Ein alltäglicher Vorfall an der Basler Schifflände wirft eine grundlegende Frage auf: Wie gehen wir mit Sicherheitsvorschriften um, die unseren Alltag einschränken? Während viele Bürgerinnen und Bürger Regeln als lästig empfinden, zeigen jüngste Ereignisse, wie entscheidend sie für den Schutz von Menschenleben sind. Die Debatte über das richtige Mass an Regulierung ist in Basel neu entfacht.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Vorfall bei einer Rheinschifffahrt in Basel verdeutlicht die Spannung zwischen Sicherheitsregeln und dem Unmut der Bevölkerung.
- Nach der Tragödie von Crans-Montana überprüft die Stadt Basel ihre Sicherheitskonzepte, insbesondere für die Fasnacht.
- Geplante Lockerungen im Brandschutz wurden vorerst auf Eis gelegt, was eine Debatte über «Überregulierung» auslöst.
- Fachleute betonen, dass Sicherheitsbeauftragte nicht Spielverderber, sondern Ermöglicher sicherer Veranstaltungen sind.
Konflikt am Anlegesteg
Es sollte eine besondere Führung zum Abschluss der Ausstellung «800 Jahre Mittlere Brücke» werden, organisiert von der Christoph Merian Stiftung auf einem Rheinschiff. Viele Interessierte fanden sich an der Schifflände ein, um einen Platz zu ergattern. Doch die Veranstaltung endete für einige bereits am Steg, bevor sie überhaupt begonnen hatte.
Ein Mitarbeiter der Schifffahrtsgesellschaft musste den Zustieg stoppen, als die maximal zulässige Passagierzahl von 250 Personen erreicht war. Aufgrund der anwesenden Besatzung von nur zwei Nautikern war die Kapazitätsgrenze aus Sicherheitsgründen erreicht. Die Entscheidung war unumstösslich.
Die Reaktionen in der Warteschlange waren gemischt. Während einige die Situation akzeptierten, äusserten andere lautstark ihren Unmut. Kommentare wie «Der soll sich doch nicht so anstellen» und «Macht sich mal wieder einer wichtig» fielen. Die Vorschriften wurden als schikanös empfunden, der Mitarbeiter als überkorrekt dargestellt.
Sicherheitsvorschriften in der Schifffahrt
Die Anzahl der Passagiere auf einem Schiff ist streng reglementiert und hängt direkt von der Grösse des Schiffes sowie der Anzahl der Besatzungsmitglieder ab. Diese Regeln sind international standardisiert und dienen dazu, im Notfall eine schnelle und geordnete Evakuierung zu gewährleisten. Jeder zusätzliche Passagier stellt ein potenzielles Risiko dar.
Ein Weckruf für die ganze Stadt
Dieser kleine Vorfall am Rhein steht im Kontrast zu einer tiefen Betroffenheit, die die Region nur kurz zuvor erfasste. Die Gedenkminute auf dem Marktplatz für die Opfer des Lawinenunglücks in Crans-Montana, bei dem auch eine Person aus der Region ums Leben kam, ist noch frisch in Erinnerung. Solche Tragödien rücken die Bedeutung von Sicherheitsmassnahmen schlagartig ins öffentliche Bewusstsein.
Die Stadt Basel hat reagiert. Im Vorfeld der Fasnacht, einem Grossanlass mit Tausenden von Besuchern in engen Gassen und Kellern, werden die Sicherheitsvorkehrungen intensiv geprüft. Viele Cliquen haben bereits von sich aus ihre Konzepte überarbeitet. Die Behörden kündigten an, das Sicherheitskonzept für die Fasnachtskeller innerhalb weniger Tage neu zu fassen.
Brandschutz auf dem Prüfstand
Eine gesamtschweizerisch für 2027 geplante «Liberalisierung des Brandschutzes» wurde im Kanton Basel-Stadt vorerst gestoppt. Die Behörden wollen die aktuellen Ereignisse zum Anlass nehmen, die bestehenden Vorschriften zu überprüfen, anstatt sie zu lockern.
Die Debatte um die Eigenverantwortung
Die Verschärfung der Regeln stösst nicht überall auf Zustimmung. Es gibt Stimmen, die vor einer «Überregulierung» warnen. Sie plädieren dafür, stärker auf die Eigenverantwortung der Veranstalter und Betreiber zu setzen. Man dürfe nicht alle unter Generalverdacht stellen, so das Argument.
Experten halten jedoch dagegen. Zwar handeln die meisten Betreiber verantwortungsbewusst, doch schwarze Schafe gefährden durch Nachlässigkeit das Leben ihrer Gäste. Genau aus diesem Grund seien klare, verbindliche Regeln und deren konsequente Kontrolle unerlässlich. Es geht darum, einen Mindeststandard zu definieren, der nicht unterschritten werden darf.
Sicherheit als Grundlage für das Vergnügen
Ein Blick hinter die Kulissen, beispielsweise im Theater, zeigt, wie komplex das Thema ist. Cathérine Miville, die lange als Intendantin tätig war, kennt die Diskussionen aus eigener Erfahrung.
«Wie oft habe ich mich geärgert, wenn der so ganz wunderbar schillernde Deko-Stoff nicht eingesetzt werden durfte, da er nicht B1-Brandschutzklasse konform war», erinnert sie sich. Auch Geländer, die eine Bühnenästhetik störten, oder freizuhaltende Fluchtwege wurden oft als Hindernis empfunden.
Doch diese Wahrnehmung ist ein Trugschluss. Sicherheitsfachkräfte, Arbeitsschutz- und Brandbeauftragte sind keine Spielverderber. Im Gegenteil: Ihre Arbeit ist die Voraussetzung dafür, dass Veranstaltungen überhaupt sicher stattfinden können. Sie ermöglichen Kultur, Sport und Feste, indem sie Risiken minimieren.
Ihre Expertise sorgt dafür, dass aus einem ausgelassenen Fest keine Katastrophe wird. Sie kennen die Vorschriften, die oft auf bitteren Erfahrungen aus der Vergangenheit beruhen. Diese Fachleute verdienen Respekt und Vertrauen, denn ihre Aufgabe ist es, uns alle zu schützen – auch vor unserer eigenen Bequemlichkeit.





