In Basel organisieren Lehrpersonen und Schulsekretariate Stellvertretungen oft über private WhatsApp-Chats. Dieses Vorgehen stösst zunehmend auf Kritik. Datenschützer und Berufsverbände sehen darin erhebliche Mängel in Bezug auf Datenschutz und Qualitätskontrolle. Die fehlende offizielle Regulierung führt zu einem «Wildwest-Charakter», wie Beteiligte es beschreiben.
Wichtigste Punkte
- Private WhatsApp-Chats dienen in Basel der schnellen Lehrpersonen-Stellvertretung.
- Datenschützer kritisieren die Weitergabe sensibler Gesundheitsdaten und mangelnde Qualitätskontrolle.
- Berufsverbände fordern eine sichere, kantonale IT-Lösung statt improvisierter Chats.
- Der Kanton Basel-Stadt sieht die Verantwortung bei den Schulleitungen.
- In Baselland gibt es eine offizielle Stellenbörse, doch private Chats existieren weiterhin.
Datenschutzbedenken bei Krankheitsfällen
Die Nutzung privater Chatgruppen zur Koordination von Stellvertretungen wirft ernsthafte Datenschutzfragen auf. Hunderte Chat-Mitglieder erfahren, welche Schulen wie viele Lehrkräfte benötigen. Dies kann Rückschlüsse auf Krankheitsfälle ermöglichen.
Danielle Kaufmann, die baselstädtische Datenschutzbeauftragte, kritisiert diese Praxis scharf. Sie betont, dass es nicht zulässig ist, dass Informationen über den Ausfall von Lehrkräften in einer so breiten Gruppe geteilt werden. Man weiss dann, wer allenfalls krank ist.
Faktencheck
- Hunderte Personen sind in den WhatsApp-Chats aktiv.
- Informationen über kranke Lehrpersonen können indirekt geteilt werden.
- Dies verstösst gegen Datenschutzrichtlinien.
Qualität der Stellvertretungen in Frage gestellt
Neben dem Datenschutz steht auch die Qualität der eingesetzten Stellvertretungen im Fokus der Kritik. Jean-Michel Héritier, Präsident der Freiwilligen Schulsynode, dem Berufsverband der Basler Lehrpersonen, äussert Bedenken.
«Eine Qualitätsprüfung fehlt. Man weiss nicht, ob die Person, die einspringt, qualifiziert ist für eine Stellvertretung. Das kann die Schulleitung manchmal erst prüfen, wenn die Person schon vor der Klasse steht.»
Dieses improvisierte System birgt Risiken. Es stellt nicht sicher, dass die Kinder von qualifiziertem Personal unterrichtet werden. Eine schnelle Lösung darf die pädagogische Verantwortung nicht untergraben.
Ein «Wildwest-Charakter» bei der Jobsuche
Die WhatsApp-Chats entstanden ursprünglich als unkomplizierte Möglichkeit für angehende Lehrpersonen, schnell Vertretungsjobs zu finden. Ein junger Primarlehrer beschreibt das System als «ein wenig Wildwest-Charakter».
Die Schulen veröffentlichen Bedarfe, und Interessierte melden sich. Es gibt kein geregeltes System, was zwar effizient erscheint, aber auch als improvisiert gilt. Eine kürzliche Forderung des privaten Administrators nach zehn Franken Gebühr für die Chat-Administration führte zu einem «Shitstorm» und wurde zurückgezogen.
Hintergrund
Die Kantone Bern und Zürich haben WhatsApp für die Schulkommunikation bereits verboten. Dies zeigt, dass die Problematik der Nutzung privater Messengerdienste im Bildungsbereich schweizweit bekannt ist und an vielen Orten bereits reguliert wird.
Forderung nach kantonalen IT-Lösungen
Sowohl Datenschützerin Kaufmann als auch Berufsverbandspräsident Héritier sind sich einig: Es braucht bessere, sichere Lösungen. Héritier wünscht sich eine eigene, kantonale IT-Plattform vom Erziehungsdepartement (ED), die den Datenschutz gewährleistet und eine Qualitätskontrolle ermöglicht.
Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, unterstützt diese Forderung. Sie betont, dass Whatsapp-Gruppen im Schulbereich aufgrund des Datenschutzes problematisch sind. Sie fordert klare Richtlinien für die Schulen.
Rösler verweist auf Alternativen. An ihrer eigenen Schule nutzen sie beispielsweise Microsoft Teams. Dort erhalten Lehrpersonen Nachrichten über Ausfälle und können schnell einspringen. «Es geht also auch ohne Whatsapp», sagt sie.
Verantwortung des Erziehungsdepartements
Das Erziehungsdepartement in Basel-Stadt sieht die Verantwortung für Stellvertretungen bei den jeweiligen Schulen und Schulleitungen. Es betont, dass die Schulen auch prüfen müssen, wer vor der Klasse steht. Das ED betreibe oder unterstütze solche Chats nicht.
Datenschützerin Kaufmann kritisiert diese Haltung. Sie argumentiert, dass der Kanton die Verantwortung für den Datenschutz nicht einfach an die Schulen delegieren kann. Eine kantonale Regelung wäre notwendig.
Steigender Bedarf durch Lehrpersonenmangel
Der Handlungsbedarf wird laut Héritier immer dringender. Die Krankheitszahlen unter Lehrpersonen steigen seit Jahren. Lehrkräfte arbeiten zunehmend an der Belastungsgrenze. Dieser Trend verstärkt den Bedarf an schnellen Stellvertretungslösungen.
Mit zunehmenden Ausfällen steigt auch die Abhängigkeit von Systemen wie den Vertretungs-Chats. Eine offizielle, sichere und qualitätsgesicherte Lösung würde hier Entlastung schaffen und die Situation für alle Beteiligten verbessern.
Situation in Baselland
Im Nachbarkanton Baselland gibt es auf der Sekundarstufe bereits eine offizielle Stellenbörse. Diese funktioniert laut Lehrerverband gut. Dennoch existieren auch dort private Chats.
SP-Landrätin und Kindergärtnerin Miriam Locher ärgern diese privaten Chats. Sie betont, dass bei kantonalen Vermittlungen besser geprüft werden kann, welche Lehrpersonen unterrichten. Locher plant daher einen Vorstoss im Kantonsparlament, um die Situation zu verbessern.
Die Baselbieter Bildungsdirektion war bis zur Anfrage von SRF nicht über solche Chats informiert. Sie geht davon aus, dass Schulleitungen die Vertretungen ausreichend kontrollieren. Der Baselbieter Datenschützer hält WhatsApp-Jobbörsen jedoch ebenfalls für nicht ideal.





