In Pratteln wurde ein Architekturwettbewerb für eine zukunftsweisende Wohnform entschieden. Die Genossenschaft Gewona Nord-West suchte nach einer Lösung, um in einem bestehenden Einfamilienhausquartier massvoll nachzuverdichten. Das Siegerprojekt «Lindenstrasse» zeigt, wie neuer Wohnraum geschaffen werden kann, ohne den Charakter eines wertvollen Gartens zu zerstören.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Architekturwettbewerb für «Stöckli-Wohnen» in Pratteln ist entschieden.
- Das Siegerprojekt «Lindenstrasse» setzt auf den Erhalt des bestehenden Hauses und des Gartens.
- Ein neuer, dreigeschossiger Holzbau ergänzt das Ensemble auf sensible Weise.
- Die Jury lobte den Entwurf für seine Angemessenheit und den respektvollen Umgang mit dem Bestand.
Die Herausforderung: Neues Wohnen im alten Garten
Die Aufgabe war komplex: Auf einer Parzelle an der Wartenbergstrasse in Pratteln, geprägt von Einfamilienhäusern und einem wertvollen alten Baumbestand, sollte eine neue Form des gemeinschaftlichen Wohnens entstehen. Die Genossenschaft Gewona Nord-West formulierte das Ziel als «zeitgemässes Stöckliwohnen», eine moderne Interpretation des Zusammenlebens verschiedener Generationen.
Im Zentrum der Überlegungen stand der bestehende Garten, der nicht nur erhalten, sondern zum Herzstück der neuen Anlage werden sollte. Die Architekturbüros mussten präzise Antworten auf die Frage finden, wie sich Neubauten in die gewachsene Umgebung einfügen, ohne die Qualität des Grünraums zu beeinträchtigen.
Was ist «Stöckli-Wohnen»?
Der Begriff stammt ursprünglich aus der Landwirtschaft, wo das «Stöckli» ein kleineres Haus auf dem Hof war, in das sich die ältere Generation zurückzog, nachdem sie den Betrieb an die Jüngeren übergeben hatte. Heute wird der Begriff für moderne, oft genossenschaftliche Wohnprojekte verwendet, die altersgerechtes und gemeinschaftliches Wohnen ermöglichen, oft in der Nähe von Familien.
Die eingereichten Projekte zeigten unterschiedliche Haltungen. Einige setzten auf den Erhalt des bestehenden Wohnhauses, andere plädierten für einen kompletten Neubau. Die Jury legte grossen Wert auf eine feine Balance zwischen Gemeinschaft, Effizienz und dem Erhalt des Freiraums.
Das Siegerprojekt: «Lindenstrasse» überzeugt mit Feingefühl
Als klarer Sieger ging der Entwurf «Lindenstrasse» der ARGE OAEU Architektinnen + Conrad Kersting aus Basel und Zürich hervor. Ihr Konzept überzeugte die Jury durch einen «ungemein feinfühligen Vorschlag, der auf vielen Ebenen durch seine Angemessenheit besticht».
Der Kern des Entwurfs ist der Erhalt des bestehenden Wohngebäudes, das sanft saniert und künftig als Familienhaus oder grosse Wohngemeinschaft genutzt werden kann. Der wertvolle Garten bleibt in seiner identitätsstiftenden Wirkung vollständig erhalten und wird für die neuen Bewohner erlebbar gemacht.
Ein Neubau aus Holz
Ergänzt wird das Ensemble durch einen schlichten, langgestreckten Holzbau an der westlichen Grundstücksgrenze. Dieser dreigeschossige Neubau ist leicht vom Boden abgehoben und fügt sich harmonisch in den Garten ein. Er beherbergt mehrere Wohnungen, die klar und funktional organisiert sind.
- Konstruktion: Konsequenter Holzbau auf Streifenfundamenten.
- Wohnungen: Einfache, aber geschickt angelegte Grundrisse mit guter Zonierung.
- Aussenraum: Eine vorgelagerte Laube schafft einen fliessenden Übergang zum Garten.
Der Neubau ist so konzipiert, dass er eine hohe Nachhaltigkeit verspricht. Die Bauweise ist wirtschaftlich und kann laut Jury von nahezu jeder Zimmerei umgesetzt werden. Die Fassade besteht aus unbehandeltem Holz.
Die Jury lobte insbesondere, wie der Garten als zusammenhängender, atmosphärisch dichter Raum erlebbar bleibt. Ein gemeinschaftlicher Aussenraum unter der grossen Linde bildet das neue Herz der Wohnanlage. Das Projekt schafft es, das neue Programm ruhig und unaufgeregt in die bestehende Bebauungsstruktur zu integrieren.
Andere Ideen im Wettbewerb
Die rangierten Projekte zeigen, wie unterschiedlich die architektonischen Antworten auf die gleiche Fragestellung ausfallen können. Sie bieten einen spannenden Einblick in aktuelle Diskussionen über Nachverdichtung und gemeinschaftliches Wohnen.
2. Rang: «Reto Martha Giorgio»
Das Projekt von sample+ aus Zürich schlug drei separate Baukörper vor, die durch Laubengänge verbunden sind. Dieser Entwurf schuf eine Art kleine Piazza als Zentrum und gliederte den Garten in unterschiedliche Bereiche. Die Jury lobte die vielfältigen Wohnungstypen und die klare Organisation. Kritisiert wurde jedoch, dass sich das Ensemble zu stark nach innen orientiert und nach aussen verschlossen wirkt. Zudem wurde der Abbruch des Bestandsgebäudes als nicht gerechtfertigt erachtet.
3. Rang: «Totoro»
Die ARGE Eckert Höppner Wahl aus Zürich setzte auf eine konsequente Neubebauung mit vier ungleichen Häusern, die entlang der westlichen Grenze angeordnet sind. Ein expressives Photovoltaikdach sollte die Volumen verbinden. Während die Öffnung des Gartens nach Süden als stimmungsvoll bewertet wurde, kritisierte die Jury die konstruktive Ausarbeitung und die etwas schroffe, ortsfremde Wirkung des Entwurfs.
«Der Wettbewerb zeigte exemplarisch, wie fein die Balance zwischen Gemeinschaft, Effizienz und Freiraum bei der Nachverdichtung im Einfamilienhausquartier austariert werden muss.» – Auszug aus dem Jurybericht
Ein Vorbild für die Zukunft?
Die Entscheidung in Pratteln ist mehr als nur die Auswahl eines Bauprojekts. Sie ist ein Statement dafür, wie Nachverdichtung in sensiblen Quartieren gelingen kann. Anstatt bestehende Strukturen radikal zu ersetzen, zeigt das Siegerprojekt «Lindenstrasse» einen Weg des Weiterbauens und der Ergänzung.
Der Fokus liegt auf dem Erhalt von Identität, insbesondere der des Gartens, und der Schaffung von qualitativ hochwertigem, gemeinschaftlichem Wohnraum. Das Projekt beweist, dass sich moderne Wohnbedürfnisse und der Respekt vor dem Gewachsenen nicht ausschliessen müssen. Für Pratteln und andere Gemeinden in der Region könnte dieses Vorgehen als Vorbild für zukünftige Entwicklungen dienen.





