Das Schweizer Gesundheitswesen steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Fachkräftemangel, steigende Kosten und neue Regulierungen zwingen Spitäler und Praxen zu strategischen Anpassungen. Während einige Institutionen Gewinne melden, ringen andere mit der Neuausrichtung ihrer Dienstleistungen, um auch in Zukunft eine hochwertige Versorgung sicherzustellen.
Wichtige Erkenntnisse
- Fachkräftemangel bleibt eine zentrale Herausforderung für das Gesundheitswesen.
- Spitäler wie das Kantonsspital Winterthur und das USZ melden solide Gewinne nach strategischen Anpassungen.
- Die Verlagerung von stationären zu ambulanten Leistungen stösst an Grenzen und birgt neue Kostenprobleme.
- Lohnmassnahmen und die Stärkung der Arbeitgeberattraktivität sind entscheidend im Wettbewerb um Personal.
- Neue Ansätze zur Entlastung von Ärzten könnten tausende fehlende Fachkräfte ersetzen.
Fachkräftemangel: Eine anhaltende Herausforderung
Der Mangel an qualifiziertem Personal prägt das Schweizer Gesundheitswesen weiterhin stark. Besonders in der Pflege und bei spezialisierten medizinischen Fachkräften sind die Engpässe spürbar. Institutionen wie Zurzach Care suchen aktiv nach diplomierten Pflegefachkräften und Ergotherapeuten, um die Versorgung aufrechtzuerhalten.
Die Personalsuche erstreckt sich über verschiedene Bereiche, von Operationstechnik bis hin zu medizinischen Codierern und Applikationsmanagern für Medizininformatik. Diese Situation erfordert innovative Lösungen und verstärkte Anstrengungen, um das Gesundheitswesen als attraktiven Arbeitsplatz zu positionieren.
Faktencheck: Personalengpässe
- Offene Stellen für Pflegefachpersonen sind schweizweit hoch.
- Der Bedarf an spezialisierten Fachkräften wie Anästhesiepflegern steigt.
- Auch im administrativen Bereich, etwa für medizinische Codierung, fehlen Fachkräfte.
Strategische Neuausrichtung und finanzielle Stabilisierung
Einige grosse Schweizer Spitäler konnten ihre finanzielle Lage stabilisieren und sogar Gewinne erzielen. Das Kantonsspital Winterthur (KSW) meldete für das Jahr 2025 einen soliden Gewinn. Dies gelang durch eine Kombination aus mehr Überweisungen, strikter Kostendisziplin und einer klaren strategischen Ausrichtung. Auch die Integrierte Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland (IPW) verbesserte ihr Ergebnis 2025 deutlich, unterstützt durch einen Sondereffekt.
Das Universitätsspital Zürich (USZ) gehört ebenfalls zu den Institutionen, die in die Gewinnzone zurückgekehrt sind. Diese Erfolge zeigen, dass trotz der allgemeinen Herausforderungen eine effiziente Betriebsführung und strategische Entscheidungen zu positiven Ergebnissen führen können.
«Die entscheidende Phase ist geschafft. Mehr Patienten, schwarze Zahlen – das ist das Ergebnis harter Arbeit und einer klaren Strategie», so ein Sprecher des KSW.
Lohnanpassungen als Attraktivitätsfaktor
Um im Wettbewerb um die besten Köpfe bestehen zu können, investieren Spitäler in ihre Mitarbeitenden. Die Lindenhofgruppe hat für 2026 Lohnmassnahmen in Höhe von insgesamt 1 Prozent beschlossen. Diese Erhöhung der Lohnsumme soll die Position der Gruppe als attraktive Arbeitgeberin im Gesundheitswesen weiter stärken.
Solche Massnahmen sind von grosser Bedeutung, um die Motivation des Personals hochzuhalten und neue Fachkräfte anzuziehen. Sie sind ein klares Signal der Wertschätzung in einem anspruchsvollen Arbeitsumfeld.
Verschiebung von stationär zu ambulant: Grenzen und neue Probleme
Die Verlagerung von stationären zu ambulanten Leistungen ist ein zentraler Trend im Schweizer Gesundheitswesen. Faktoren wie Fachkräftemangel, Wirtschaftlichkeit und neue Regulatorien treiben diese Entwicklung voran. Die Lindenhofgruppe verlagert beispielsweise ihr stationäres Angebot und die Physiotherapie vom Engeriedspital an die Standorte Lindenhof und Sonnenhof per Dezember 2025. Ambulante radiologische Leistungen bleiben jedoch am Standort Engeried bestehen.
Doch diese Verlagerung stösst bereits an Grenzen. Eine Analyse zeigt, dass der Effekt nicht immer wie gewünscht aufgeht. Zwar werden stationäre Leistungen reduziert, doch es entsteht ein neues Kostenproblem im ambulanten Bereich. Die Rechnung geht nicht immer vollständig auf, da die ambulante Versorgung oft nicht die gleichen Kosteneinsparungen mit sich bringt wie ursprünglich erhofft.
Hintergrund: Ambulantisierung
Die Ambulantisierung ist eine Strategie, um medizinische Behandlungen, die früher einen Spitalaufenthalt erforderten, in Arztpraxen oder ambulanten Zentren durchzuführen. Ziel ist es, Kosten zu senken und die Effizienz zu steigern, während die Patientenversorgung flexibler gestaltet wird.
Innovative Ansätze zur Entlastung des Systems
Angesichts des anhaltenden Ärztemangels werden neue Modelle zur Entlastung der Hausarztpraxen diskutiert. Eine Analyse der Bertelsmann Stiftung in Deutschland zeigt, dass viele Aufgaben in Arztpraxen, wie Kontrollen, Wundversorgung oder Hausbesuche, von speziell qualifizierten Fachleuten übernommen werden könnten. Dies würde Tausende fehlende Ärzte ersetzen und die Primärversorgung stärken.
Solche Modelle könnten auch für das Schweizer System relevant sein, um die Arbeitsbelastung der Ärzte zu reduzieren und die Effizienz der Patientenversorgung zu steigern. Es geht darum, die Kompetenzen innerhalb des Gesundheitsteams optimal zu nutzen.
- Delegation von Aufgaben: Speziell geschultes Pflegepersonal kann Routineaufgaben übernehmen.
- Telemedizin: Digitale Konsultationen entlasten Praxen und verbessern den Zugang zur Versorgung.
- Interprofessionelle Teams: Zusammenarbeit von Ärzten, Pflegekräften und Therapeuten.
Herausforderungen in der medizinischen Ausbildung und Forschung
Nicht nur die aktuelle Versorgung, sondern auch die medizinische Ausbildung und Forschung stehen vor Problemen. Studien belegen Nachteile für Frauen bei Herzstillstand, was auf unzureichendes Training im Nothelferkurs zurückgeführt wird. Dies zeigt die Notwendigkeit, Trainingsmethoden zu überprüfen und anzupassen.
Ein weiteres kritisches Thema ist der Rückzug von Pharmafirmen aus der Antibiotikaforschung. Während Resistenzen steigen, sinkt die Anzahl der Forschungsprojekte. Heute gibt es noch 60 Projekte, vor fünf Jahren waren es noch 92. Dies könnte langfristig schwerwiegende Folgen für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten haben.
Antibiotika-Forschung im Rückgang
Die Anzahl der Antibiotika-Forschungsprojekte ist in den letzten fünf Jahren um über 30% gesunken. Dies birgt Risiken im Kampf gegen resistente Keime.
Patientenbeteiligung und psychoonkologische Unterstützung
Die Stärkung der Patientenrechte und -beteiligung rückt zunehmend in den Fokus. In englischen Spitälern ermöglicht «Martha's Rule» Patienten, Angehörigen und Personal, eine Spitalbehandlung jederzeit überprüfen zu lassen. Bislang führte dies zu 10'000 Reviews und 450 kritischen Interventionen. Diese Regelung zeigt, wie wichtig es ist, Angehörigen wirklich zuzuhören und ihre Anliegen ernst zu nehmen.
Im Bereich der Krebsbehandlung wird zudem die Bedeutung psychoonkologischer Unterstützung nach einer Brustkrebsdiagnose immer deutlicher. Neben medizinischen Entscheidungen stehen viele Betroffene vor grossen emotionalen Herausforderungen wie Angst und Verunsicherung. Eine neue Podcastfolge betont die Wichtigkeit dieser Unterstützung, um Patientinnen und Patienten ganzheitlich zu begleiten.





