Das Schweizer Gesundheitswesen steht vor grossen Herausforderungen. Personalmangel, lange Wartezeiten für Titelanerkennung und prognostizierte geringe Lohnsteigerungen prägen das Bild. Gleichzeitig steigt die Aggression gegenüber dem Personal, was neue Massnahmen zum Schutz notwendig macht.
Wichtige Erkenntnisse
- Prognostizierter Lohnanstieg von nur 1 Prozent im Gesundheitswesen für 2026.
- Zürich lockert Regeln für provisorische Anstellung von Ärzten zur Bewältigung des Personalmangels.
- Spital Wallis meldet 68 Prozent mehr Aggressionsfälle in zwei Jahren.
- Temporärarbeit in der Pflege wird kontrovers diskutiert, bietet aber Flexibilität.
- Junge Chirurginnen verschieben oft die Familienplanung aufgrund der Karriereanforderungen.
Lohnentwicklung im Gesundheitswesen bleibt verhalten
Die finanzielle Situation vieler Beschäftigter im Gesundheitswesen dürfte sich in den kommenden Jahren kaum deutlich verbessern. Eine aktuelle Prognose der UBS zeigt, dass für das Jahr 2026 ein durchschnittlicher Lohnanstieg von lediglich einem Prozent erwartet wird. Dies platziert das Gesundheitswesen im Mittelfeld der Branchen, nach einem bereits zurückhaltenden Jahr 2025.
Diese Entwicklung ist bedenklich, da sie die Attraktivität des Sektors weiter schmälern könnte. Gerade in Zeiten, in denen qualifiziertes Personal händeringend gesucht wird, spielen faire Löhne eine entscheidende Rolle. Der Druck auf die Gehälter könnte die Abwanderung von Fachkräften in andere Bereiche oder ins Ausland verstärken.
Faktencheck: Lohnentwicklung
- 2026: Prognose von 1% Lohnanstieg
- 2025: Ebenfalls verhaltene Lohnentwicklung
- Branchenvergleich: Gesundheitswesen im Mittelfeld
Personalmangel: Zürich reagiert auf Zulassungs-Stau
Der Mangel an medizinischem Personal ist ein anhaltendes Problem in der Schweiz. Besonders die langen Wartezeiten bei der Anerkennung von Ärztetiteln durch das Schweizerische Institut für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF) und die Medizinalberufekommission (MEBEKO) verschärfen die Situation. Diese Verzögerungen gefährden die medizinische Versorgung, insbesondere in ländlichen Gebieten.
Das Zürcher Amt für Gesundheit hat nun reagiert. Es passt seine Praxis an und erlaubt es in bestimmten Fällen, Ärztinnen und Ärzte provisorisch einzusetzen. Diese Massnahme soll helfen, den Engpass kurzfristig zu überbrücken und die Patientenversorgung sicherzustellen.
Eine weitere Studie zeigt, dass ein unnötiger Flaschenhals bei der Organisation von Praktikumsplätzen für Medizinstudierende besteht. Dies verhindert, dass genügend Nachwuchsärzte ihre Ausbildung abschliessen und in den Arbeitsmarkt eintreten können. Es braucht eine gesamtumfassende Strategie, um diese strukturellen Probleme zu lösen.
Aggressionen gegen Personal nehmen zu
Ein alarmierender Trend ist die Zunahme von Aggressionen gegenüber dem Personal in Spitälern. Das Spital Wallis verzeichnete in den letzten zwei Jahren einen Anstieg von 68 Prozent bei Fällen von «asozialem Verhalten». Dies reicht von verbalen Übergriffen bis hin zu körperlichen Attacken durch Patienten und deren Angehörige.
Zum Schutz der Mitarbeiter hat das Spital Wallis eine neue Richtlinie eingeführt und eine Sensibilisierungskampagne gestartet. Ziel ist es, das Personal besser vor Übergriffen zu schützen und ein sicheres Arbeitsumfeld zu gewährleisten. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, nicht nur physische, sondern auch psychische Belastungen des Personals ernst zu nehmen.
"Die Sicherheit unserer Mitarbeiter hat oberste Priorität. Wir müssen eine Nulltoleranz gegenüber Aggressionen durchsetzen", betont eine Sprecherin des Spitals Wallis.
Temporärarbeit in der Pflege: Flexibilität versus Kosten
Die Diskussion um Temporärarbeit in der Pflege ist komplex. Kritiker bemängeln, dass temporäre Kräfte "zu teuer, zu flexibel und zu problematisch" seien. David Paulou, Direktor der grössten Schweizer Personalberatung im Gesundheitswesen, widerspricht dieser Sichtweise mit Fakten.
Er argumentiert, dass Temporärarbeit eine wichtige Rolle bei der Bewältigung von Personalengpässen spielt und eine notwendige Flexibilität bietet. Besonders in Spitzenzeiten oder bei unerwarteten Ausfällen kann temporäres Personal schnell eingesetzt werden. Dies entlastet das Stammpersonal und sichert die Patientenversorgung.
Hintergrund: Work-Life-Balance
Eine Studie unter Schweizer Assistenzärzten zeigt, dass viele zwar Ruhetage haben, aber dennoch eine geringe Work-Life-Balance empfinden. Dies deutet darauf hin, dass die reine Anzahl freier Tage nicht ausreicht, um die Belastung auszugleichen. Faktoren wie lange Arbeitszeiten und hohe Verantwortung spielen eine entscheidende Rolle.
Karriere und Kinderwunsch: Eine Herausforderung für Chirurginnen
Junge Chirurginnen stehen oft vor einem schwierigen Dilemma: Karriere oder Kinderwunsch? Die langen Arbeitszeiten, der starre Ausbildungsweg und der geringe Spielraum für Teilzeitmodelle führen dazu, dass viele Chirurginnen ihre Mutterschaft aufschieben. Dies hat nicht nur persönliche Konsequenzen, sondern auch Auswirkungen auf das Fachgebiet.
Es fehlen weibliche Vorbilder in Führungspositionen. Leadership-Expertin Sibyl Schädeli bemerkt dazu, dass "Frauen noch immer nicht dem Bild des 'starken Chefarztes' entsprechen". Sie fordert, dass die Medizin dringend mehr weibliche Führungskräfte benötigt, um die Machtstrukturen aufzubrechen und flexiblere Arbeitsmodelle zu ermöglichen.
Die Digitalisierung wird als wesentlicher Faktor zur Effizienzsteigerung im Spitalbereich gesehen. Die Lindenhofgruppe hat dies zu einem strategischen Handlungsfeld gemacht, um Qualität und Zusammenarbeit zu verbessern. Dies könnte auch neue Möglichkeiten für flexiblere Arbeitsmodelle schaffen.
"Hospital at Home" im Baselbiet: Ein Blick in die Zukunft
Der Kanton Baselland investiert knapp zehn Millionen Franken in den Aufbau des Projekts "Hospital at Home". Dieses Modell ermöglicht es, Patienten zu Hause medizinisch zu versorgen, was Spitalaufenthalte verkürzen oder ganz vermeiden kann. Severin Pöchtrager, Leitender Arzt von Hospital at Home, weist jedoch darauf hin, dass die langfristige Zukunft des Angebots noch unsicher ist.
Solche innovativen Ansätze könnten dazu beitragen, den Druck auf die Spitäler zu mindern und die Ressourcen effizienter einzusetzen. Sie erfordern jedoch eine klare Strategie und nachhaltige Finanzierung, um ihr volles Potenzial zu entfalten.
- Vorteile: Entlastung der Spitäler, Patientenversorgung im gewohnten Umfeld.
- Herausforderungen: Finanzierung, Koordination der Versorgung, Akzeptanz bei Patienten und Personal.
Anziehungskraft der Schweiz für ausländische Ärzte
Die Schweiz gilt für viele ausländische Ärzte als Traumland. Die Ärztevermittler Francesca und Jan Saner erklären, was es braucht, damit der Jobwechsel gelingt. Sie betonen, dass manche unrealistische Erwartungen an die Schweiz haben. Eine gute Vorbereitung und realistische Einschätzung der Bedingungen sind entscheidend für einen erfolgreichen Start.
Dazu gehören nicht nur die fachlichen Qualifikationen, sondern auch Sprachkenntnisse und die Bereitschaft, sich in das Schweizer Gesundheitssystem zu integrieren. Der Bedarf an qualifiziertem Personal ist gross, doch die Hürden für ausländische Fachkräfte sind ebenfalls nicht zu unterschätzen.





