Am vergangenen Samstag kam es im süddeutschen Raum und in Basel zu massiven Verspätungen und Ausfällen bei der Deutschen Bahn. Als Ursache nannte die DB einen Blitzeinschlag in eine Oberleitung. Diese Begründung wirft jedoch Fragen auf, insbesondere da ein bekannter Meteorologe die Blitztheorie vehement bestreitet.
Wichtige Punkte
- Die Deutsche Bahn begründete Zugausfälle und Verspätungen mit einem Blitzeinschlag bei Herbolzheim.
- Meteorologe Jörg Kachelmann schliesst einen Blitzschlag zum genannten Zeitpunkt praktisch aus.
- Es gab offene Meinungsverschiedenheiten zwischen der DB und den SBB bezüglich der Weiterfahrt eines ICE.
- Die EU-Bahngastrechteverordnung sieht bei höherer Gewalt, wie einem Blitzschlag, keine Entschädigungspflicht vor.
Chaos am Basler Bahnhof
Der Samstag begann für viele Reisende in Basel mit einer schlechten Nachricht. Der ICE 200, planmässig um 9.16 Uhr nach Hamburg, sollte sich um 20 Minuten verspäten. Eine Durchsage informierte die Passagiere, dass der Lokführer aufgrund von Problemen im deutschen Netz noch nicht in Basel war. Was folgte, war eine Kette von Ungewissheiten.
Gegen 9.30 Uhr hiess es, der Lokführer sei eingetroffen. Doch der Zug bewegte sich nicht. Minuten später meldete sich die Zugführerin erneut. Sie sprach von heftigen Diskussionen zwischen der Deutschen Bahn und den SBB Basel über die Freigabe des Zuges. Die Situation war unklar, die Passagiere wurden gebeten, sitzen zu bleiben.
Um 9.52 Uhr, eine knappe Stunde nach der ursprünglichen Abfahrtszeit, kam die definitive Absage: Der ICE durfte nicht ausfahren. Die Reisenden, die den vollbesetzten Zug nach Hamburg nehmen wollten, mussten auf die S-Bahn zum Badischen Bahnhof ausweichen. Dort wartete der nächste überfüllte Zug auf sie.
Faktencheck: Zugausfälle
Die Stiftung Warentest berichtete, dass zwischen Juli 2010 und Ende Februar des Berichtsjahres jeder dritte Fernzug in Deutschland mindestens sechs Minuten Verspätung hatte. Die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn bleibt ein Dauerproblem.
Der umstrittene Blitzeinschlag
Die Deutsche Bahn erklärte die Störungen mit einem Blitzeinschlag. Dieser soll am Samstagmorgen gegen 4 Uhr bei Herbolzheim, zwischen Offenburg und Freiburg, eine Oberleitungsstörung verursacht haben. Erst am Nachmittag, gegen 14.20 Uhr, sei die Strecke wieder freigegeben worden. Die Störung führte zu Verspätungen und Teilausfällen auf mehreren ICE-Linien, betroffen waren auch Züge in die Schweiz, darunter nach Basel, Brig, Interlaken Ost, Zürich und Chur.
Die SBB bestätigten den Ausfall deutscher Züge und organisierten Ersatz. Doch die Begründung der DB stösst auf Skepsis. Kann es mitten im Winter zu Gewittern und Blitzen kommen? Und gab es tatsächlich Blitze in Herbolzheim?
Wetterexperte Kachelmann widerspricht
Die Frage nach einem winterlichen Gewitter ist komplex. Gewitter im Winter sind zwar selten, aber nicht unmöglich. Sie können Infrastrukturen erheblich beschädigen. Doch der bekannte Meteorologe Jörg Kachelmann, Gründer von Kachelmannwetter, zweifelt an der Darstellung der Deutschen Bahn.
"Zu jenem Zeitpunkt gab es nicht mal einen Schauer über Herbolzheim", erklärte Jörg Kachelmann. "Weder das Satellitensystem noch das terrestrische System haben in Herbolzheim oder irgendwo in Nah und Fern einen Blitz registriert."
Kachelmanns Analyse legt nahe, dass die Wetterlage einen Blitzschlag ausschliesst. Schon früh am Samstagmorgen äusserten Bahnfreunde in Online-Foren Zweifel. Ein Nutzer schrieb von einem Blitzschlag um 3:55 Uhr, ein anderer konterte, dass frei zugängliche Blitzortungen keine Blitze registriert hätten und Radarbilder keine Anzeichen für hohe Konvektion zeigten.
Hintergrund: EU-Bahngastrechteverordnung
Die überarbeitete EU-Bahngastrechteverordnung von 2023 regelt Entschädigungen bei Verspätungen. Sie sieht vor, dass Eisenbahnunternehmen keine Entschädigungen zahlen müssen, wenn die Ursache der Verspätung auf "höhere Gewalt" zurückzuführen ist. Ein Blitzschlag würde als höhere Gewalt gelten und die DB von der Entschädigungspflicht befreien.
Offener Konflikt zwischen DB und SBB
Neben der unklaren Blitz-Situation gab es auch einen offenen Konflikt zwischen der Deutschen Bahn und den SBB. Der verspätete ICE 200 durfte nicht ausfahren. Wer verhinderte die Abfahrt? Die SBB gaben an, keinen Grund gehabt zu haben, den Zug zu stoppen. Sie hätten ihn nicht angehalten.
Die Verantwortung liege bei der DB, da die Störung die deutsche Infrastruktur betreffe. Eine Stellungnahme der Deutschen Bahn zu dieser Frage blieb bisher aus. Die Passagiere des ICE 200, die in den überfüllten ICE 372 nach Berlin umstiegen, erlebten weitere Komplikationen. Die Zugführerin des ICE 372 musste Passagiere ohne Reservierung zum Verlassen des Zuges auffordern, um das Brandschutzkonzept einzuhalten.
Nach einer weiteren halben Stunde Wartezeit fuhr der ICE 372 schliesslich ab. Die betroffenen Reisenden erreichten Mannheim mit zwei Stunden Verspätung. Die Vorfälle verdeutlichen die anhaltenden Herausforderungen im Bahnverkehr zwischen Deutschland und der Schweiz.
Auswirkungen auf Reisende
- Passagiere des ICE 200 mussten auf die S-Bahn umsteigen.
- Der Ersatzzug ICE 372 war überfüllt, einige Reisende mussten aussteigen.
- Die Verspätung summierte sich für manche Reisende auf über zwei Stunden.
Die Ereignisse vom Samstag werfen ein Schlaglicht auf die Komplexität des internationalen Bahnverkehrs und die Auswirkungen von Störungen auf Tausende von Reisenden. Die Frage nach der tatsächlichen Ursache der Störung und der Kommunikation zwischen den Bahnunternehmen bleibt offen.





