Die Art Basel hat ihre erste Messe in Katar eröffnet und damit eine neue Ära im internationalen Kunstmarkt eingeläutet. Diese Expansion zeigt, wie die Golfstaaten Kultur nutzen, um ihr globales Image zu formen und ihre Rolle auf der Weltbühne zu festigen. Es geht dabei um mehr als nur um Kunst – es ist ein komplexes Zusammenspiel aus Diplomatie, Wirtschaft und Macht.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Art Basel Katar ist Teil einer umfassenden Kulturstrategie der Golfstaaten.
- Katar investiert massiv in Museen und Kunst, um sein Image zu verbessern und seine geopolitische Position zu stärken.
- Der Begriff «Gulf Futurism» beschreibt die dystopische Vision einer durch Petrokapitalismus geformten Hochglanzwelt.
- Die Messe zeigt eine kuratierte Auswahl, die politische Kontroversen meidet.
- Katar fungiert als wichtiger Vermittler in internationalen Konflikten, was sich auch in seiner Kulturstrategie widerspiegelt.
Katar und die Kultur-Offensive
Die Entscheidung, die Art Basel nach Doha zu bringen, ist kein Zufall. Seit Jahren investieren die Golfstaaten, allen voran die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Katar, gigantische Summen in Kulturinstitutionen. Neue Museen entstehen, gefüllt mit spektakulären Kunstankäufen. Dies ist Teil einer Strategie, die über reines «Artwashing» hinausgeht. Es dient der Imagepflege autoritärer Regime und hat weitreichende geopolitische Implikationen.
Die katarische Halbinsel, umgeben vom Persischen Golf und an Saudi-Arabien grenzend, positioniert sich als Drehscheibe. Doha, die Hauptstadt, glänzt mit Wolkenkratzern. Diese Stadtlandschaft erinnert an Science-Fiction-Visionen, wie sie Designer Syd Mead für Filme wie «Blade Runner» entwarf. Saudi-Arabien plant den Jeddah Tower, der mit über 1000 Metern Höhe den Burj Khalifa übertreffen soll. Künstliche Ski-Resorts und palmförmige Inseln in Dubai zeigen eine absurde Realität.
Interessanter Fakt
Die katarische Herrscherfamilie, unter der Ägide von Sheikha Al Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al Thani, verfügt über ein jährliches Budget von bis zu einer Milliarde Dollar für Kunstankäufe.
Der Begriff Gulf Futurism
Die katarisch-amerikanische Künstlerin Sophia Al-Maria prägte Anfang der 2010er-Jahre den Begriff «Gulf Futurism». Er beschreibt eine cyberpunk-ähnliche Beschwörung der Petrokultur – Hochglanzrealitäten, die aus der Wüste wachsen. Es geht dabei um die Isolation des Einzelnen durch Technologie, Reichtum und reaktionären Islam, sowie die zerstörerischen Auswirkungen des Konsums auf die Seele und der Industrie auf die Erde.
Al-Maria und die kuwaitische Künstlerin Fatima Al Qadiri haben 2012 klargestellt, dass es nicht um bloße Beschleunigungsbegeisterung geht. Vielmehr thematisiert es die Auslöschung der Geschichte aus Gedächtnis und Umgebung. Dieser Begriff wurde in den letzten zehn Jahren oft missverstanden und als Tech-Orientalismus zweckentfremdet, der glitzernde Shopping-Malls und Megastrukturen feiert.
Die Art Basel Katar: Ein Mosaikstein
Die Art Basel Katar ist ein Baustein in einem viel größeren Mosaik. Die Messe, die nach Miami, Paris und Hongkong nun auch am Golf stattfindet, ist sorgfältig kuratiert. Ein Tram mit Art-Basel-Branding fährt durch die Stadt, während in den Einkaufszonen ein gedämpfter Betrieb herrscht. Im vierstöckigen Messegebäude präsentieren 87 Galerien jeweils Werke eines einzigen Künstlers.
Dieses Konzept wurde vom künstlerischen Direktor Wael Shawky und dem Direktor der Art-Basel-Messen, Vincenzo de Bellis, festgelegt. Die Auswahl erfolgt zweifach gefiltert: durch die Vorschläge der Galeristen und die anschließende Selektion. Das Ergebnis ist eine Mischung aus großen westlichen Namen wie Picasso und Christo sowie Künstlern mit Bezug zum arabischen Raum und Südasien, darunter Mona Hatoum und Ahmed Mater.
"Die Zukunft ist immer von den Vorfahren geprägt."
Hintergrund zur Kunstlandschaft Katars
Sheikha Al Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al Thani, Schwester des Emirs, ist eine der größten Kunstsammlerinnen weltweit. Unter ihrer Ägide entstanden Museen wie Jean Nouvels Nationalmuseum und I. M. Peis Museum Islamischer Kunst. Geplante Projekte umfassen ein Kindermuseum, eine Kunst-Quadriennale ab November und das Art Mill Museum für die gigantische Sammlung zeitgenössischer Kunst.
Kuratierte Konsens-Kunst
Die Messe ist auf Konsens ausgerichtet. Werke, die in Richtung Queerness oder Nacktheit deuten könnten, bleiben zu Hause. Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit sind in Katar weiterhin strafbar. Dieses Selektionsprinzip wäre unter anderen Umständen problematisch, doch die Art Basel Katar hat die Rückendeckung der katarischen Herrscherfamilie.
Die Standgebühren von 15'000 bis 25'000 Dollar sind deutlich niedriger als in Basel. Flüge und Hotels für Galeristen und Künstler werden gestellt. Dies sind Anreize, um Bedenken hinsichtlich der politischen Lage und des Kunststandorts auszugleichen. Abgesehen von Al Mayassa Al Thani gibt es in Katar keine vergleichbare Sammlerklientel.
Geopolitische Kunststücke und globale Allianzen
Die Kunstszene am Golf ist ein Schauplatz für geopolitische Manöver. Katar betreibt aktives Nation Branding, ähnlich den Emiraten und Saudi-Arabien. Die Marke Art Basel wird für die Marke Katar "angekauft", ähnlich wie die FIFA-Weltmeisterschaft 2022. Die Debatte darüber, ob man mit autoritär regierten Staaten kooperieren sollte, spaltet die Kunstwelt.
Team A kritisiert die Ausbeutung von Wanderarbeitern und die Unterstützung islamistischer Milizen. Team B wirft Team A Eurozentrismus vor und verweist auf positive Entwicklungen. Die Realität ist komplexer. Katar positioniert sich als Vermittler: Die Al-Thani-Familie schenkt Donald Trump einen Luxus-Jumbojet, während der staatliche Sender al-Jazeera zurückhaltend über Proteste im Iran berichtet. Gleichzeitig finden in Doha wichtige diplomatische Treffen statt, etwa mit dem deutschen Kanzler Friedrich Merz oder Jared Kushner.
- Russische Besucher: Viele wohlhabende Russen, die nach dem Ukraine-Krieg nach Dubai zogen, besuchten die Messe.
- David Beckham: Die englische Fußballerlegende fungiert als Botschafter Katars für Sport, Prominenz und nun auch Kunst. Sein Zehn-Jahres-Vertrag soll rund 160 Millionen Franken einbringen.
Kunst und Konflikt
Die an der Art Basel Katar gezeigte Kunst ist oft historisch, kryptisch oder abstrakt. Wenn sie politische Themen aufgreift, dann meist dezent, etwa die palästinensische Erfahrung. Konflikte wie der Sudan, die Ukraine oder Syrien bleiben ausgeblendet. Künstler wie Halil Altındere, der mit einem Knüpfteppich türkischer Drohnen ein Gebet gegen die Zerstörung inszeniert, fallen auf.
Die Kunst dient hier nicht als politisches Sprachrohr, sondern als Medium zur Zusammenführung globaler Eliten unter den Bedingungen multipolarer Machtsphären. Dies geht weit über "Artwashing" hinaus. Der iranische Philosoph Reza Negarestani nennt dies "kartografischen Zynismus". Die Kunst vermittelt nicht mehr nur zwischen Künstler und Betrachter, sondern zwischen geopolitischer Position und Finanzmacht.
Zukunftsvisionen und Realitäten
Die Landschaft Katars beherbergt auch Kunst, die zum Nachdenken anregt. Richard Serras Skulptur "East-West/West-East" aus dem Jahr 2014, vier 15 Meter hohe Stahlplatten in einem Erosionstal, wirkt wie eine außerirdische Erscheinung. Sie fügt sich in eine 130 Millionen Jahre alte Vergangenheit als Meeresboden ein. Ein grandioser und verstörender Anblick, der die Gegenwart in ein schwarzes Nichts zu saugen scheint.
Die Museumsdirektorinnen und Kulturinitiativen am Golf haben oft beste Absichten und realisieren hochkarätige Projekte. Doch sie sind in ein komplexes System verstrickt, das auf eine neue Weltunordnung hinstrebt. Eine Weltunordnung, in der sich die multipolar-oligarchischen Eliten gegen den Rest der Welt verschworen haben. Das altmodische Artwashing wirkt im Vergleich zum kartografischen Zynismus der Gegenwart beinahe rührend.
Wie der Cyberpunk-Autor William Gibson sagte: Die Zukunft ist längst da – sie ist bloß noch ungleichmäßig verteilt.





