Forschende der Universität Basel haben herausgefunden, warum teure Antikörper-Therapien bei manchen Krebspatienten nicht wirken. Eine winzige Abweichung im Erbgut kann die Medikamente vollständig blockieren. Diese Erkenntnis könnte die Krebstherapie grundlegend verändern und den Weg für personalisierte Behandlungen ebnen.
Die Studie, die in der renommierten Fachzeitschrift «Science Translational Medicine» veröffentlicht wurde, liefert eine plausible Erklärung für das bisher oft rätselhafte Therapieversagen. Sie zeigt, dass die genetische Vielfalt des Menschen bei der Entwicklung von Medikamenten stärker berücksichtigt werden muss.
Das Wichtigste in Kürze
- Eine Studie der Universität Basel zeigt, dass kleinste genetische Unterschiede die Wirksamkeit von Antikörper-Therapien aufheben können.
- Schon die Veränderung einer einzigen Aminosäure kann verhindern, dass ein Medikament an seine Zielstruktur bindet.
- Dies erklärt, warum manche Patientinnen und Patienten nicht auf teure Krebsbehandlungen ansprechen.
- Die Forschenden fordern Gentests vor Therapiebeginn, um unwirksame Behandlungen zu vermeiden und die personalisierte Medizin zu stärken.
Ein versteckter Grund für Therapieresistenz
Antikörper-Therapien gehören zu den modernsten und wirksamsten Waffen im Kampf gegen Krebs und andere schwere Erkrankungen. Sie funktionieren nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip: Ein künstlich hergestellter Antikörper ist so konzipiert, dass er eine ganz bestimmte Struktur auf der Oberfläche von Krebszellen erkennt und daran bindet.
Doch bei manchen Patientinnen und Patienten versagt diese Methode. Bisher war oft unklar, warum die teuren Medikamente keine Wirkung zeigten. Ein Forschungsteam der Universität Basel unter der Leitung von Professor Lukas Jeker hat nun eine entscheidende Ursache dafür identifiziert: die genetische Individualität des Patienten.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden heraus, dass natürliche, oft unbemerkte Variationen im Erbgut die Zielstruktur des Medikaments so verändern können, dass der Antikörper nicht mehr andocken kann. Das Medikament wird dadurch nutzlos, noch bevor es seine Wirkung entfalten kann.
Die Macht einer einzigen Aminosäure
Für ihre Untersuchung analysierte das Basler Team insgesamt 87 verschiedene therapeutische Antikörper, die heute im klinischen Einsatz sind. Das Ergebnis war überraschend: Für fast alle dieser Medikamente fanden sie im menschlichen Erbgut natürliche Genvarianten, die genau die Zielregion betreffen.
Diese spezifischen Bindungsstellen werden in der Fachsprache als Epitope bezeichnet. Sie sind für die Funktion des Medikaments absolut entscheidend. Die Studie zeigt, dass bereits der Austausch einer einzigen Aminosäure – des kleinsten Bausteins eines Proteins – an dieser kritischen Stelle ausreicht, um die Bindung komplett zu verhindern. Dies führt zu einer sogenannten primären Resistenz.
Umfassende Analyse
Das Forschungsteam untersuchte 87 verschiedene therapeutische Antikörper. Die Analyse ergab, dass für nahezu alle Medikamente natürliche genetische Varianten existieren, welche die Bindungsstellen (Epitope) beeinflussen und somit die Wirksamkeit potenziell aufheben können.
Diese Erkenntnis ist von grosser Bedeutung, da sie erklärt, warum eine Therapie bei einem Patienten hervorragend anschlagen kann, während sie bei einem anderen wirkungslos bleibt, obwohl beide an derselben Krebsart leiden.
Der Weg zur personalisierten Therapie
Die Forschenden betonen, dass der Anteil der Patientinnen und Patienten, bei denen eine solche therapieblockierende Genvariante auftritt, insgesamt relativ klein ist. Für die Betroffenen hat diese genetische Eigenheit jedoch schwerwiegende Konsequenzen: Sie erhalten eine teure und mitunter nebenwirkungsreiche Behandlung, die keine Chance auf Erfolg hat.
Die Studie liefert jedoch auch einen Lösungsansatz. Interessanterweise sind nicht alle Medikamente, die auf dasselbe Zielprotein ausgerichtet sind, gleichermassen von den Genvarianten betroffen. Eine bestimmte Variante kann ein Medikament blockieren, während ein alternatives Präparat, das an einer leicht anderen Stelle bindet, weiterhin wirksam bleibt.
«Es ist wichtig, dass Medizinerinnen und Mediziner an diesen Aspekt denken, wenn eine Therapie nicht wirkt.»
Lukas Jeker, Studienautor, Universität Basel
Diese Entdeckung untermauert die Forderung nach einer stärker personalisierten Medizin. Die Forschenden plädieren dafür, die genetische Vielfalt bei der Entwicklung neuer Medikamente von Anfang an stärker zu berücksichtigen.
Was sind Antikörper-Therapien?
Antikörper sind Proteine des Immunsystems, die gezielt fremde oder veränderte Strukturen erkennen. In der Medizin werden künstlich hergestellte (monoklonale) Antikörper genutzt, um beispielsweise Krebszellen zu markieren und für das Immunsystem sichtbar zu machen oder um wachstumsfördernde Signale zu blockieren. Sie sind ein zentraler Bestandteil der modernen Präzisionsonkologie.
Gentests könnten unnötige Behandlungen verhindern
Die praktische Konsequenz aus der Basler Studie ist klar: Künftige Behandlungen könnten mit einem einfachen Gentest beginnen. Ein solcher Test könnte feststellen, ob ein Patient eine Genvariante trägt, die ein bestimmtes Medikament unwirksam macht.
Ärzte könnten auf dieser Basis eine fundierte Entscheidung treffen und direkt ein alternatives, wirksames Medikament auswählen. Dieser Ansatz hätte mehrere Vorteile:
- Vermeidung von Leid: Patienten würden keine Therapien mit starken Nebenwirkungen durchlaufen, die ihnen nicht helfen.
- Zeitersparnis: Die Suche nach einer wirksamen Behandlung würde erheblich verkürzt, was bei aggressiven Krebserkrankungen entscheidend sein kann.
- Kostenreduktion: Das Gesundheitssystem würde nicht mit teuren, aber nutzlosen Behandlungen belastet.
«Gentests könnten künftig helfen, für einzelne Personen die richtige Therapie auszuwählen», so Studienautor Lukas Jeker. Die Basler Forschungsarbeit ist somit ein wichtiger Schritt, um die Präzisionsmedizin weiter voranzubringen und sicherzustellen, dass jeder Patient die bestmögliche und wirksamste Behandlung erhält.





