Das Schweizer Gesundheitswesen befindet sich in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Während Spitäler aus wirtschaftlichen Gründen Angebote zusammenlegen und Personal abbauen, zeigen medizinische Fortschritte und ein wachsendes Interesse an Pflegeberufen positive Entwicklungen auf. Die Branche navigiert durch ein Spannungsfeld aus finanziellem Druck und dem Streben nach Innovation.
Diese Dynamik zwingt Institutionen zu strategischen Neuausrichtungen, die von Lohnanpassungen über Standortverlagerungen bis hin zu neuen Führungspositionen reichen. Gleichzeitig geben Erfolge in der Forschung und bei der Digitalisierung Anlass zur Hoffnung.
Das Wichtigste in Kürze
- Strategische Neuausrichtungen: Spitäler wie die Lindenhofgruppe und das Spital Oberengadin restrukturieren ihre Angebote, was zu Standortverlagerungen und Stellenabbau führt.
- Positive Trends am Arbeitsmarkt: In der Zentralschweiz erreichen die Ausbildungszahlen in Pflegeberufen mit über 3000 Personen einen neuen Rekord.
- Medizinischer Fortschritt: Eine grossangelegte Studie zeigt eine deutliche Reduktion von Todesfällen und Behinderungen nach Schlaganfällen in den letzten 20 Jahren.
- Führungswechsel und Kooperationen: Wichtige Positionen in Spitälern und Fachgesellschaften werden neu besetzt, während die Digitalisierung des Patientendossiers voranschreitet.
Spardruck erzwingt schmerzhafte Entscheidungen
Der wirtschaftliche Druck auf Schweizer Spitäler nimmt spürbar zu. Zahlreiche Institutionen sehen sich gezwungen, ihre Strukturen anzupassen, um langfristig überlebensfähig zu bleiben. Diese Massnahmen haben direkte Auswirkungen auf Mitarbeitende und die regionale Gesundheitsversorgung.
Lindenhofgruppe bündelt Kräfte
Ein prominentes Beispiel ist die Lindenhofgruppe in Bern. Das Unternehmen hat angekündigt, das stationäre Leistungsangebot sowie die Physiotherapie des Engeriedspitals bis Dezember 2025 an die Standorte Lindenhof und Sonnenhof zu verlagern. Als Gründe für diesen Schritt werden der anhaltende Fachkräftemangel, die Wirtschaftlichkeit und regulatorische Vorgaben genannt. Während die ambulanten radiologischen Leistungen am Standort Engeried verbleiben, ist die Konzentration der stationären Versorgung ein klares Zeichen für den Konsolidierungsdruck. Gleichzeitig versucht die Gruppe, als Arbeitgeberin attraktiv zu bleiben und hat für 2026 Lohnmassnahmen in Höhe von einem Prozent der Lohnsumme beschlossen.
Rettung mit bitterem Beigeschmack im Oberengadin
Auch in Graubünden waren einschneidende Massnahmen unumgänglich. Das Spital Oberengadin stand auf der Kippe, konnte aber nach einem dritten Anlauf durch ein Ja der Gemeinden gerettet werden. Die Weiterführung des Betriebs ist jedoch mit einem erheblichen Stellenabbau verbunden: 48 Mitarbeitende verlieren ihre Stelle. Dieser Fall illustriert das Dilemma vieler regionaler Spitäler, die zwischen der Sicherstellung der lokalen Versorgung und dem Zwang zur Effizienzsteigerung gefangen sind.
Hintergrund: Der Kostendruck im Gesundheitswesen
Die Kosten im Schweizer Gesundheitswesen steigen seit Jahren kontinuierlich an. Faktoren wie die demografische Entwicklung, teurere medizinische Technologien und der Mangel an Fachkräften erhöhen den Druck auf die Spitäler. Gleichzeitig versuchen Politik und Versicherer, die Kosten durch neue Tarifstrukturen und Regulierungen zu dämpfen, was die finanzielle Planung für Spitäler zusätzlich erschwert.
Lichtblicke in Forschung und Ausbildung
Trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen gibt es auch ermutigende Nachrichten aus dem Gesundheitssektor. Insbesondere in der medizinischen Forschung und bei der Nachwuchsförderung zeichnen sich positive Trends ab, die das System langfristig stärken könnten.
Bemerkenswerte Fortschritte bei der Schlaganfall-Behandlung
Ein Forschungsteam aus Zürich und Bern hat in einer umfassenden Analyse von über 1,4 Millionen Spitalaufenthalten beeindruckende Ergebnisse erzielt. Die Auswertung zeigt, dass die Zahl der Todesfälle und schweren Behinderungen infolge von Hirnschlägen in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich gesunken ist. Dieser Erfolg wird auf verbesserte Präventionsmassnahmen, schnellere Diagnosen und effektivere Behandlungsmethoden zurückgeführt. Die Studie ist ein Beleg für die Innovationskraft des Schweizer Medizinsystems.
Pflegeberufe im Aufwind
Entgegen dem oft beklagten Fachkräftemangel gibt es in der Zentralschweiz einen neuen Rekord zu vermelden. Erstmals befinden sich dort mehr als 3000 Personen gleichzeitig in einer Ausbildung für einen Pflegeberuf. Dieser Höchststand, gemeldet von der Organisation Xund, deutet auf eine wachsende Attraktivität des Berufsfeldes hin und ist ein entscheidender Baustein zur Sicherung der zukünftigen Pflegequalität.
Neue Köpfe und digitale Vernetzung
Die personelle und strukturelle Weiterentwicklung ist ein ständiger Prozess im Gesundheitswesen. Wichtige Führungspositionen werden neu besetzt und die Digitalisierung schreitet voran, um die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren zu verbessern.
Wechsel in wichtigen Führungspositionen
Das Universitätsspital Basel (USB) stärkt seine Pflegeexpertise durch die Ernennung von Oliver Mauthner zum neuen stellvertretenden Direktor Pflege und Leiter Fachexpertise und Forschung Pflege. Mauthner, der vom Felix Platter Spital kommt, bringt umfangreiche Erfahrung mit.
Auch in den Fachgesellschaften gibt es bemerkenswerte Veränderungen:
- Die Schweizerische Neurologische Gesellschaft (SNG) wird mit Caroline Pot und Silke Biethahn erstmals von einem weiblichen Duo geführt.
- Markus Gschwind, Leitender Arzt am Kantonsspital Aarau, übernimmt die Präsidentschaft der Schweizerischen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie (SGKN).
- Die Bellevue Medical Group bündelt ihre Kompetenzen in der Neuroimmunologie unter der neuen Leitung von Andreas Lutterotti.
Diese Personalien zeigen eine kontinuierliche Erneuerung und Spezialisierung auf höchstem Niveau.
Das elektronische Patientendossier nimmt Fahrt auf
Ein entscheidender Schritt in Richtung eines vernetzten Gesundheitswesens ist der Ausbau des elektronischen Patientendossiers (EPD). Mit dem Beitritt von Ad Swiss zur Stammgemeinschaft Cara wird ein Grossteil der am EPD beteiligten Leistungserbringer gebündelt. Diese Konsolidierung ist wichtig, um die Interoperabilität zu verbessern und den sicheren Datenaustausch zwischen Spitälern, Ärzten und Patienten zu vereinfachen und so die Behandlungsqualität zu erhöhen.
Fazit: Ein Sektor im Wandel
Das Schweizer Gesundheitswesen beweist einmal mehr seine Fähigkeit zur Anpassung. Während der wirtschaftliche Druck zu schmerzhaften, aber notwendigen Restrukturierungen führt, sorgen Innovationen in der Medizin, ein wachsendes Interesse an Pflegeberufen und strategische Kooperationen für eine solide Basis für die Zukunft. Die kommenden Jahre werden zeigen, wie gut es der Branche gelingt, die Balance zwischen Kosteneffizienz und qualitativ hochstehender Versorgung zu halten.





