Nach einer verlorenen kantonalen Abstimmung in Basel wagt die Musikvielfalt-Initiative (MVI) einen Neuanfang auf nationaler Ebene. Das Komitee konzentriert sich nun auf das Thema Fair-Pay für Kulturschaffende und kritisiert gleichzeitig das Basler Kulturleitbild. Die Initiative will in allen Landesteilen sensibilisieren, lobbyieren und vernetzen.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Musikvielfalt-Initiative (MVI) wird nach Basler Abstimmungsniederlage schweizweit aktiv.
- Der Fokus liegt auf Fair-Pay für Kulturschaffende und fairen Förderpraktiken.
- Clubs und Veranstalter warnen vor weniger Konzerten durch höhere Gagen ohne zusätzliche Subventionen.
- Das Initiativkomitee kritisiert das Basler Kulturleitbild stark, insbesondere die Unterscheidung zwischen Hoch- und Alternativkultur.
- Die MVI fordert eine neue Förderpraxis: Fair-Pay bedingt Fair-Funding.
Neuer Anlauf mit erweitertem Team und Fokus auf Fair-Pay
Die Musikvielfalt-Initiative hat nach der Niederlage bei der Basler Abstimmung im letzten November eine längere Pause eingelegt. Nun meldet sich das Komitee zurück. Es hat sich personell verstärkt und setzt auf eine schweizweite Bewegung statt auf kantonale Abstimmungsvorlagen. Neu dabei sind die Berner Kulturarbeiterin Janina Neustupny und die Musikerin Kim Bollag alias KimBo.
Das erweiterte Team konzentriert sich auf das Thema Fair-Pay. Dies ist die faire Bezahlung von Kulturschaffenden. Eine Diskussion über bessere Arbeitsbedingungen für Künstlerinnen und Künstler findet derzeit in der gesamten Schweiz statt. Auch die Kulturbotschaft des Bundes strebt eine angemessene Entschädigung an. Der Entwurf des neuen Kulturleitbilds von Basel-Stadt enthält ebenfalls die Forderung nach Fair-Pay. Dort heisst es, dass Leistungsvereinbarungen verbindliche Formulierungen zu Gagen, Honoraren und Löhnen enthalten müssen.
Faktencheck Fair-Pay
- In Bern sind angemessene Löhne bereits Voraussetzung für Subventionen.
- Weitere Kantone könnten ihre Richtlinien entsprechend anpassen.
- Im Zürcher Jazzclub Moods liegen die Monatslöhne derzeit bei rund 2000 Franken, deutlich unter dem Schweizer Median.
- Eine faire Entlöhnung hätte im Moods über eine halbe Million Franken Mehrkosten im Jahr 2024 bedeutet.
Herausforderungen der Umsetzung: Wer zahlt die Mehrkosten?
Die MVI begrüsst die Bestrebungen für gerechte Honorare. Sie sieht die Herausforderung aber in der Umsetzung. Viele Clubs und Lokale können die geforderten fairen Löhne nicht einfach bezahlen. Lea Heimann vom Berner Veranstalter bee-flat erklärt, dass ihr Verein hinter fairen Gagen steht. Sie betont jedoch, dass der gesamte kulturelle Kosmos betrachtet werden muss. Auch Produktionsteams und Technik benötigen angemessene Honorare. Derzeit seien oft nur sehr tiefe Stundenlöhne möglich.
«Die Mehrkosten in Folge von Fair-Pay werden unweigerlich dazu führen, dass die Clubs und Veranstaltenden weniger Konzerte anbieten können.»
Diese Aussage des Teams der Musikvielfalt-Initiative unterstreicht die Sorge vieler Veranstalter. Ohne zusätzliche Subventionen könnten selbst Konzerte weniger bekannter Acts hohe Eintrittspreise von mindestens 50 Franken verursachen. Solche Preise würden den Zugang zu Kultur für viele Menschen erschweren oder gar verunmöglichen.
Gefahr für die musikalische Vielfalt
Für Fabian Gisler, eine treibende Kraft hinter der Initiative, und sein Team ist klar: Wenn die Förderpraxis unverändert bleibt, wird dies die Vielfalt des Musikangebots in der Schweiz beeinflussen. Die unvermeidlichen Mehrkosten durch Fair-Pay könnten dazu führen, dass Clubs und Veranstalter weniger Konzerte anbieten können. Dies würde das musikalische Spektrum reduzieren.
Besonders in Basel, wo Fair-Pay mit dem neuen Kulturleitbild zur Bedingung werden soll, sieht Gisler eine Ungerechtigkeit. Er kritisiert die Verteilung der Gelder: Der institutionelle Musikbereich erhält 21 von insgesamt 23 Millionen Franken. Dadurch kann er gerechte Honorare zahlen. Im freien Musikschaffen, das massgeblich für die musikalische Vielfalt der Stadt sorgt, sollen zugunsten von Fair-Pay die Angebote gekürzt werden. Die MVI fasst dies im neuen Slogan zusammen: Fair-Pay bedingt Fair-Funding.
Hintergrund: Basler Kulturleitbild
Das neue Kulturleitbild von Basel-Stadt soll die Rahmenbedingungen für die Kulturförderung neu definieren. Es enthält Punkte wie Fair-Pay und eine selektive Förderung. Die MVI kritisiert jedoch mehrere Aspekte dieses Entwurfs, die ihrer Meinung nach die Vielfalt gefährden könnten.
Kritik am Basler Kulturleitbild und Forderung nach gemeinsamen Lösungen
Trotz ihres nationalen Vorstosses bleibt die Musikvielfalt-Initiative stark in Basel verankert. Die Kritik am Basler Kulturleitbild geht über Fair-Pay hinaus. In einer fünfseitigen Stellungnahme bemängelt die MVI die Unterscheidung zwischen Hochkultur und Alternativkultur. Solche Begriffe gehören ihrer Meinung nach nicht in ein zeitgemässes Leitbild, da sie die Kultur unnötig in zwei Lager teilen.
«Es muss in Zukunft mehr nach gemeinsamen Lösungen gesucht werden – selbst wenn diese auch die eigene Finanzierung tangieren.»
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die selektive Förderung. Die Abteilung Kultur möchte damit hohe Qualität im Kulturschaffen begünstigen. Die MVI räumt ein, dass Kulturförderung immer selektiv ist. Sie äussert aber Bedenken, dass dies im Zusammenhang mit Fair-Pay zu einer Reduktion der Vielfalt führen könnte.
Die MVI betont, dass der Kulturbereich über weite Teile ein Niedriglohnsektor ist. Um diese Situation zu verbessern, seien alle Akteure gefragt. Das Kulturleitbild fordert, dass Kulturschaffende ihre Eigenverantwortung wahrnehmen und Kulturbetriebe ihre Pflichten als Arbeitgeber erfüllen. Die MVI warnt, dass selektive Förderung, selbst mit substanziellen Beiträgen, die Vielfalt gefährden könnte, wenn nicht auch eine gerechte Finanzierung sichergestellt ist.
Vielfalt und Teilhabe als zentrale Anliegen
Die MVI besteht auch in Bezug auf den Qualitätsbegriff auf Vielfalt. Es gäbe keine universellen, genreübergreifenden Qualitätsmerkmale. Diese würden vielmehr immer wieder neu verhandelt. Teilhabe an Kultur ist gemäss Leitbild ein wichtiger Aspekt. Hier sieht die MVI Verbesserungspotenzial. Sie fordert eine klare Strategie im Bereich Vermittlung und kulturelle Bildung. Um dies voranzubringen, schlägt sie eine Steuergruppe vor. Diese soll neben Kulturinstitutionen auch Vermittlungsakteure aus der freien Szene, der Quartierarbeit und den Schulen einbeziehen. Ziel ist die Entwicklung einer zukunftsfähigen Strategie.
Mit dem Slogan «Fair-Pay bedingt Fair-Funding» hat die neue nationale Bewegung einen wichtigen Diskussionspunkt gesetzt. Die kommenden Monate werden zeigen, ob dieser Appell zu konkreten politischen Massnahmen führt. Es bleibt abzuwarten, ob die Politik bereit ist, die strukturellen Fragen hinter der Musikförderung umfassend zu verhandeln.





