Dr. Halyna Tsyhanenko, eine Sozialpsychologin, die 2022 aus der Ukraine in die Schweiz flüchtete, hat ihre persönlichen Erfahrungen in ihre Forschung einfliessen lassen. Unterstützt vom Netzwerk «Scholars at Risk» (SAR) konnte sie an der Universität Basel eine Studie zur sozialen Ausgrenzung ukrainischer Geflüchteter durchführen. Ihre Arbeit beleuchtet die Herausforderungen bei der Integration in die Schweizer Gesellschaft.
Wichtige Erkenntnisse
- Sprachbarriere und befristeter Aufenthaltsstatus erschweren die Integration.
- Arbeitssuche ist trotz gesetzlichem Zugang zum Arbeitsmarkt schwierig.
- Aktive Bewältigung von Herausforderungen fördert die Resilienz und Jobchancen.
- Das Netzwerk «Scholars at Risk» unterstützt gefährdete Forschende weltweit.
Flucht und Neuanfang in Basel
Halyna Tsyhanenko lebte bis zum 24. Februar 2022 mit ihrer Familie in Kyjiw. Als der Krieg begann, wurde die Stadt zum Hauptziel der russischen Besatzung. Die Gefahr für ihr Kind war zu gross, weshalb sie sich zur Flucht entschloss. Mit einem gepackten Rucksack verbrachte sie die ersten Tage in einem Schutzraum einer Kirche, bevor sie mit Hilfe eines Paten in den Westen der Ukraine gelangte.
Am 4. März 2022 verliess sie das Land. In ihren Händen hielt sie ihre vierjährige Tochter und ihre 14-jährige Katze. Ein kleiner Rucksack enthielt Medikamente und Essen. Diese Situation verdeutlicht die drastischen Umstände, unter denen viele Menschen ihre Heimat verlassen mussten.
Faktencheck: Scholars at Risk
- Gründungsjahr: Vor 25 Jahren ins Leben gerufen.
- Mission: Unterstützung von Forschenden in politischen Konfliktsituationen.
- Partnerinstitutionen: Über 40 Universitäten weltweit, darunter die Universität Basel.
- Ziel: Fortsetzung der akademischen Arbeit für gefährdete Wissenschaftler.
Ankunft und erste Schritte in der Schweiz
Die erste Station nach der Grenze war Warschau. Dort verbrachte Halyna Tsyhanenko drei Tage. Ein ehemaliger Kollege aus der Freiwilligenarbeit vermittelte ihr und ihrer Tochter eine Gastfamilie in Basel. Zweieinhalb Monate lang lebten sie in deren Haus.
Nachdem sie Arbeit und eine eigene Wohnung gefunden hatte, zogen sie aus. Die Dankbarkeit für die Unterstützung bleibt jedoch bestehen. Solche Hilfsangebote sind entscheidend für Menschen in Notsituationen.
"Ich hatte Schuldgefühle, weil ich mein Land verlassen hatte. Die Selbsthilfegruppe hat mir geholfen, meine Identität als Psychologin, Psychotherapeutin und Forscherin wiederzuerlangen."
Engagement und wissenschaftliche Arbeit
In Basel schloss sich Halyna Tsyhanenko der Ukrainischen Gesellschaft der Schweiz an. Diese Plattform dient dem Austausch von Informationen über Kleidung, Lebensmittel und Bildungsmöglichkeiten. Über die Mailingliste dieser Gesellschaft erfuhr sie vom Programm «Scholars at Risk».
Sie bewarb sich umgehend für das Programm. In den ersten zwei Jahren in der Schweiz hielt sie weiterhin Online-Vorlesungen für die Universität in Krywyj Rih. Eine Woche nach ihrer Ankunft gründete sie zudem eine wöchentliche Selbsthilfegruppe für ukrainische Geflüchtete in Basel. Diese Gruppe war nicht nur für andere wichtig, sondern auch für sie selbst. Sie half ihr, mit den Schuldgefühlen der Flucht umzugehen und ihre berufliche Identität wiederzufinden.
Hintergrund: Dr. Halyna Tsyhanenko
Dr. Halyna Tsyhanenko wuchs in der Ukraine auf und promovierte am Institut für Sozial- und Politikpsychologie der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine in Kyjiw. Neben ihrer Forschungsarbeit engagierte sie sich während der Orangen Revolution (2004) und des Euromaidans (2014) als psychologische Unterstützerin für Protestierende.
Das Projekt mit «Scholars at Risk»
Die Bewerbung bei «Scholars at Risk» war erfolgreich. Dieses Netzwerk bot ihr die Möglichkeit, ihre Forschung fortzusetzen. Professor Hedwig J. Kaiser und Professor Rainer Greifeneder von der Universität Basel boten ihr eine Stelle für ein Jahr an. Diese wurde später um zehn Monate verlängert.
Dadurch konnte Halyna Tsyhanenko ein Projekt über ukrainische Geflüchtete in der Schweiz realisieren. Die Zusammenarbeit mit Professor Greifeneder konzentrierte sich auf die soziale Ausgrenzung dieser Gruppe. Ihre Muttersprache war dabei von grossem Vorteil, da sie die einzige Person in der Forschungsgruppe war, die Ukrainisch verstand.
Forschung zur sozialen Ausgrenzung
Für die Studie entwickelte das Team einen neuen Fragebogen zum Thema soziale Ausgrenzung und institutionelles Vertrauen. Dieser wurde speziell für ukrainische Geflüchtete in der Schweiz und in ihrer Muttersprache erstellt. Halyna Tsyhanenko war zunächst überrascht vom Fokus auf soziale Ausgrenzung, da sie selbst nur Unterstützung erfahren hatte.
Doch sie erkannte schnell, dass Schwierigkeiten bei der Akzeptanz von Fremden ein weit verbreitetes Phänomen sind. Auch für die Neuankömmlinge ist es nicht einfach, sich in eine neue Kultur und deren ungeschriebene Regeln einzufinden. Die Studie zeigte, wie komplex der Integrationsprozess sein kann.
Wichtige Studienergebnisse
Die Untersuchung identifizierte mehrere Gründe für das Gefühl der sozialen Ausgrenzung. Die Sprachbarriere stellt ein grosses Hindernis dar. Auch der befristete Aufenthaltsstatus und die unsichere Lage in der Ukraine tragen zu diesen Gefühlen bei. Viele Geflüchtete haben zudem Schwierigkeiten, eine passende Arbeit zu finden.
Obwohl sie gesetzlich Zugang zum Arbeitsmarkt haben, zögern viele Arbeitgeber, Personen mit einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung einzustellen. Es gibt jedoch auch positive Beispiele. Menschen, die aktiv nach Informationen, Empathie und Unterstützung suchten und Herausforderungen bewältigten, zeigten sich widerstandsfähiger. Viele von ihnen fanden so einen Job.
- Haupthindernisse: Sprachbarriere, befristeter Aufenthaltsstatus, Kriegssituation.
- Arbeitsmarkt: Gesetzlicher Zugang, aber praktische Schwierigkeiten bei der Jobsuche.
- Resilienz: Aktive Problemlösung führt oft zu besseren Integrationserfolgen.
Zukunftspläne und persönliche Haltung
Das Projekt mit «Scholars at Risk» ist inzwischen abgeschlossen. Halyna Tsyhanenko lernt nun Deutsch mit Unterstützung des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV) und sucht nach einer neuen Anstellung. Ihr Psychologieabschluss wurde in der Schweiz anerkannt.
Derzeit arbeitet sie an der Analyse ihrer Forschungsergebnisse und bereitet deren Veröffentlichung vor. Dieses Jahr wird sie die Ergebnisse auf der Generalversammlung der «European Association of Social Psychology» in Strassburg und auf einer Konferenz in Barcelona präsentieren. Der Kontakt zu Professor Greifeneder besteht weiterhin. Eine Rückkehr an die Psychologische Fakultät oder die Universität Basel wäre für sie eine wünschenswerte Perspektive.
Die Bedeutung der eigenen Kultur
Für Halyna Tsyhanenko ist es wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen und zu respektieren. Gleichzeitig sieht sie sich als Weltbürgerin und Teil einer grösseren menschlichen Gemeinschaft. Sie leitet eine ukrainische Pfadfindergruppe in Basel. Als sie gefragt wurde, warum sie nicht einfach einer Schweizer Pfadiorganisation beitreten, antwortete sie: "Weil ich Ukrainerin bin."
Ihre Kultur ist tief verwurzelt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie die Schweizer Kultur nicht akzeptiert. Sie lernt gerne Deutsch und respektiert andere Kulturen. Das Verständnis und die Zusammenarbeit innerhalb einer vielfältigen Gemeinschaft sind für sie entscheidend.





