Viele Menschen klagen im Frühling über Erschöpfung und Müdigkeit. Eine neue Studie der Universität Basel und des Inselspitals in Bern zeigt jedoch, dass die sogenannte Frühlingsmüdigkeit kein messbares biologisches Phänomen ist. Vielmehr handelt es sich um ein kulturell geprägtes Gefühl.
Wichtige Erkenntnisse
- Frühlingsmüdigkeit ist nicht biologisch belegbar.
- Die Studie umfasste 418 Teilnehmer über ein Jahr.
- Subjektive Wahrnehmung weicht von Messdaten ab.
- Tageslicht beeinflusst die innere Uhr, führt aber im Frühling nicht zu mehr Müdigkeit.
Keine biologische Ursache für Frühlingsmüdigkeit
Schlafforscherin PD Dr. Christine Blume vom Zentrum für Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken und der Universität Basel hat gemeinsam mit Dr. Albrecht Vorster vom Inselspital in Bern diese weit verbreitete Annahme untersucht. Ihre Forschungsergebnisse, veröffentlicht im Fachjournal «Journal of Sleep Research», widerlegen die Existenz einer biologisch bedingten Frühlingsmüdigkeit.
Die Forschenden führten eine umfassende Online-Befragung durch. Über ein Jahr hinweg wurden 418 Teilnehmer alle sechs Wochen kontaktiert. Sie gaben Auskunft über ihr Erschöpfungsgefühl, ihre Tagesschläfrigkeit und die Schlafqualität der letzten vier Wochen. Dies ermöglichte eine Datenerfassung über verschiedene Jahreszeiten hinweg.
Faktencheck
- Anzahl Teilnehmer: 418 Personen
- Befragungsdauer: Ein Jahr
- Häufigkeit der Befragung: Alle sechs Wochen
Subjektives Gefühl versus Messdaten
Zu Beginn der Studie gab etwa die Hälfte der Teilnehmer an, unter Frühlingsmüdigkeit zu leiden. Die Auswertung der Daten zeigte jedoch keine statistisch signifikanten Unterschiede in Erschöpfung oder Schläfrigkeit zwischen den Jahreszeiten. Auch die Geschwindigkeit, mit der sich die Tageslänge im Frühling änderte, hatte keinen Einfluss auf das Müdigkeitsempfinden der Probanden.
PD Dr. Christine Blume betont: «Im Frühling werden die Tage schnell länger. Wenn Frühlingsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das gerade in dieser Übergangsphase zeigen, etwa, weil sich der Körper anpassen muss.» Die Daten stützen diese Hypothese jedoch nicht.
Kulturelle Prägung der Wahrnehmung
Die Diskrepanz zwischen dem subjektiven Gefühl und den objektiven Messdaten deutet darauf hin, dass die Frühlingsmüdigkeit eher ein kulturell verankertes Phänomen ist. Es existiert ein etablierter Begriff dafür. Dies führt dazu, dass Menschen im Frühling möglicherweise bewusster auf Müdigkeitssymptome achten und diese dann der Frühlingsmüdigkeit zuschreiben.
Die Expertin erklärt weiter: «Im Frühling haben wir möglicherweise auch das Gefühl, wir müssten aktiver sein und sollten das gute Wetter nutzen. Wenn wir uns dann doch nicht dazu aufraffen können, klaffen Anspruch und subjektives Energielevel auseinander.» Die Frühlingsmüdigkeit biete hierfür eine gesellschaftlich akzeptierte Erklärung oder Entschuldigung.
Hintergrundinformationen
Die innere Uhr des Menschen wird stark vom Tageslicht beeinflusst. In den dunkleren Wintermonaten ist die biologische Nacht tendenziell länger, was zu einem erhöhten Schlafbedürfnis führen kann. Wenn die Tage länger werden, sollte sich der Körper eigentlich fitter fühlen.
Tageslicht und Energielevel im Jahresverlauf
Chronobiologische Untersuchungen bestätigen, dass Menschen in der dunklen Jahreszeit tendenziell müder sind und mehr Schlaf benötigen. Dies spiegelt sich auch in den Angaben der Studienteilnehmenden wider. Die innere Uhr, die den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert, passt sich an die kürzeren Tage an.
Im Sommer, wenn die Tage am längsten sind, fühlen sich viele Menschen paradoxerweise fitter, obwohl sie oft weniger schlafen. Dies belegen die Datenauswertungen der Studie. Abende werden länger im Freien verbracht, soziale Aktivitäten nehmen zu. Trotzdem nimmt die Erschöpfung nicht zu.
«Das bedeutet aber auch, dass wir uns eigentlich fitter fühlen sollten, wenn die Tage wieder länger werden», sagt Christine Blume.
Die Forschungsergebnisse liefern eine neue Perspektive auf ein verbreitetes Phänomen. Sie zeigen, wie stark unsere Wahrnehmung von gesellschaftlichen Erwartungen und etablierten Begriffen beeinflusst werden kann.
Praktische Tipps für mehr Energie
Wer sich im Frühling energielos fühlt, kann einfache Massnahmen ergreifen, um das Wohlbefinden zu steigern. Die Psychologin Christine Blume empfiehlt:
- Viel Tageslicht: Regelmässige Spaziergänge im Freien, besonders am Morgen.
- Ausreichend Bewegung: Körperliche Aktivität hilft, den Kreislauf anzukurbeln und die Stimmung zu verbessern.
- Genügend Schlaf: Auf eine konstante Schlafroutine achten, um die innere Uhr zu stabilisieren.
Diese Empfehlungen sind unabhängig von der Jahreszeit nützlich, um das allgemeine Energielevel zu halten. Die Studie bietet nun erstmals empirische Daten, die diese Ratschläge untermauern.





