In Basel haben sich sogenannte Plauderkassen in Migros-Filialen und Apotheken etabliert. Diese speziellen Kassen sind Orte, an denen Kundinnen und Kunden nicht nur ihre Einkäufe bezahlen, sondern auch bewusst zu einem kurzen Gespräch eingeladen werden. Die Initiative, ursprünglich 2022 vom Verein Gsünder Basel ins Leben gerufen, zielt darauf ab, der zunehmenden Vereinsamung in der Gesellschaft entgegenzuwirken und alltägliche soziale Interaktionen zu fördern.
Wichtigste Erkenntnisse
- Plauderkassen fördern soziale Interaktion in Supermärkten und Apotheken.
- Die Initiative stammt vom Verein Gsünder Basel und startete 2022.
- Kurze Gespräche mit Fremden können das Glücksgefühl steigern.
- Oberflächliche Themen wie Komplimente sind ideal, Politik und Religion sind Tabu.
- Das Angebot wird gut angenommen und hat sich in Basel erfolgreich etabliert.
Ein Ort für unerwartete Begegnungen
An einem Mittwochnachmittag im Migros am Burgfelderplatz in Basel ist Sibyl Mura an der Plauderkasse im Einsatz. Sie ist freiwillig hier. Ihre Aufgabe ist es, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Für viele ist dies eine willkommene Abwechslung im oft hektischen Alltag. Ein Beispiel ist eine 91-jährige Dame mit Rollator, die sich über die Hilfe beim Einpacken freut und offen über ihr Leben spricht.
Solche Momente sind das Herzstück der Plauderkassen. Sie bieten eine Gelegenheit für kleine, aber bedeutungsvolle menschliche Kontakte. Die ältere Dame, Adriana Ceccaroni, entpuppt sich im Gespräch als Mutter der Basler Fussballlegende Massimo Ceccaroni. Solche persönlichen Geschichten entstehen oft spontan und schaffen eine besondere Atmosphäre.
Faktencheck Plauderkassen
- Startjahr: 2022 durch Gsünder Basel
- Standorte: Migros-Filialen und Apotheken in Basel
- Vorbild: Die «Kletskassa» der niederländischen Supermarktkette Jumbo
- Ziel: Vereinsamung entgegenwirken, soziale Interaktion fördern
Das Konzept hinter dem Plaudern
Sibyl Mura hat für ihre Tätigkeit an der Plauderkasse einen speziellen Kurs absolviert. Dort lernte sie die Grundlagen einer gelungenen Konversation: Begegnung, Aktion und Verabschiedung. Sie betont, dass das Plaudern an diesen Kassen bewusst oberflächlich bleiben soll. Bestimmte Themen sind tabu, um eine positive Stimmung zu erhalten.
«Plaudern ist hier explizit oberflächlich», erklärt Sibyl Mura. «Wir wollen ja nicht, dass es plötzlich laut wird hier.»
Themen wie Politik und Religion sind daher ausgeschlossen. Stattdessen funktionieren Komplimente oder offene Fragen sehr gut, um ein Gespräch zu beginnen. Mura erzählt von einer Kundin, die kürzlich die Vorzüge eines Rucksacks im Alter von über 60 Jahren entdeckte. Solche kleinen Anekdoten prägen den Alltag an der Plauderkasse.
Warum wir das Plaudern wieder lernen sollten
In einer zunehmend digitalisierten Welt, in der viele Menschen ihren Blick auf den Smartphone-Bildschirm richten, werden persönliche Gespräche seltener. Sibyl Mura beobachtet, dass die Zeit für ein kurzes Schwätzchen im Alltag oft fehlt. Früher sei dies anders gewesen, als beispielsweise der Milchmann oder der Pöstler noch Zeit für einen kurzen Austausch hatten.
Eine Studie aus dem Jahr 2014 von US-Verhaltensforschern zeigte, dass Menschen nach kurzen Gesprächen mit Fremden glücklicher sind als beim Schweigen. Die Forscher nannten ihre Arbeit «Mistakenly Seeking Solitude», was darauf hindeutet, dass wir irrtümlicherweise das Alleinsein suchen, obwohl uns soziale Interaktion guttun würde.
Hintergrund: Die Einsamkeit in der Gesellschaft
Studien zeigen, dass die gefühlte Einsamkeit in der Gesellschaft zunimmt. Besonders ältere Menschen sind davon betroffen. Initiativen wie die Plauderkassen können einen wichtigen Beitrag leisten, um dem entgegenzuwirken und Menschen wieder miteinander in Kontakt zu bringen. Es geht nicht immer um tiefe Gespräche, sondern oft um die kleinen, freundlichen Mikrobegegnungen im Alltag.
Die Rolle der Mikrobegegnungen
Neben den längeren Gesprächen schätzt Sibyl Mura auch die sogenannten Mikrobegegnungen. Ein Lachen, ein freundliches «Schöns Tägli» oder ein kurzer Blickkontakt können bereits viel bewirken. Sie schaffen eine Sekunde des Glücksgefühls und tragen zu einem positiveren Miteinander bei.
An einem Nachmittag zählt Mura sieben längere Konversationen innerhalb einer Stunde. Diese Zahl zeigt, wie gross der Bedarf an solchen Interaktionen ist. Es sind Momente, in denen Freude bereitet wird und Menschen sich für einen Augenblick verbunden fühlen. Eine Rollstuhlfahrerin, die kaum noch Leute zu Hause sieht, geniesst nach dem Einkauf einen Kaffee mit Sibyl Mura. Solche Gesten gehen über den reinen Einkauf hinaus und schaffen echte menschliche Wärme.
Tipps für gelungene Plaudereien
- Starten Sie mit einem Kompliment: «Was für eine schöne Tasche!»
- Stellen Sie eine offene Frage: «Haben Sie den Rucksack schon länger?»
- Bleiben Sie oberflächlich: Vermeiden Sie kontroverse Themen wie Politik oder Religion.
- Hören Sie aktiv zu: Zeigen Sie Interesse an dem, was Ihr Gegenüber erzählt.
- Schenken Sie ein Lächeln: Eine kleine Geste kann viel bewirken.
Ein Modell für andere Städte?
Der Erfolg der Basler Plauderkassen, die sich an einem niederländischen Vorbild orientieren, zeigt, dass es einen echten Bedarf an solchen Initiativen gibt. Sie sind eine einfache, aber effektive Möglichkeit, den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft zu stärken. Es ist ein Ansatz, der über den reinen Konsum hinausgeht und den Wert menschlicher Begegnungen in den Vordergrund stellt. Die Plauderkassen in Basel sind ein leuchtendes Beispiel dafür, wie kleine Veränderungen im Alltag grosse positive Auswirkungen haben können.




