Kurze Sporteinheiten können Schulkindern dabei helfen, ihre sozialen Fähigkeiten zu verbessern. Dies zeigen aktuelle Forschungsergebnisse des Departements Sport, Bewegung und Gesundheit der Universität Basel. Besonders die Fähigkeit, Emotionen zu erkennen, profitiert demnach von körperlicher Aktivität.
Wichtige Erkenntnisse
- Bewegung verbessert kurzfristig die Emotionserkennung bei Kindern.
- Einzelne Sporteinheiten ohne Kooperation zeigten sofortige positive Effekte.
- Kooperative Sportübungen benötigen möglicherweise längere Trainingszeiten für Verbesserungen.
- Das Alter zwischen 9 und 13 Jahren bietet das grösste Potenzial für diese Effekte.
- Integration von Bewegung in den Schulalltag kann Freundschaften fördern.
Bewegung stärkt soziale Kognition
Sport ist bekannt für seine vielen gesundheitlichen Vorteile. Nun belegen Studien auch einen direkten Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und den sogenannten sozial-kognitiven Fähigkeiten. Diese Fähigkeiten sind für das gesellschaftliche Zusammenleben entscheidend. Dazu gehören beispielsweise das Erkennen von Emotionen bei anderen oder die Fähigkeit zur Empathie.
Melanie Berger, Doktorandin am Departement Sport, Bewegung und Gesundheit (DSBG), untersucht die Verbindung zwischen Bewegung und kognitiven Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Sie erklärt:
"Wir wissen bereits, dass Menschen mit guten sozial-kognitiven Fähigkeiten mehr Sport treiben. Es war jedoch unklar, ob Sport diese Fähigkeiten gezielt fördert."Bisherige Forschung hatte diesen Aspekt kaum in einem praxisnahen Kontext untersucht.
Faktencheck
- Studie mit 100 Kindern im Alter von 9 bis 13 Jahren.
- Drei Gruppen: kooperativer Sport, individueller Sport, Kontrollgruppe.
- Messung der Emotionserkennung vor und nach 20 Minuten Aktivität.
- Ergebnisse zeigten sofortige Verbesserung nach individuellem Sport.
Kurzfristige Effekte auf Emotionserkennung
Die Basler Forschenden konzentrierten sich in ihrer aktuellen Studie auf die Emotionserkennung. Sie führten eine praxisnahe Untersuchung im Schulkontext durch. Insgesamt nahmen 100 Kinder im Alter von 9 bis 13 Jahren teil. Diese wurden in drei Gruppen eingeteilt, um die kurzfristigen Auswirkungen von Sport zu analysieren.
Die erste Gruppe absolvierte 20 Minuten lang spielerische Sporteinheiten mit Kooperationsaufgaben. Diese Aufgaben konnten nur gemeinsam gelöst werden. Die zweite Gruppe bewegte sich ebenfalls 20 Minuten lang spielerisch, jedoch ohne Kooperation. Hier waren die Aufgaben individuell lösbar. Eine dritte Gruppe, die Kontrollgruppe, schaute sich in der gleichen Zeit eine Sport-Dokumentation an und war keiner körperlichen Anstrengung ausgesetzt.
Vor und direkt nach der Aktivität führten die Forschenden Tests durch. Ein Computertest prüfte die Fähigkeit zur Emotionserkennung. Die Kinder mussten Bilder von Erwachsenen den passenden Emotionen wie Wut, Angst oder Freude zuordnen. Dabei wurden die Reaktionsgeschwindigkeit und die Genauigkeit erfasst.
Die Ergebnisse zeigten eine deutliche Verbesserung der Emotionserkennung bei jenen Kindern, die die Sporteinheit alleine durchgeführt hatten. Überraschenderweise zeigte die Gruppe mit kooperativer Bewegung im Vergleich zur Kontrollgruppe keine sofortige Verbesserung der sozialen Kognition.
Kooperation braucht Zeit
Melanie Berger zeigte sich von den Ergebnissen bezüglich des kooperativen Sports überrascht. Die Forschenden hatten auch hier positive Effekte erwartet. Sie vermutet, dass die kurze Dauer der Intervention – nur eine einzige Sporteinheit – der Hauptgrund für das Ausbleiben sofortiger Verbesserungen war. Es wird angenommen, dass kooperative Sporteinheiten regelmässig über einen längeren Zeitraum trainiert werden müssen, um die soziale Kognition nachhaltig zu stärken.
Die ungewohnte Situation der Kooperation könnte die kognitiven Ressourcen der Kinder in dieser kurzen Zeitspanne bereits erschöpft haben. Dies würde erklären, warum die sofortigen Effekte ausblieben. Die Forschungsgruppe plant daher, in zukünftigen Studien die langfristigen Auswirkungen von Bewegung auf sozial-kognitive Fähigkeiten zu untersuchen.
Ein geplantes Projekt sieht vor, über einen Zeitraum von zwölf Wochen regelmässig kurze Sporteinheiten mit Schulkindern durchzuführen. Melanie Berger erklärt das Ziel:
"Wir wollen herausfinden, ob es zu besseren Ergebnissen führt, wenn die Kinder über einen längeren Zeitraum, beispielsweise dreimal pro Woche, kooperativen Sport machen."
Hintergrundwissen
Sozial-kognitive Fähigkeiten sind essenziell für die Interaktion mit anderen Menschen. Sie umfassen das Erkennen und Verstehen von Emotionen, das Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, sich in soziale Situationen einzufügen. Defizite in diesen Bereichen können zu Schwierigkeiten beim Knüpfen von Freundschaften und im allgemeinen sozialen Verhalten führen.
Die Vorpubertät ist eine entscheidende Phase für die Entwicklung dieser Fähigkeiten, da in diesem Alter Freundesgruppen neben der Familie immer wichtiger werden.
Das grösste Potenzial in der Vorpubertät
Die Forschungsgruppe konzentriert sich bewusst auf Kinder im Alter von 9 bis 13 Jahren. In dieser Altersspanne zeigt sich das grösste Potenzial für die Effekte von Sport auf die Gehirnentwicklung. Melanie Berger erläutert: "Wenn man den Effekt von Sport untersucht, zeigt sich am meisten Potenzial, wenn sich das Gehirn verändert: im Aufbau im Kindesalter oder beim Abbau bei älteren Menschen."
Ein weiterer wichtiger Aspekt dieses Alters ist der soziale Wandel. "In diesem Alter gibt es einen grossen sozialen Shift: Neben der Familie werden Freundesgruppen immer wichtiger", so Berger. Kinder mit einem besseren prosozialen Verhalten finden leichter Anschluss und können sich besser in neue Gruppen einfügen. Sozialer Ausschluss hingegen kann psychische Erkrankungen begünstigen, besonders wenn er länger anhält.
Die Wissenschaftlerin betont die Bedeutung ihrer Arbeit: "Wenn man wissenschaftlich belegen kann, dass Sport die sozial-kognitiven Fähigkeiten fördert, könnten Bewegungsprogramme Kindern helfen, Freundschaften zu knüpfen, sich prosozial zu verhalten und bessere akademische Leistungen zu erbringen."
Praktische Anwendung im Schulalltag
Die Ergebnisse der Studie bieten konkrete Ansätze für die Integration von Bewegung in den Schulalltag. Die Forschenden planen, eine Sammlung von Spielen und Übungen zusammenzustellen, die Lehrpersonen frei zugänglich gemacht werden sollen. Diese könnten als "bewegte Pause" in den Stundenplan integriert werden.
Melanie Berger ist überzeugt: "Diese 20-minütigen Sporteinheiten können gut als eine bewegte Pause in den Schulalltag integriert werden." Solche aktiven Pausen könnten nicht nur die kognitiven Fähigkeiten der Kinder fördern, sondern auch eine spielerische Möglichkeit bieten, soziale Beziehungen aufzubauen und zu festigen. Die Integration von kurzen, gezielten Bewegungseinheiten könnte somit einen wichtigen Beitrag zur ganzheitlichen Entwicklung von Schulkindern leisten.
Die Erkenntnisse unterstreichen die Notwendigkeit, Bewegung als festen Bestandteil des Bildungsalltags zu betrachten. Es geht nicht nur um körperliche Fitness, sondern auch um die Stärkung grundlegender sozialer Kompetenzen, die für ein erfolgreiches Leben in der Gesellschaft unerlässlich sind.




