In der Schweiz ist fast jede dritte Ehe binational. Diese Vielfalt bringt eine besondere Herausforderung mit sich: die Wahl einer gemeinsamen Sprache. Für viele Paare wird Englisch zur Brücke, doch diese Entscheidung prägt den Alltag, die Emotionen und die Dynamik der Beziehung auf tiefgreifende Weise.
Das Wichtigste in Kürze
- Rund ein Drittel aller Ehen in der Schweiz sind binational, was oft unterschiedliche Muttersprachen bedeutet.
- Viele Paare wählen Englisch als neutrale Drittsprache für ihre Kommunikation.
- Die Sprachwahl beeinflusst, wie Emotionen ausgedrückt, Konflikte gelöst und Beziehungen zu den Familien gepflegt werden.
- Das Erlernen der Sprache des Partners kann die Integration fördern, aber auch zu einem Machtgefälle führen.
Wenn Liebe eine neue Sprache braucht
Die Schweiz ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Menschen aus aller Welt kommen hierher, um zu arbeiten, zu studieren und zu leben. Es ist daher nicht überraschend, dass viele von ihnen hier auch die Liebe finden. Laut offiziellen Angaben ist etwa ein Drittel aller in der Schweiz geschlossenen Ehen binational. Das bedeutet, die Partner haben unterschiedliche Nationalitäten und in den meisten Fällen auch unterschiedliche Muttersprachen.
Diese Realität stellt Paare vor eine grundlegende Entscheidung: Auf welcher Sprache bauen wir unser gemeinsames Leben auf? Die Antwort ist so vielfältig wie die Paare selbst. Während einige sich für eine der Landessprachen entscheiden, um die Integration zu erleichtern, greifen viele auf eine vermeintlich neutrale Lösung zurück: Englisch.
Englisch als gemeinsame Basis
Für viele binationale Paare, besonders in urbanen Zentren wie Zürich, Genf oder Basel, wird Englisch zur Lingua franca der Beziehung. Es ist die Sprache, in der man sich kennenlernt, verliebt und den Alltag organisiert. Oft ist es für beide Partner eine Fremdsprache, was eine gewisse Gleichheit schafft. Keiner hat einen Heimvorteil.
Diese Wahl hat praktische Vorteile. In einer globalisierten Arbeitswelt ist Englisch oft bereits die Firmensprache. Doch die Entscheidung für eine „neutrale“ Sprache hat auch emotionale Konsequenzen. Kommunikation ist mehr als nur der Austausch von Informationen; sie ist das Fundament von Intimität und Verständnis.
Warum Englisch?
Englisch hat sich weltweit als Verkehrssprache etabliert. Für Paare mit sehr unterschiedlichen Muttersprachen, wie zum Beispiel Japanisch und Spanisch, bietet es oft den einfachsten und schnellsten Weg, eine gemeinsame Kommunikationsbasis zu finden, ohne dass ein Partner einen jahrelangen Lernprozess auf sich nehmen muss.
Die emotionalen Hürden einer Fremdsprache
In der eigenen Muttersprache können wir Nuancen ausdrücken, mit Ironie spielen und Gefühle präzise benennen. In einer Fremdsprache stossen viele an ihre Grenzen. Ein Witz verliert seine Pointe, ein Trostwort klingt hölzern, und in einem Streit fehlen die passenden Vokabeln, um die eigenen Gefühle klar zu machen.
„Manchmal fühlt es sich an, als würde ich eine einfachere Version meiner selbst präsentieren“, berichtet eine Französin, die mit ihrem deutschen Partner in Basel lebt und hauptsächlich Englisch spricht. „Die tiefen, komplexen Gedanken bleiben manchmal unausgesprochen, weil die Übersetzung zu anstrengend wäre.“
Diese sprachliche Barriere kann zu Missverständnissen führen. Was in der einen Sprache als direkte, ehrliche Aussage gilt, kann in der anderen als unhöflich oder verletzend empfunden werden. Paare müssen lernen, nicht nur die Worte, sondern auch den kulturellen Kontext dahinter zu verstehen.
Sprache und Identität
Unsere Muttersprache ist eng mit unserer Identität und unserer emotionalen Welt verknüpft. Forschungen in der Psycholinguistik zeigen, dass Menschen Emotionen in ihrer Muttersprache intensiver erleben und ausdrücken als in einer Zweitsprache.
Der andere Weg: Die Sprache des Partners lernen
Einige Paare entscheiden sich bewusst dafür, dass ein Partner die Sprache des anderen lernt. Dies geschieht oft, wenn das Paar plant, langfristig im Heimatland eines Partners zu leben. Dieser Weg kann zu einer sehr tiefen Verbindung führen und die Integration in die neue Kultur und die Familie des Partners erheblich erleichtern.
Doch auch diese Option ist nicht frei von Herausforderungen. Sie schafft oft ein anfängliches Machtgefälle:
- Der Lernende: Ist oft auf den Partner angewiesen, fühlt sich unsicher und macht Fehler.
- Der Muttersprachler: Muss geduldig sein, ständig korrigieren und fungiert als permanenter Lehrer.
Diese Dynamik kann auf Dauer belastend sein. Der Muttersprachler hat in Diskussionen oft einen argumentativen Vorteil, während der Lernende Schwierigkeiten hat, sich eloquent zu verteidigen. Es erfordert von beiden Seiten viel Geduld, Empathie und den Willen, dieses Ungleichgewicht aktiv auszubalancieren.
Die Sprache im Familienalltag
Die Sprachfrage wird noch komplexer, wenn Kinder ins Spiel kommen. Welche Sprache(n) sollen sie lernen? Viele binationale Paare entscheiden sich für eine mehrsprachige Erziehung, bei der jeder Elternteil konsequent in seiner Muttersprache mit dem Kind spricht. Dies ist eine grosse Chance für die Kinder, birgt aber auch Herausforderungen für die Elternebene.
Wenn die Eltern untereinander Englisch sprechen, das Kind aber Deutsch und Italienisch lernt, entsteht eine komplexe sprachliche Dynamik. Manchmal fühlt sich ein Elternteil von Gesprächen zwischen dem Partner und dem Kind ausgeschlossen, wenn er die Sprache nicht fliessend beherrscht.
Kommunikation mit den Schwiegereltern
Auch der Kontakt zu den jeweiligen Herkunftsfamilien wird durch die Sprache geprägt. Besuche bei den Schwiegereltern können anstrengend werden, wenn man der Landessprache nicht mächtig ist. Man ist auf Übersetzungen des Partners angewiesen und kann an lebhaften Familiengesprächen nur passiv teilnehmen. Dies kann das Gefühl der Zugehörigkeit erschweren.
Letztendlich gibt es keine Einheitslösung für binationale Paare in der Schweiz. Jedes Paar muss seinen eigenen Weg finden. Ob Englisch, Deutsch, Französisch oder eine Mischung aus allem – die wichtigste Sprache bleibt die des Respekts, der Geduld und des gemeinsamen Willens, sprachliche und kulturelle Brücken zu bauen.





