Die zunehmende Resistenz von Bakterien gegenüber Antibiotika stellt die moderne Medizin vor grosse Herausforderungen. Eine alte Therapieform, die Phagentherapie, rückt dabei wieder in den Fokus. Diese Methode, bei der Bakterien mit spezifischen Viren bekämpft werden, könnte eine wichtige Rolle im Kampf gegen schwer behandelbare Infektionen spielen. In der Schweiz ist ihre Anwendung jedoch stark eingeschränkt, obwohl das Potenzial gross ist.
Wichtige Erkenntnisse
- Antibiotikaresistenzen führen in der Schweiz zu jährlich rund 300 Todesfällen.
- Phagen sind Viren, die Bakterien gezielt angreifen, ohne menschliche Zellen zu schädigen.
- Die Phagentherapie ist in der Schweiz nicht regulär zugelassen, nur in Ausnahmefällen erlaubt.
- Fehlende wirtschaftliche Anreize behindern die Forschung und Entwicklung in Pharmaunternehmen.
- Ein Basler Phagenforum diskutiert Wege zur besseren Zugänglichkeit und Forschung.
Die stille Gefahr: Antibiotika verlieren an Wirkung
Antibiotika waren eine medizinische Revolution. Sie haben unzählige Leben gerettet. Doch mit der Zeit haben Bakterien gelernt, sich gegen diese Medikamente zu wehren. Diese Antibiotikaresistenzen sind heute ein globales Gesundheitsproblem. Sie führen dazu, dass einfache Infektionen wieder lebensbedrohlich werden können. In der Schweiz sterben laut Schätzungen jährlich etwa 300 Menschen direkt an den Folgen von resistenten Keimen. Viel häufiger sind jedoch Fälle, in denen Patienten jahrelang unter chronischen, schwer behandelbaren Infektionen leiden.
Ein Beispiel hierfür ist der diabetische Fuss, eine häufige Komplikation bei Diabetes. Infektionen können hier so schwerwiegend werden, dass in der Schweiz pro Jahr über 1900 Amputationen vorgenommen werden müssen. Für viele Betroffene bedeutet dies jahrelanges Leid und zahlreiche Operationen.
Faktencheck: Antibiotikaresistenzen in der Schweiz
- 300 Todesfälle pro Jahr durch resistente Bakterien.
- Über 1900 Fussamputationen jährlich aufgrund von Infektionen, die oft resistent sind.
- Kosten für die Behandlung resistenter Infektionen sind deutlich höher.
Phagen: Winzige Helfer aus der Natur
Phagen, auch Bakteriophagen genannt, sind Viren, die ausschliesslich Bakterien befallen und zerstören. Sie sehen aus wie kleine Schrauben mit Spinnenfüssen und sind überall in unserer Umwelt zu finden. Das Besondere an ihnen ist ihre Spezifität: Ein Phage greift nur bestimmte Bakterienarten an, lässt aber menschliche Zellen unversehrt. Diese Eigenschaft macht sie zu vielversprechenden Kandidaten für eine Therapie, die gezielter wirkt als herkömmliche Antibiotika.
Die Phagentherapie ist keine neue Erfindung. Sie wurde bereits vor über hundert Jahren angewendet. Auch nach der Einführung der Antibiotika in den 1940er Jahren wurde sie in einigen Ländern, insbesondere hinter dem Eisernen Vorhang, weiter praktiziert und erforscht. Im Westen geriet sie jedoch lange in Vergessenheit.
Basler Schülerin entdeckt neue Phagen
In Basel sorgte vor zwei Jahren eine Maturantin aus Münchenstein für Aufsehen. Im Rahmen ihrer Abschlussarbeit entdeckte sie im Kot von Zootieren bisher unbekannte E. coli-Phagen. Diese Entdeckung unterstreicht das Potenzial der Phagenforschung und zeigt, wie viel über diese Viren noch unentdeckt ist. Die junge Forscherin engagiert sich mittlerweile im Basler Phagenforum.
Hürden auf dem Weg zur breiteren Anwendung
Trotz ihres Potenzials fristet die Phagentherapie in der Schweiz ein Schattendasein. Sie ist hier nicht als reguläres Medikament zugelassen. Nur in äussersten Notfällen und unter strengen Auflagen dürfen Phagen eingesetzt werden. Dies geschieht nur, wenn alle anderen zugelassenen Therapien versagt haben. In den letzten Jahren wurden in der Schweiz nur eine Handvoll Patienten mit Phagen behandelt.
Hintergrund: Warum die Zulassung schwierig ist
Die Entwicklung und Zulassung eines Medikaments ist ein langwieriger und teurer Prozess, der oft Hunderte Millionen Franken kostet. Für Pharmafirmen ist die Phagentherapie oft nicht lukrativ, da sie sehr individualisiert ist. Für jede Infektion muss der passende Phage gefunden werden, was aufwendige Tests erfordert und die Herstellung eines standardisierten Medikaments erschwert. Die Patienten bilden zudem keine klar definierte Gruppe, da die Ursachen der Infektionen sehr vielfältig sind.
«Schlussendlich ist es eine Abwägung zwischen schneller Verfügbarkeit und Patient*innensicherheit. Diese Gratwanderung ist anspruchsvoll.»
Sarah Wyss, SP-Nationalrätin
SP-Nationalrätin Sarah Wyss betont, dass die Politik sich des Problems bewusst sei. Sie sieht die Notwendigkeit, Alternativen zu Antibiotika zu finden. Allerdings ist die Gratwanderung zwischen einer schnellen Verfügbarkeit der Therapie und der Patientensicherheit anspruchsvoll. Die hohen Kosten und der geringe Absatzmarkt für Antiinfektiva schrecken Pharmaunternehmen ab. Medikamente gegen chronische Krankheiten, die über Jahre eingenommen werden, sind wirtschaftlich attraktiver.
Internationale Beispiele und der Schweizer Weg
International gibt es Entwicklungen, die zeigen, wie die Phagentherapie zugänglicher gemacht werden könnte. In Belgien wurde 2024 eine Studie veröffentlicht, die bei rund 70 Prozent der 100 behandelten Patienten einen Erfolg zeigte. Erfolg bedeutet hier eine deutliche Linderung des Leidens bei Patienten, die zuvor jahrelang erfolglos mit Antibiotika behandelt wurden. Diese Studie hatte zwar keine Kontrollgruppe, liefert aber wichtige Hinweise auf das Potenzial der Therapie.
In Belgien ist die Phagentherapie mittlerweile leichter zugänglich. Die Phagenpräparate werden dort vom Militär finanziert und für Behandlungen in Europa und weltweit kostenlos zur Verfügung gestellt. Viele Patienten reisen auch nach Georgien, wo die Phagentherapie seit Jahrzehnten etabliert ist. Andere bestellen Phagen online und suchen Ärzte, die bereit sind, die Therapie anzuwenden. Dies führt zu einer Art Zweiklassenmedizin und birgt gesundheitliche Risiken.
Internationale Fortschritte
- Belgische Studie: 70% Erfolg bei 100 Patienten mit chronischen Infektionen.
- Belgien: Phagenpräparate vom Militär finanziert, leichter zugänglich.
- Georgien: Phagentherapie seit Jahrzehnten etabliert.
Eine Zulassung in der Schweiz könnte solche Praktiken verhindern und die Therapie sicherer machen. Das hiesige Zulassungssystem ist jedoch nicht auf derart individualisierte Therapien ausgelegt. Jede neue Phagenkombination müsste im aktuellen System erneut zugelassen werden, was unrealistisch ist.
«Wenn die Phagentherapie einen wertvollen Beitrag zur Bekämpfung der Antibiotika-Krise leisten kann, dann müsste diese Therapieform weiter erforscht und entsprechend mit finanziellen Mitteln ausgestattet werden.»
Oliver Bolliger, Basta-Grossrat
Das Phagenforum sucht Lösungen
Das Phagenforum hat eine Veranstaltungsreihe in Basel, Lenzburg, Zürich und der Westschweiz organisiert, um die Öffentlichkeit und Akteure aus Forschung, Medizin, Behörden und Politik zusammenzubringen. Ziel ist es, über die Therapie aufzuklären, Hürden aufzuzeigen und für das Thema zu sensibilisieren. Thomas Häusler, Projektleiter des Phagenforums, betont, dass die Dringlichkeit des Themas in den letzten fünf Jahren eher noch zugenommen habe.
Oliver Bolliger, Basta-Grossrat, sieht in der Förderung der Phagentherapie einen Ansatz im Sinne einer Public Pharma. Die Herstellung sei relativ kostengünstig und nicht auf maximale Gewinne ausgerichtet. Er fordert, dass das Patientenwohl stets im Vordergrund stehen muss.
Die Teilnahme von Julia Djonova von Swissmedic am Phagenforum in Basel wird als positives Signal gewertet. Es zeigt, dass die Zulassungsbehörde das Problem ernst nimmt. Bislang sind kaum Nebenwirkungen der Phagentherapie bekannt, was ihre Sicherheit unterstreicht. Es geht nun darum, einen spezifischen Schweizer Weg zu finden, um das volle Potenzial dieser Therapieform zu nutzen und sie den Patienten zugänglich zu machen, die dringend darauf angewiesen sind.
Das Forum in Basel findet diesen Samstag, 31. Januar, statt. Weitere Termine sind der 14. Februar in Lenzburg und der 9. Mai in Zürich.





