Häusliche Gewalt bleibt in der Region Basel ein gravierendes Problem mit einer hohen Dunkelziffer. Viele Betroffene leiden jahrelang unter Kontrolle und Missbrauch, bevor sie den Ausstieg schaffen. Beat John, Leiter der Opferhilfe beider Basel, erklärt, warum das System oft versagt und warum mehr Zivilcourage von der Gesellschaft gefordert ist.
Opfer fühlen sich häufig isoliert und verlieren über die Jahre an Selbstwertgefühl, was eine Trennung erschwert. Zudem führen rechtliche Hürden und die Angst vor dem Täter dazu, dass nur ein Bruchteil der Taten zur Anzeige gebracht wird.
Das Wichtigste in Kürze
- Viele Opfer häuslicher Gewalt verbleiben aus Angst und Abhängigkeit jahrelang in der Beziehung.
- Experten kritisieren, dass zu wenige Fälle angezeigt werden, oft mangels Beweisen.
- Es wird ein Umdenken im Justizsystem und mehr Zivilcourage im Umfeld gefordert.
- Die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt wird als extrem hoch eingeschätzt.
Das stille Leiden in den eigenen vier Wänden
Für viele Menschen ist das eigene Zuhause ein Ort der Sicherheit. Für andere ist es ein Ort des Schreckens. Eine Betroffene, nennen wir sie Rahel, erlebte jahrelang schwere Misshandlungen durch ihren Ehemann. Die Beziehung, die in jungen Jahren begann, entwickelte sich zu einem Martyrium, als ihr Mann begann, anabole Steroide zu nehmen und zunehmend aggressiv wurde.
Rahel war finanziell und emotional von ihm abhängig, insbesondere nach der Geburt zweier Kinder. Erst nach vielen Jahren gelang ihr mit der Hilfe einer Freundin die Flucht aus der Gewaltspirale. Ihr Fall ist kein Einzelfall, wie Experten bestätigen.
Hintergrund: Gewalt in der Partnerschaft
Häusliche Gewalt umfasst körperliche, sexuelle, psychische und wirtschaftliche Gewalt zwischen Personen in einer bestehenden oder aufgelösten partnerschaftlichen, familiären oder häuslichen Beziehung. In der Schweiz ist Gewalt in der Ehe und Partnerschaft seit 2004 ein Offizialdelikt, was bedeutet, dass die Strafverfolgungsbehörden von Amtes wegen ermitteln müssen, sobald sie davon Kenntnis erlangen.
Psychische Folgen erschweren die Trennung
Beat John, der die Opferhilfe beider Basel leitet, kennt solche Geschichten nur zu gut. Er erklärt, dass das jahrelange Ausharren in einer gewalttätigen Beziehung oft auf komplexe psychologische Mechanismen zurückzuführen ist. „Gewaltbetroffene Personen verlieren in dieser Zeit an Selbstwertgefühl. Die erlebte Kontrolle und das dominierende Machtverhalten der Täter sind erdrückend“, so John.
Die Täter isolieren ihre Opfer oft systematisch von Freunden und Familie, wodurch die Abhängigkeit weiter verstärkt wird. Die ständige Angst und der psychische Druck führen dazu, dass viele Betroffene die Kraft für eine Trennung nicht mehr aufbringen können.
Warum so wenige Taten zur Anzeige kommen
Ein zentrales Problem im Kampf gegen häusliche Gewalt ist die geringe Zahl an Anzeigen. „Im Bereich der häuslichen Gewalt kommen viel zu wenig Delikte überhaupt zur Anzeige“, stellt Beat John fest. Viele Opfer möchten nach einer Trennung einfach nur ihre Ruhe und den Kontakt zur gewalttätigen Person vollständig abbrechen, anstatt sich einem belastenden Strafverfahren auszusetzen.
Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Beweislage. Häusliche Gewalt findet meist ohne Zeugen statt, was die juristische Aufarbeitung erschwert.
„Beweise für eine Anzeige fehlen meistens. Es steht dann Aussage gegen Aussage. Das Verfahren wird eingestellt und für die Opfer bleibt nichts als Ernüchterung.“Beat John, Leiter Opferhilfe beider Basel
John kritisiert, dass jede Einstellung eines Verfahrens von den Tätern als Sieg gewertet wird und sie in ihrem Verhalten bestärkt. Er fordert ein Umdenken bei Strafverfahren und in der Rechtsprechung, bei dem der Fokus stärker auf den Schutz der Opfer gelegt wird.
Statistiken zur häuslichen Gewalt
Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) registrierte die Polizei im Jahr 2022 in der Schweiz 19'992 Straftaten im Bereich der häuslichen Gewalt. Experten gehen jedoch davon aus, dass die tatsächliche Zahl weitaus höher liegt, da viele Taten nicht gemeldet werden. Die Mehrheit der Opfer ist weiblich.
Der Ruf nach mehr Zivilcourage und Systemänderungen
Beat John betont, dass viele Personen im Umfeld von Gewaltbeziehungen – wie Lehrpersonen, Ärzte oder Sozialarbeitende – von den Vorfällen Kenntnis erlangen. „Oft fehlt hier aber die Zivilcourage, es anzusprechen“, kritisiert er. Damit häusliche Gewalt als Offizialdelikt wirksam bekämpft werden kann, müsse die Gesellschaft bereit sein, hinzusehen und zu handeln, anstatt zu schweigen.
Er sieht auch die Politik in der Pflicht, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu verbessern. Folgende Massnahmen sind laut dem Experten dringend notwendig:
- Klare Melderechte und Meldepflichten: Um Fachpersonen zu ermutigen und zu verpflichten, Verdachtsfälle zu melden.
- Ausbau von Schutzplätzen: Es braucht mehr sichere Unterkünfte für flüchtende Opfer und ihre Kinder.
- Bessere Betreuungssysteme: Eine umfassende Unterstützung im Alltag nach der Trennung ist entscheidend.
- Schnellere Gerichtsverfahren: Lange Verfahren und Verzögerungstaktiken von Tätern belasten die Opfer zusätzlich.
- Vernetztes Bedrohungsmanagement: Eine engere Zusammenarbeit zwischen Polizei, Justiz und Opferhilfestellen ist erforderlich.
Für John ist klar: „Betroffenheit alleine reicht nicht. Es braucht Ressourcen und ein System, das die Opfer konsequent schützt und die Täter zur Rechenschaft zieht.“ Nur so könne die hohe Dunkelziffer langfristig gesenkt und das Leid vieler Menschen beendet werden.





