Die Publikationsreihe «Stadt.Geschichte.Basel» schliesst mit den Bänden 8 und 9 ab. Diese beiden Werke beleuchten die jüngste Vergangenheit Basels seit 1960 und thematisieren die komplexen Fragen rund um die Gestaltung und Nutzung städtischer Räume. Besonders im Fokus steht dabei, wem die Stadt tatsächlich gehört und für wen sie geplant wird.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Bände 8 und 9 schliessen die «Stadt.Geschichte.Basel»-Reihe ab.
- Band 8 behandelt die Zeit von 1960 bis heute, einschliesslich der Fusionsabstimmung und der Corona-Pandemie.
- Band 9 analysiert Stadträume, Eigentumsverhältnisse und die Rolle der Stadtplanung aus gesellschaftlicher Sicht.
- Ein Drittel der Basler Wohnungen gehört heute renditeorientierten Unternehmen.
- Die Frage nach einer frauengerechten Stadtplanung wurde bereits 1990 diskutiert und bleibt relevant.
Ein Blick in die jüngste Vergangenheit Basels
Band 8 der «Stadt.Geschichte.Basel» trägt den Titel «Auf dem Weg ins Jetzt. Seit 1960». Er deckt einen breiten Zeitraum ab, der viele Baslerinnen und Basler noch aus eigener Erfahrung kennen. Es geht um Ereignisse, die das kollektive Gedächtnis der Stadt geprägt haben.
Ein zentrales Thema ist die Abstimmung über eine mögliche Fusion von Stadt und Land. Im Jahr 2014 stimmten 55% der Stadtbasler für eine Fusion, während 68% der Baselbieter dagegen waren. Dieses Ergebnis zeigte eine klare Trennung der Meinungen und eine starke Identität des Baselbiets, die sich in Slogans wie «Mir si und bliibe Baselbieter» manifestierte.
Fakt: Die Pulverturm-Explosion von 1526
Am 19. September 1526 explodierte ein Pulverturm in St. Alban. Fast fünfzig Tonnen Pulver und Schwefel lagerten dort. Die Explosion zerstörte den Turm und benachbarte Gebäude in der Malzgasse. Sie forderte Menschenleben und war so prägend, dass sie zwölf Jahre später in Sebastian Münsters Stadtplan mit Flammen über dem Turm dargestellt wurde. Dieses historische Ereignis zeigt, wie einschneidende Vorkommnisse das Stadtbild und das Bewusstsein prägen können.
Der Band behandelt auch die Anerkennung der Basler Fasnacht als Weltkulturerbe, die Entstehung des Kaffeehauses Unternehmen Mitte und die Auswirkungen der jüngsten Corona-Pandemie. Es werden auch wichtige gesellschaftliche Bewegungen und Proteste beleuchtet, wie der Widerstand gegen das AKW Kaiseraugst, der über Generationen und politische Lager hinweg reichte.
Auch das Chemieunglück in Schweizerhalle findet Erwähnung, ein Ereignis, das das Umweltbewusstsein in der Region nachhaltig veränderte und zu wichtigen politischen Diskussionen führte. Diese Themen zeigen, wie Basel auf dem Weg ins Jetzt verschiedene Herausforderungen gemeistert hat.
Stadträume: Offen, begrenzt und umkämpft
Band 9, herausgegeben von Esther Baur und Lina Gafner, widmet sich dem Thema «Stadträume: Offen und begrenzt, gestaltet und umkämpft». Dieser Band stellt die grundlegende Frage, wem die Stadt eigentlich gehört. Es geht um die Nutzer der Stadt: Fussgänger, Velofahrer, Autofahrer und auch um grosse Unternehmen.
Eine Recherche von reflect.ch und Bajour aus dem Jahr 2021 zeigt, dass inzwischen ein Drittel aller Basler Wohnungen renditeorientierten Unternehmen gehört. Diese Entwicklung wirft Fragen nach der sozialen Gerechtigkeit und der Zugänglichkeit von Wohnraum auf.
Hintergrund: Die «Stadt.Geschichte.Basel»-Reihe
Die gesamte Reihe der Basler Stadtchronik umfasst acht Bände, beginnend um 50'000 v. Chr. bis in die Gegenwart. Sie beleuchtet die Entwicklung Basels aus verschiedenen Perspektiven, von den ersten Siedlungen am Rhein bis zu modernen städtebaulichen Visionen. Die inhaltliche Dichte nimmt mit abnehmendem Alter der Ereignisse zu, von illustrierten Lebensbildern des karolingischen Münsters bis zu Fotografien der Bombenabwürfe von 1945.
Das Kapitel von Yves Hänggi geht der Frage nach, wie frauenfeindlich Stadtplanung sein kann. Er zitiert ein Postulat von Grossrätin Nicole Wagner aus dem Jahr 1990. Dieses Postulat der Progressiven Organisation Schweiz (POCH) befasste sich mit «Stadtstrukturen und Gewalt gegen Frauen». Es stellte fest, dass Frauen bestimmte Orte in Basel, besonders bei Dunkelheit, meiden. Dazu gehörten die Tiefgarage des Kantonsspitals, die Unterführung beim Bahnhof SBB und der Margarethenpark.
«Eine frauengerechte Stadt wird auch immer eine menschengerechte Stadt sein.»
Vorwort einer Studie im Auftrag des Baudepartements, 1998
Seit 1990 hat sich in dieser Hinsicht viel getan. Es gab Verbesserungen in der Stadtplanung, um die Sicherheit und Zugänglichkeit für alle Bevölkerungsgruppen zu erhöhen. Dennoch bleibt die Arbeit nicht abgeschlossen. Die Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Stadtplanung kontinuierlich auf die Bedürfnisse aller Bewohner eingehen muss.
Architektur in Basel: Ein kritischer Blick
Obwohl Architektur und gebauter Raum in fast allen historischen Themen Basels eine Rolle spielen, vermisst man in den Bänden einen dezidierten Fokus auf die Architekturstadt Basel selbst. Das Basler Münster, die nie gebaute Wettsteinbrücke von Santiago Calatrava oder Visionen für das Dreispitzareal mit dem Turmprojekt von Herzog & de Meuron sind zwar erwähnt, aber eine tiefgehende Analyse der Basler Architektur fehlt.
Nur zehn schmale Seiten behandeln das Thema «Architektur in Basel» explizit. Nach einem kurzen Einführungstext folgen einige Abbildungen und Fotografien. Dazu gehören die Maurerhalle, das Lonza-Hochhaus oder das Stellwerk. Es wird auf den Architekturführer von Dorothee Huber verwiesen, aber eine umfassende eigene Darstellung bleibt aus. Dies könnte für Architekturinteressierte eine Enttäuschung darstellen.
Die Zukunft der Stadtplanung
Die Frage, von wem die Stadt geplant wird, ist ebenso entscheidend wie die Frage, für wen. Im Jahr 1990 waren die Planer fast ausschliesslich Männer. Eine Studie, die 1998 im Auftrag des Baudepartements von zwei Soziologinnen erstellt wurde, resümierte: «Sicherheit im öffentlichen Raum wurde als eine Problematik erkannt, die verschiedene Bevölkerungsgruppen, Alte und Junge, Frauen und Männer betrifft und es deshalb auch Aufgabe der Stadtplanung ist, Lösungsansätze zu entwickeln.»
- Soziale Gerechtigkeit: Wer kann sich Wohnraum leisten?
- Sicherheit im öffentlichen Raum: Ist die Stadt für alle gleich sicher und zugänglich?
- Teilhabe: Wer wird in den Planungsprozess einbezogen?
Diese Fragen sind heute relevanter denn je. Die Bände 8 und 9 schliessen die lange Erzählung der Basler Stadtgeschichte ab. Sie zeigen nicht nur die Historie auf, sondern werfen auch wichtige Fragen für die Gegenwart und Zukunft auf. Die Zeit seit 1960 ist ein fortlaufender Prozess, aus dem wir weiterhin lernen müssen. Mit einem zehnten und letzten Übersichtsband wird die Serie dann abgeschlossen sein.





