisationssysteme überlasten kann. Die Schwammstadt bietet hier eine doppelte Lösung: Sie kühlt die Stadt und schützt vor Hochwasser.
Faktencheck
- Klimawandel: Führt zu Hitzeinseln und stärkeren Regenfällen in Städten.
- Versiegelung: Beton und Asphalt verstärken den Hitzeeffekt und verhindern Wasserversickerung.
- Doppelter Nutzen: Schwammstadt kühlt die Stadt und schützt vor Überschwemmungen.
Massnahmen und Umsetzung im Volta Nord
Eine zentrale Massnahme der Schwammstadt ist die Entsiegelung von Böden. Wo immer möglich, werden Beton- und Asphaltflächen durch Grünflächen ersetzt. Wo Neubauten entstehen, wird von vornherein auf Versiegelung verzichtet. Im Transformationsareal Volta Nord ist dies besonders gut umsetzbar, da es sich um ein ehemaliges Gleisareal handelt und die Planung von Grund auf neu erfolgen kann.
Das Projekt Volta Nord umfasst die Schaffung von zwei grossen Parkanlagen: dem Saint-Louis-Park mit einer Fläche von 22'200 Quadratmetern, der auch eine grosse Naturschutzfläche integriert, und dem Lysbüchelplatz mit 5000 Quadratmetern, der als grüner Quartierplatz mit vielen Bäumen konzipiert wird. Diese Grünflächen sind entscheidend für die Kühlung und die Wasseraufnahme im Quartier.
"Wir von der Stadtgärtnerei wollen grosse und alte Bäume in der Stadt haben, weil das die besten Klimaanlagen sind."
Strassen als Wasserspeicher
Besonders innovativ ist die Anwendung des Schwammstadt-Prinzips auf öffentlichen Strassen. Im Volta Nord wird Regenwasser von den Strassen über spezielle Baumstandorte in beidseitige Mulden geleitet, wo es versickert. Dies reduziert den Bedarf an aufwendigen Entwässerungssystemen und schafft mehr Wurzelraum für Bäume.
Eine neue Bauweise sind die sogenannten Tiefbeete. Dies sind um 20 bis 50 Zentimeter abgesetzte Rabatten, in denen das Wasser gestaut wird. Das Wasser wird an der Oberfläche geführt, bis es versickert. Dies spart nicht nur Kosten für Schächte und Rohre, sondern verbessert auch die Wasserqualität, da das Wasser durch eine belebte Oberbodenschicht gereinigt wird, die Schadstoffe wie Schwermetalle oder Reifenabrieb bindet.
Hintergrundinformationen
Das Areal Volta Nord ist das erste grosse Transformationsareal in Basel, das das Stadtklimakonzept integral anwendet. Die Planung ist hier einfacher als in bestehenden Stadtteilen, da weniger bestehende Infrastrukturen berücksichtigt werden müssen. Dies ermöglicht eine umfassende Umsetzung der Prinzipien der Klimaanpassung.
Bodenbeschaffenheit und Substratentwicklung
Die Bodenbeschaffenheit in einem ehemaligen Industrieareal wie Volta Nord stellt eine Herausforderung dar. Dort gibt es kaum natürlichen, fruchtbaren Boden. Daher wird für die neuen Grünflächen und Baumstandorte spezielles Substrat benötigt. Dieses Substrat soll nicht nur das Wasser reinigen, sondern auch verdichtbar sein, um den Belastungen im städtischen Raum standzuhalten.
Die Stadt Basel arbeitet intensiv mit dem Amt für Umwelt und Energie an Forschungsprojekten, um lokale und nachhaltige Substrate zu entwickeln. Ziel ist es, die Kreislaufwirtschaft zu fördern und nicht auf Boden von anderen Bauvorhaben angewiesen zu sein, was oft keine nachhaltige Lösung darstellt. Die Produktion eigener Substrate ist ein wichtiger Schritt in Richtung Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung.
Wichtige Zahlen
- 22'200 m²: Fläche des Saint-Louis-Parks.
- 5000 m²: Fläche des Lysbüchelplatzes.
- 20-50 cm: Tiefe der neuen Tiefbeete für Wasserstau.
- 2026: Voraussichtlicher Baustart im Volta Nord.
Ausblick und zukünftige Projekte
Der Baustart im Volta Nord ist für das zweite oder dritte Quartal 2026 geplant. Die ersten Projekte beginnen in der Weinlagerstrasse. Ein wichtiger Test wird sein, Bäumen mehr Wurzelraum zu geben, indem das entwickelte Substrat unter Trottoir- und Fahrbahnbeläge eingebracht wird. Bisher hatten Bäume oft nur einen schmalen Grünstreifen zur Verfügung.
Da es sich um ein Pilotprojekt handelt, wird viel ausprobiert und evaluiert. Erste öffentliche Ergebnisse aus der jährlichen Auswertung werden jedoch mindestens zwei Jahre auf sich warten lassen, um aussagekräftige systematische Erkenntnisse zu gewinnen. Ein Abbruch des gesamten Projekts wird nicht erwartet, jedoch können einzelne Ideen angepasst oder weiterentwickelt werden, je nach den gewonnenen Erfahrungen und neuen Erkenntnissen, beispielsweise im Umgang mit PFAS-Chemikalien.
Nach Volta Nord wird das Areal Walkeweg als nächstes Schwammstadt-Projekt folgen. Langfristig soll das Schwammstadt-Konzept auf die gesamte bestehende Stadt Basel ausgeweitet werden. Der Ausbau der Fernwärme ist hier ein wichtiger Treiber, da dabei ohnehin Erdarbeiten anfallen, die für die Umsetzung von Schwammstadt-Massnahmen genutzt werden können. Im Bachlettenquartier beginnen bereits im nächsten Jahr entsprechende Bauarbeiten an Quartierstrassen.
Der Regierungsrat hat 280'000 Franken für das Monitoring des Pilotprojekts gesprochen. Dieses Geld wird für die wissenschaftliche Untersuchung und Auswertung der Auswirkungen in den Bereichen Umwelt, Infrastruktur und Wirtschaftlichkeit eingesetzt. Dafür werden Sensoren verbaut und die Daten gründlich in Zusammenarbeit mit Hochschulen analysiert.





