Die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) in Basel sehen sich mit einer besorgniserregenden Zunahme von gewalttätigen Übergriffen auf ihr Personal konfrontiert. Aktuell verhandelt das Basler Strafgericht zwei Fälle, die exemplarisch für eine wachsende Krise im Gesundheitswesen stehen und die Sicherheit der Mitarbeitenden in den Fokus rücken.
Diese Vorfälle sind jedoch keine isolierten Ereignisse. Sie sind Teil eines beunruhigenden Trends, der nicht nur die UPK, sondern psychiatrische Einrichtungen in der ganzen Schweiz betrifft. Das Personal, das sich täglich um die verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft kümmert, wird selbst immer häufiger zum Ziel von Aggressionen.
Das Wichtigste in Kürze
- Zwei Gerichtsverfahren wegen Angriffen auf UPK-Mitarbeitende laufen derzeit am Basler Strafgericht.
- Die Vorfälle sind symptomatisch für eine landesweite Zunahme von Gewalt in psychiatrischen Einrichtungen.
- Personalverbände und Mitarbeitende fordern bessere Schutzmassnahmen und mehr Ressourcen.
- Experten sehen die Ursachen in Personalmangel, komplexeren Krankheitsbildern und einer Überlastung des Systems.
Gerichtsverfahren beleuchten eine alarmierende Realität
Die beiden Fälle, die momentan vor dem Basler Strafgericht verhandelt werden, werfen ein Schlaglicht auf die täglichen Gefahren, denen das Personal in psychiatrischen Kliniken ausgesetzt ist. Obwohl aus rechtlichen Gründen keine Details zu den laufenden Verfahren bekannt gegeben werden, verdeutlichen sie die Schwere der Situation. Es geht um physische Angriffe, die weit über verbale Auseinandersetzungen hinausgehen.
Solche Vorfälle hinterlassen nicht nur körperliche Wunden. Mitarbeitende berichten von psychischen Belastungen, Angstzuständen und dem Gefühl, bei der Arbeit nicht mehr sicher zu sein. "Jeder Dienst beginnt mit einer gewissen Anspannung", erklärt eine Pflegerin, die anonym bleiben möchte. "Man weiss nie, was der Tag bringt. Die Angst vor einem plötzlichen Ausbruch ist ein ständiger Begleiter."
Ein nationales Problem
Die Zunahme von Gewalt gegen medizinisches Personal ist kein Basler Phänomen. Studien und Berichte von Personalverbänden aus der ganzen Schweiz zeigen einen klaren Anstieg von gemeldeten Aggressionsvorfällen in Spitälern und Kliniken. Besonders betroffen sind Notaufnahmen und psychiatrische Abteilungen, wo das Personal direkt mit Menschen in extremen psychischen Ausnahmesituationen arbeitet.
Die Suche nach den Ursachen
Experten sind sich einig, dass es nicht die eine, einfache Erklärung für die Zunahme der Gewalt gibt. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die das System zunehmend unter Druck setzen.
Strukturelle Überlastung
Ein zentraler Punkt ist der anhaltende Personalmangel. Wenn zu wenige Pflegende für zu viele Patienten zuständig sind, leidet die Betreuungsqualität. Es bleibt weniger Zeit für deeskalierende Gespräche und eine individuelle Betreuung, die bei vielen psychischen Erkrankungen entscheidend ist, um aggressive Ausbrüche zu verhindern. Die ständige Überlastung führt zudem zu Erschöpfung und Stress beim Personal, was die Fähigkeit zur Deeskalation weiter einschränkt.
Zahlen, die alarmieren
Obwohl die UPK Basel keine offiziellen Statistiken veröffentlicht, deuten interne Schätzungen von Personalvertretern darauf hin, dass die Zahl der gemeldeten physischen und verbalen Übergriffe in den letzten fünf Jahren um schätzungsweise 20 bis 30 Prozent gestiegen ist. Dies deckt sich mit nationalen Erhebungen.
Komplexere Krankheitsbilder
Ein weiterer Faktor ist die Veränderung der Patientenstruktur. Ärzte beobachten eine Zunahme von Patienten mit sogenannten Doppeldiagnosen, bei denen eine schwere psychische Erkrankung oft mit einer Suchtproblematik einhergeht. Der Konsum von Drogen kann die Gewaltbereitschaft und Impulsivität erheblich steigern und macht die Behandlung komplexer und risikoreicher.
"Wir sehen immer mehr Patienten, deren Zustand durch den Konsum neuer synthetischer Drogen zusätzlich verkompliziert wird. Das stellt uns vor völlig neue Herausforderungen in der Behandlung und im Umgang mit Aggressionen", so ein erfahrener Psychiater der Klinik.
Forderungen nach mehr Schutz und Unterstützung
Angesichts der eskalierenden Situation werden die Rufe nach konkreten Massnahmen lauter. Das Personal und seine Vertreter fordern ein Umdenken und entschlossenes Handeln von der Klinikleitung und der Politik.
Zu den wichtigsten Forderungen gehören:
- Mehr Personal: Eine bessere Personalausstattung ist der Schlüssel, um eine sichere und therapeutische Umgebung zu gewährleisten.
- Spezialisierte Schulungen: Regelmässige und intensive Deeskalationstrainings sollen die Mitarbeitenden besser auf den Umgang mit aggressiven Patienten vorbereiten.
- Bauliche Massnahmen: Die Gestaltung der Räumlichkeiten kann zur Sicherheit beitragen. Gefordert werden unter anderem Rückzugsräume für das Personal und eine sicherere Gestaltung der Patientenzimmer.
- Psychologische Unterstützung: Mitarbeitende, die einen Übergriff erlebt haben, benötigen schnelle und unbürokratische psychologische Hilfe, um Traumata zu verarbeiten.
Die Leitung der UPK Basel ist sich der Problematik bewusst. In einer schriftlichen Stellungnahme heisst es, man nehme die Sorgen der Mitarbeitenden sehr ernst und arbeite kontinuierlich an der Verbesserung der Sicherheitskonzepte. Bestehende Schulungsprogramme würden regelmässig evaluiert und angepasst.
Ein gesellschaftliches Alarmsignal
Die zunehmende Gewalt in den psychiatrischen Kliniken ist mehr als nur ein internes Problem des Gesundheitswesens. Sie ist ein Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen: eine wachsende Zahl von Menschen mit schweren psychischen Problemen trifft auf ein System, das finanziell und personell an seine Grenzen stösst.
Die Sicherheit des Klinikpersonals ist untrennbar mit der Qualität der Patientenversorgung verbunden. Nur wer sich bei der Arbeit sicher fühlt, kann die anspruchsvolle Aufgabe erfüllen, Menschen in psychischen Krisen zu helfen. Die aktuellen Gerichtsverfahren in Basel müssen daher als Weckruf verstanden werden, die Arbeitsbedingungen in der Psychiatrie nachhaltig zu verbessern und die notwendigen Ressourcen bereitzustellen. Es geht nicht nur um den Schutz der Mitarbeitenden, sondern um die Zukunft der psychiatrischen Versorgung in der gesamten Region.





