In einer Zeit, in der Basler Politiker die Schlagzeilen dominierten, waren es oft ihre Ehefrauen, die im Hintergrund das Fundament für Familie und Gesellschaft legten. Die Regisseurin Cathérine Miville, Tochter des SP-Politikers Carl Miville-Seiler, erinnert sich an eine Generation von Frauen, die politische Arbeit, Haushalt und Kindererziehung meisterten, lange bevor der Begriff «Vereinbarkeit» in Mode kam. Ihre Geschichte ist eine Hommage an die oft übersehene Stärke dieser Pionierinnen.
Das Wichtigste in Kürze
- Cathérine Miville beschreibt das Leben der Frauen in prominenten Basler Politikerfamilien wie Miville-Seiler und Hubacher.
- Diese Frauen waren nicht nur für Haushalt und Kinder zuständig, sondern auch selbst politisch engagiert und berufstätig.
- Sie schufen ein Umfeld der Stärke und Selbstständigkeit, das nachfolgende Generationen prägte, obwohl ihre Leistungen oft im Schatten ihrer Männer standen.
- Die Erinnerungen zeigen den Kontrast zwischen dem öffentlichen Leben der Männer und der unsichtbaren, aber fundamentalen Arbeit der Frauen.
Die Düfte einer Basler Kindheit
Für die junge Cathérine Miville war die Vorweihnachtszeit in Basel nicht nur von Adventskalendern geprägt, sondern vor allem von den Düften, die aus den Küchen der Frauen in ihrer Familie strömten. Es waren die Gerüche von frisch gebackenem Zopf, würzigem Hypokras und süssen Läggerli, die ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit schufen.
Jede der Frauen hatte ihre Spezialität, die unvergessen bleibt. «Niemand machte so gute Zöpfe wie Gret Hubacher», erinnert sich Miville. Gret war die Ehefrau des bekannten SP-Politikers Helmut Hubacher. Ihre Mutter, Rose-Marie Miville-Seiler, war berühmt für ihre Läggerli, deren Honigduft die Wohnung erfüllte. Und Grossmutter, Mutti Seiler, versammelte die Grossfamilie in ihrem kleinen Genossenschaftshaus im Schorenquartier zu selbstgemachten Knöpfli mit Brösmeli.
Diese kulinarischen Traditionen waren mehr als nur die Vorbereitung auf die Festtage. Sie waren der Kitt, der die Familie zusammenhielt, und der Ausdruck einer tiefen Fürsorge, die fast ausschliesslich von den Frauen geleistet wurde.
Politische Zirkel am Küchentisch
Der Familien- und Freundeskreis umfasste einige der prägendsten Figuren der linken Basler Politik. Dazu gehörten Carl Miville-Seiler, Helmut Hubacher und ihre Familien. Die Männer trafen sich oft zu hitzigen politischen Debatten, während die Frauen in der Küche arbeiteten. Doch diese Trennung war nur oberflächlich, denn die Frauen waren selbst politisch informiert und engagiert.
Stärke jenseits des Scheinwerferlichts
Während die Männer auf der politischen Bühne standen, organisierten die Frauen das gesamte Leben darum herum. Sie «hielten ihren Männern den Rücken frei», wie es damals hiess. Doch diese Beschreibung wird ihrer Rolle kaum gerecht. Sie waren Managerinnen des Alltags, die weit mehr als nur den Haushalt führten.
Pionierinnen der Vereinbarkeit
Der Begriff «Vereinbarkeit von Beruf und Familie» existierte in Mivilles Kindheit noch nicht. Dennoch lebten diese Frauen genau das. Mutti Seiler, Mivilles Grossmutter, zog fünf Kinder gross und fand trotzdem die Zeit, sich als Vorsitzende der SP-Frauengruppe unermüdlich für das Frauenstimmrecht einzusetzen. Sie erlebte mit grosser Freude, wie ihre Enkelin als eine der ersten jungen Frauen in Basel wählen durfte.
Die Frauen übernahmen die Kindererziehung, die Pflege der älteren Generation und waren gleichzeitig beliebte Gastgeberinnen für politische Treffen. Viele von ihnen waren zudem berufstätig oder engagierten sich ehrenamtlich in einem Masse, das heute als Mehrfachbelastung bezeichnet würde.
Der späte Führerschein als Symbol der Unabhängigkeit
Ein bezeichnendes Detail: Die Frauen machten ihren Führerschein oft erst spät, um die 40, als es finanziell und logistisch unumgänglich wurde. Sie mussten die Kinder transportieren, Einkäufe erledigen und die Ernte aus dem Schrebergarten nach Hause bringen. Ihre Ehemänner hingegen lernten oft nie Auto fahren – sie hatten ja das Tram, die SBB und, wenn nötig, ihre Frauen als Chauffeurinnen.
Ein unterschätztes Erbe
Trotz ihrer zentralen Rolle und der grossen Wertschätzung, die ihnen ihre Ehemänner entgegenbrachten, blieb die öffentliche Anerkennung für diese Frauen oft aus. Miville merkt an, dass der Tod von Gret Hubacher im Jahr 2023 kaum öffentliche Beachtung fand. Ein Zeichen dafür, wie schnell die Leistungen von Frauen, die im Hintergrund wirkten, in Vergessenheit geraten können.
«Diese grossen Frauen, in deren Kreis ich aufwachsen durfte, geben mir nach wie vor viel Kraft. Sie haben mir schon ganz früh vorgelebt, dass auch Frauen alles erreichen können.»
Für Miville selbst waren diese Frauen die wichtigsten Vorbilder. Sie zeigten ihr, dass Stärke nicht von öffentlicher Anerkennung abhängt und dass Frauen in der Lage sind, enorme Herausforderungen zu meistern. «Ich kann nicht wirklich nachvollziehen, wie sie es geschafft haben, ihre Mehrfachbelastungen in ihren und unseren Alltag zu integrieren, ohne uns Stress oder Hektik spüren zu lassen», reflektiert sie.
Die Lehren für heute
Die Erinnerungen von Cathérine Miville sind mehr als eine nostalgische Rückschau. Sie sind eine Mahnung und eine Inspiration zugleich. Sie zeigen, wie weit die Gesellschaft auf dem Weg zur Gleichberechtigung gekommen ist, aber auch, welche Aufgaben noch vor uns liegen.
Miville setzt sich bis heute aktiv für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein, insbesondere in den Kulturberufen mit ihren unregelmässigen Arbeitszeiten. Die Erfahrungen ihrer Kindheit haben ihr Bewusstsein dafür geschärft, dass es strukturelle Veränderungen braucht, damit die Last nicht allein auf den Schultern Einzelner – meist Frauen – liegt.
Die Geschichte dieser starken Baslerinnen zeigt, dass Fortschritt auf dem Engagement und den oft unsichtbaren Opfern früherer Generationen aufbaut. Ihre Stärke, ihr Pragmatismus und ihre Fähigkeit, das Leben zu meistern, bleiben ein wichtiges Vorbild – nicht nur zur Weihnachtszeit.





