Die Superblocks in den Basler Quartieren St. Johann und Matthäus, die seit August 2025 in einer einjährigen Testphase sind, polarisieren die Bevölkerung. Während Befürworter von einer deutlichen Steigerung der Lebensqualität sprechen, äussern Kritiker Bedenken bezüglich Parkplätzen und der Erreichbarkeit für das Gewerbe. Eine tiefgehende Untersuchung zeigt nun die verschiedenen Perspektiven auf dieses ambitionierte Stadtentwicklungsprojekt.
Wichtige Erkenntnisse
- Der motorisierte Verkehr in den Superblocks hat sich halbiert.
- Anwohner berichten von höherer Sicherheit und besserer Nachbarschaft.
- Gewerbetreibende beklagen Umsatzeinbussen durch fehlende Parkplätze.
- Die Testphase wird im August/September mit dem Rückbau enden, unabhängig vom Erfolg.
- Nur 14,5 Prozent der Bewohner in den Superblock-Gebieten besitzen ein Auto.
Verkehrsreduktion und verbesserte Lebensqualität
Die Einführung der Superblocks hatte das Ziel, den Durchgangsverkehr zu minimieren und den öffentlichen Raum für Anwohner zurückzugewinnen. Erste Zählermessungen des Amts für Mobilität bestätigen eine deutliche Veränderung: Der motorisierte Verkehr ist in den betroffenen Strassenabschnitten um rund die Hälfte zurückgegangen. Dies ist ein zentraler Erfolg für die Befürworter des Projekts.
Nora Kaiser, eine dreifache Mutter aus dem Bläsiring, berichtet von spürbaren Vorteilen. «Statt parkierte Autos haben wir jetzt Kiwibäume vor der Tür – fantastisch!» betont sie. Ihre Kinder könnten die Strasse nun selbstständig überqueren, was vorher undenkbar gewesen sei. Ihr Mann David Lichtsteiner ergänzt, dass sie in den ersten zwei Monaten des Superblocks mehr Nachbarn kennengelernt hätten als in den Jahren zuvor. Ihr Tisch auf einem ehemaligen Parkfeld werde fast täglich genutzt. «Jetzt hören wir Stimmen statt Motoren und Gehupe», sagt er.
«Unsere Strasse ist deutlich sicherer geworden, unsere Kinder können sie jetzt selbständig überqueren.»
Nora Kaiser, Anwohnerin im Bläsiring
Faktencheck Superblocks
- Verkehrsreduktion: Rund 50% weniger motorisierter Verkehr.
- Parkplätze: 48 im St. Johann, 73 im Matthäus aufgehoben.
- Autobesitz: Nur 14,5% der Anwohner besitzen ein Auto in den Superblock-Gebieten.
Herausforderungen für Gewerbe und Parkplatzsuchende
Nicht alle teilen die Begeisterung. Besonders Gewerbetreibende und Autobesitzer sehen sich mit neuen Problemen konfrontiert. Piero La Rosa, Wirt des Restaurants Da Gianni im St. Johann, beklagt massive Umsatzeinbussen. «Seit dem Superblock arbeiten wir im Minus», erklärt La Rosa. Er verliere monatlich 20'000 Franken. Besonders die Mittagsgäste, die oft auf das Auto angewiesen seien, blieben aus.
Die Reduktion der Parkplätze ist ein weiterer Streitpunkt. Im St. Johann wurden 48 Parkplätze aufgehoben, im Matthäus 73. Dies führt zu vermehrten Falschparkern in und um die Superblocks, was wiederum Anwohner verärgert. Viele fordern vom Kanton Ersatzlösungen, beispielsweise die Nutzung des Horburg-Parkings als Quartierparking. Ein entsprechender Anzug der SP-Grossrätin Salome Bessenich vor zwei Jahren wurde von allen Fraktionen ausser der SVP befürwortet, doch die Umsetzung lässt auf sich warten.
Hintergrund: Die Superblock-Idee
Das Konzept der Superblocks stammt ursprünglich aus Barcelona. Es zielt darauf ab, den Durchgangsverkehr in Wohnquartieren zu unterbinden und den Strassenraum für Fussgänger, Velofahrer und soziale Aktivitäten zurückzugewinnen. Dies soll die Lebensqualität erhöhen, Lärm und Abgase reduzieren und die Sicherheit verbessern.
Durchfahrtsproblematik und Kontrollen
Ein grosses Problem bleibt die Nichtbeachtung des neuen Verkehrsregimes. Obwohl Durchfahrten verboten sind und nur Ein- und Ausfahrten für Zubringer erlaubt sind, ignorieren viele Autofahrer die Regelung. David Lichtsteiner ärgert sich über die «ignoranten Durchfahrenden», die die Strassen weiterhin als Abkürzung nutzen.
Verkehrskontrollen durch die Polizei führen zwar zu Dutzenden von Bussen, finden aber nach Ansicht vieler Anwohner zu selten statt. Personen aus der Verwaltung, die anonym bleiben möchten, bestätigen, dass das Superblock-Konzept ohne konsequente Polizeikontrollen nicht funktionieren kann.
«Wo kämen wir hin, wenn jeder eine konsequent lärm- und verkehrsfreie Strasse vor seinem Haus fordert?»
Daniel Seiler, Präsident des ACS und FDP-Grossrat
Soziale Interaktion und Gemeinschaftsleben
Trotz der Kritik am Verkehr und an den Parkplätzen hat sich in den Superblocks ein reges Gemeinschaftsleben entwickelt. Gerade in den letzten Monaten gab es zahlreiche nachbarschaftliche Aktivitäten. Dazu gehören Grillfeste, Raclette- und Punsch-Plauschs, Halloween-Partys, Ideencafés, Malaktionen für Pflanztöpfe, Blumenzwiebel-Setzaktionen und sogar ein Santiglaus-Zmorge mit über 200 verteilten Grättimännern.
Jenny Grandjean, eine treibende Kraft im Superblock St. Johann und Redaktorin des «Superblatts», hebt die sozialen Aspekte hervor. «Klar, öfters ist es auch nicht so belebt im Winter, aber im Superblock ist es dann so viel schöner als ringsherum!» Sie fügt hinzu: «Wir haben uns die Superblocks aus ökologischen Gründen gewünscht. Aber auf der sozialen Ebene passiert am meisten.»
- Grill-, Raclette-, Punsch- und Glühwein-Plauschs
- Halloween-Partys und Adventsfeste
- Ideencafés und Palaver-Treffs
- Malaktionen für Pflanztöpfe und Blumenzwiebel-Setzaktionen
- Konzert der Band «The Matthews»
Die Testphase: Zu kurz oder überflüssig?
Die aktuelle Testphase der Superblocks, die im August beziehungsweise September enden und zum Rückbau führen wird, sorgt ebenfalls für Diskussionen. Viele stellen die Sinnhaftigkeit eines einjährigen Tests infrage, wenn die Infrastruktur danach ohnehin abgebaut wird, selbst bei positivem Ergebnis.
Die Juristin Susanne Bertschi, die ausserhalb des Matthäus-Perimeters wohnt, hält die Testphase von Anfang an für unsinnig. «Die Innenstadt, wo die testenden Behörden ihren Arbeitsort haben, ist seit Jahren ein Superblock. Die Erfahrung ist da. Es hat funktioniert und wurde vor der Einführung auch nicht getestet», argumentiert sie.
Christoph Moerikofer, Stadtentwicklungsexperte, bestätigt, dass ein Test von nur einem Jahr zu kurz sei. Er plädiert für mindestens zwei volle Jahre, damit sich ein Umdenken in der Bevölkerung einstellen und eine aktive Nutzung des Strassenraums etablieren könne. Als Beispiel nennt er Barcelona, wo die Superblocks anfangs auf Widerstand stiessen, heute aber weitgehend akzeptiert sind.
Anteil Autobesitzer in Superblocks
Statistiken zeigen, dass in beiden Basler Superblocks nur 14,5 Prozent der Anwohner ein Auto besitzen. Dies relativiert das Argument der allgemeinen Parkplatznot.
Björn Slavik vom Verein «Grüne Superblocks Basel» bezeichnet das Parkplatzproblem als «Scheinriesen». Er verweist auf die geringe Quote der Autobesitzer unter den Anwohnern. «Die Strassen sind ruhiger, der Lärm hat abgenommen, und viele Anwohnerinnen und Anwohner berichten von einem spürbaren Gewinn an Lebensqualität. Vor allem Familien und ältere Menschen stellen fest, dass sich die Sicherheit im öffentlichen Raum verbessert hat», so Slavik.
Die Diskussion um die Basler Superblocks zeigt eine klare Spaltung: Auf der einen Seite stehen die Befürworter, die von einer verbesserten Lebensqualität und einem aktiveren Gemeinschaftsleben berichten. Auf der anderen Seite stehen Kritiker, die wirtschaftliche Nachteile für das Gewerbe und eine unzureichende Berücksichtigung der Bedürfnisse von Autofahrern sehen. Die kommenden Monate und das Ende der Testphase werden entscheidend sein für die Zukunft dieses Stadtentwicklungsprojekts in Basel.





