Der Fall Marco Goecke, der vor rund einem Jahr eine Journalistin mit Hundekot attackierte, beschäftigt die Kulturwelt weiterhin. Trotz des Vorfalls hat Goecke eine neue Führungsposition am Theater Basel übernommen. Seine Choreografien sind auch in Bern zu sehen. Diese schnelle Rückkehr in eine prominente Rolle wirft Fragen nach Rehabilitation, Vergebung und dem Umgang mit Fehlverhalten in der Kunstwelt auf.
Wichtige Punkte
- Marco Goecke ist seit dieser Spielzeit künstlerischer Leiter am Theater Basel.
- Seine Choreografie „Hello Earth!“ wird auch in Bern gezeigt.
- Der Vorfall von 2023, bei dem Goecke eine Journalistin attackierte, führte zu seiner Entlassung in Hannover.
- Die betroffene Journalistin, Wiebke Hüster, erhielt keine persönliche Entschuldigung.
- Das Theater Basel verteidigt die Anstellung Goeckes als Chance für einen „menschenzugewandten Künstler“.
Der Vorfall und die schnelle Rückkehr
Im Februar 2023 sorgte ein Vorfall im deutschen Kulturbetrieb für weltweites Aufsehen. Marco Goecke, damals Ballettdirektor des Staatsballetts Hannover, attackierte die Tanzkritikerin Wiebke Hüster der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ). Er beschimpfte sie und schmierte ihr Hundekot ins Gesicht. Die „Dog Poop Attack“, wie sie international genannt wurde, führte umgehend zu Goeckes Entlassung und einem Hausverbot in Hannover.
Viele sahen Goeckes Karriere nach diesem Eklat als beendet an. Doch die Entwicklung verlief anders. Bereits in dieser Spielzeit hat Marco Goecke eine neue Position als künstlerischer Leiter des Balletts am Theater Basel angetreten. Gleichzeitig wird seine Choreografie „Hello Earth!“ in Bern aufgeführt, eine Produktion aus dem Jahr 2014.
Faktencheck
- Datum des Vorfalls: 11. Februar 2023
- Ort: Foyer des Staatsballetts Hannover
- Opfer: Wiebke Hüster, Tanzkritikerin der FAZ
- Konsequenz: Entlassung und Hausverbot in Hannover
Die Debatte um Vergebung und Kunst
Die schnelle Wiedereingliederung Goeckes in eine Führungsposition löst eine intensive Debatte aus. Es geht um die Frage, wie die Kulturwelt mit Tätern umgeht und welche Kriterien für eine Rehabilitation gelten. Die Diskussion über fehlbare Kulturschaffende hat in den letzten Jahren, insbesondere durch die #MeToo-Bewegung und den Weinstein-Skandal, an Bedeutung gewonnen. Diese Bewegung hat den Blickwinkel verschoben – von der Glorifizierung des „schwierigen Genies“ hin zur Perspektive des Opfers und der Benennung „toxischer Täter“.
Im Fall Goecke stellt sich die Frage: Wurde er so schnell rehabilitiert, weil er Reue zeigte und eine zweite Chance verdient, oder weil seine künstlerische Arbeit als so wichtig erachtet wird, dass über seine Verfehlung hinweggesehen wird? Diese Unterscheidung ist entscheidend für die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und innerhalb der Kulturszene.
„Die Welle der Solidarität durch meine Berufskolleginnen und -kollegen half mir über das Geschehene hinweg.“
Reue und die Sicht des Opfers
Marco Goecke hat sich seit der Attacke mehrfach öffentlich entschuldigt. Anfangs wirkten diese Entschuldigungen jedoch halbherzig. In einer ersten Erklärung, die über seine damalige Managerin Nadja Kadel verbreitet wurde, entschuldigte er sich für die „Wahl der Mittel“ und bezeichnete die Tat als „absolut nicht gutzuheissende Aktion“. Er führte seine Handlung auf nervliche Belastung zurück und warf der Kritikerin „oft gehässige Kritiken“ vor, forderte Verständnis für seine Gründe.
Diese Relativierung stieß auf breites Unverständnis. Später, bei seiner Vorstellung am Theater Basel im Jahr 2024, äußerte sich Goecke unzweideutiger. Er nannte den Vorfall den „größten Fehler in meinem Leben“ und betonte, sich „so gut es geht, bei all denen entschuldigt“ zu haben, die er verletzt habe.
Hintergrund: #MeToo
Die #MeToo-Bewegung startete 2017 und prägte den gesellschaftlichen Diskurs über Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe. Sie führte dazu, dass der sogenannte „Geniekult“ in der Kulturproduktion hinterfragt wurde. Über Jahrzehnte waren Täter gedeckt worden, deren psychische und physische Gewalt oft ignoriert wurde, weil ihre Kunst als überragend galt. #MeToo lenkte den Fokus auf die Opferperspektive.
Wiebke Hüsters Perspektive
Wiebke Hüster selbst blickt auf eine turbulente Zeit nach der Attacke zurück. Sie wurde selbst zum Mittelpunkt der Berichterstattung. Gegenüber dieser Redaktion äußerte sie, dass sie nicht davon ausging, dass Goecke nie wieder als Choreograf arbeiten würde. Sie zeigte sich aber überrascht, dass er „so schnell wieder eine Leitungsfunktion bekommen hat.“ Besonders pikant ist dies, da Hüster in den 90er-Jahren selbst am Theater Basel arbeitete und dort auch ihre journalistische Karriere bei der „Basler Zeitung“ begann.
Eine direkte persönliche Entschuldigung von Marco Goecke hat sie bis heute nicht erhalten. Einige Monate nach dem Vorfall erhielt sie lediglich eine E-Mail seines Anwalts mit einem Entschuldigungsangebot und einer Zahlung von 10.000 Euro. Hüster lehnte dies als „demütigend“ ab. Gerichtlich wurde Goecke zu einer Zahlung von 6.000 Euro an einen gemeinnützigen Verein verurteilt.
Das Theater Basel und die Begründung
Das Theater Basel verteidigt seine Entscheidung, Marco Goecke als künstlerischen Leiter einzustellen. In einem Statement der Presseabteilung wird Goecke als „Ausnahmekünstler“ gewürdigt, dessen rund 90 Choreografien weltweit aufgeführt wurden. Die Theaterleitung und der Verwaltungsrat hätten sich im Vorfeld seiner Bestellung intensiv mit Goecke und dem Vorfall in Hannover auseinandergesetzt.
Das Theater Basel kam zu dem Schluss, dass Goecke „als Mensch und als Künstler eine zweite Chance verdient hat“. Für diese Einschätzung wurden Gespräche mit Goecke selbst, aber auch mit Mitarbeitenden aus seinem Umfeld sowie Tänzerinnen und Tänzern geführt, die mit ihm gearbeitet haben. Diese Gespräche hätten das Bild eines „menschenzugewandten Künstlers“ gezeichnet, für den seine Tänzerinnen im Mittelpunkt stehen. Seine Zusammenarbeit mit den Tänzerinnen und Tänzern wird als „absolut wertschätzend und respektvoll“ beschrieben.
Bühnen Bern: Fokus auf das Werk
Auch Bühnen Bern zeigt Goeckes Werk „Hello Earth!“. Isabelle Bischof, Verantwortliche bei Bühnen Bern, betont die künstlerische Bedeutung von Goeckes Choreografien. Sie sieht ihn als „eine der prägenden Stimmen im heutigen Tanz“ und findet, dass dem Publikum diese einzigartige Handschrift „nicht vorenthalten“ werden sollte. Bischof kritisiert, dass die öffentliche Debatte den Menschen Goecke zu sehr auf den Skandal reduziert habe.
Sie verurteilt die Attacke klar mit den Worten: „Das hätte nicht passieren dürfen – Punkt.“ Gleichzeitig verweist sie auf das abgeschlossene Gerichtsverfahren und Goeckes Distanzierung von seinen ersten Äußerungen. Für Bühnen Bern sei der professionelle Umgang „hier und jetzt“ entscheidend. Da es sich um die Wiederaufnahme eines älteren Stücks handelt, ist Goecke nicht persönlich anwesend; das Werk wird von seiner Assistentin einstudiert. Intern wird betont, dass Goecke einen „exzellenten Ruf“ im Umgang mit Tänzerinnen und Tänzern genießt, was sich auch daran zeigt, dass viele Tänzer ihm von Hannover nach Basel gefolgt sind.
Am Ende, so Bischof, gehe es „nicht um die Person, sondern um das Werk und seinen Einfluss“. Diese Haltung steht im Gegensatz zur FAZ, die entschieden hat, nicht mehr über Marco Goecke zu schreiben, da sie die Attacke als Angriff auf die Pressefreiheit wertet. Wiebke Hüster selbst wird nie wieder ein Stück von Goecke sehen.





