Die Basler Theologin Monika Hungerbühler, bekannt für ihren langjährigen Einsatz für Gleichberechtigung in der römisch-katholischen Kirche, hat vor fast drei Jahren einen persönlichen Wechsel vollzogen. Sie trat im Dezember 2022 aus der römisch-katholischen Kirche aus und schloss sich am 8. Januar 2023 offiziell der christkatholischen Kirche an. Dieser Schritt war bewusst keine öffentliche Protestaktion, sondern eine tiefgreifende private Entscheidung.
Wichtige Erkenntnisse
- Monika Hungerbühler wechselte Ende 2022 zur christkatholischen Kirche.
- Der Übertritt war eine persönliche Entscheidung, keine Protestaktion.
- Familiäre Wurzeln spielten bei der Wahl der christkatholischen Kirche eine Rolle.
- Frustration über mangelnde Reformen in der römisch-katholischen Kirche war ein Hauptgrund.
- Sie schätzt die synodale Struktur und die Offenheit der neuen Kirche.
- Hungerbühler engagiert sich nun bei den Klimaseniorinnen.
Ein stiller Abschied nach langer Frustration
Monika Hungerbühler, eine prägende Stimme für Reformen in der römisch-katholischen Kirche, traf ihre Entscheidung zum Kirchenaustritt im Dezember 2022. Sie betonte, dass dies kein lauter Protest sein sollte. In einem Abschiedsbrief an den Bischof von Basel kommunizierte sie ihre Beweggründe diskret. Dieser Ansatz unterscheidet sich von früheren Fällen, bei denen prominente Katholikinnen ihren Austritt gemeinsam und öffentlich bekannt gaben.
Die Gründe für Hungerbühlers Wechsel sind vielschichtig. Eine «grosse Frustration und Müdigkeit» über den Stillstand in der römisch-katholischen Kirche spielte eine zentrale Rolle. Trotz zahlreicher Versprechen, wie sie im Rahmen der Amazonassynode oder des sogenannten synodalen Prozesses gemacht wurden, sah sie zu wenig Bewegung. Ihr unermüdlicher Einsatz für Frauenrechte und Reformen schien ins Leere zu laufen.
"Ich glaube, ich erlitt eine Art Ermüdungsbruch, auch wenn ich das nicht wirklich wahrnahm", beschreibt Monika Hungerbühler ihre damalige Gefühlslage.
Familiäre Bindungen zur christkatholischen Kirche
Der Übertritt zur christkatholischen Kirche war für Monika Hungerbühler nicht nur eine Abkehr, sondern auch eine Rückkehr zu familiären Wurzeln. Ihre Mutter, Grossmutter und Urgrossmutter waren bereits christkatholisch. Diese Vertrautheit mit der Kirche prägte ihre Kindheit, auch wenn sie selbst römisch-katholisch erzogen wurde.
Wussten Sie schon?
Monika Hungerbühlers Mutter konvertierte für ihre Hochzeit zur römisch-katholischen Kirche, kehrte aber später zu den Christkatholiken zurück und engagierte sich dort aktiv. Diese Familiengeschichte machte die christkatholische Kirche für Monika Hungerbühler zu einem vertrauten Ort.
Nach ihrer Frühpensionierung im Januar 2022 sah Hungerbühler den passenden Zeitpunkt für den Wechsel. Sie hatte zuvor "sehr gute Stellen" in der römisch-katholischen Kirche Basel-Stadt inne und wollte ihren Austritt nicht als berufliche Konsequenz erscheinen lassen. Nach mehreren Gesprächen mit dem Pfarrer der Basler Predigerkirche, dem Zentrum der christkatholischen Gemeinde, erfolgte der offizielle Eintritt am 8. Januar 2023. Der herzliche Empfang durch die Gemeinde beim Gottesdienst war ein bewegender Moment für sie.
Die Vorteile der neuen Gemeinschaft
Monika Hungerbühler schätzt an der christkatholischen Kirche besonders ihre "ganz andere, synodale Struktur". Diese Struktur fördert eine Gemeinschaft von Gleichgestellten, die sich gemeinsam für das Wohlergehen aller und den Schutz der Schöpfung einsetzen. Die Predigerkirche in Basel bietet zudem ein vielfältiges Programm mit theologischen und spirituellen Angeboten und zeichnet sich durch ein angenehmes zwischenmenschliches Klima aus.
Hintergrund: Die christkatholische Kirche
Die christkatholische Kirche entstand im 19. Jahrhundert als Reaktion auf das Erste Vatikanische Konzil und das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit. Sie zeichnet sich durch eine synodale Verfassung, die Wahl von Bischöfen durch Laien und Klerus sowie die Zulassung von Frauen zum Priesteramt aus. Auch der Pflichtzölibat existiert hier nicht.
In ihrer neuen Gemeinde leitet Monika Hungerbühler nun viermal jährlich "Stationenfeiern". Dabei versteht sie sich nicht als Leiterin, sondern als Teil der Gemeinschaft. Die Möglichkeit, Priesterin zu werden, lehnt sie jedoch ab. Dies begründet sie mit ihrer Solidarität zu ihren Kolleginnen und Freundinnen in der römisch-katholischen Kirche. Sie habe nie Priesterin werden wollen, und dieser Wunsch habe sich auch jetzt nicht eingestellt, wo es ihr möglich wäre.
Kampf für Gerechtigkeit geht weiter, aber anders
Trotz der positiven Erfahrungen in der christkatholischen Kirche sieht Monika Hungerbühler auch hier noch Raum für Verbesserungen. Die patriarchalisch geprägte Gesellschaft zeige sich auch in dieser Gemeinschaft. Sie formuliert ihren Wunsch klar: "Ich will ein ganz anderes System, eine andere Spiritualität, eine andere Theologie, einen anderen Gottesdienst, eine andere Gerechtigkeit."
Den Kampf für Reformen, wie sie ihn jahrelang in der römisch-katholischen Kirche geführt hat, will sie jedoch nicht mehr aktiv bestreiten. "Ich bin jetzt pensioniert", sagt sie. Ihr Engagement verlagert sich stattdessen auf andere Bereiche. Sie beteiligt sich sporadisch an der Apero-Gruppe der Basler Predigerkirche und betont, dass sie stets katholische Theologin war und es auch bleiben wird.
Ein neues Engagement hat ihr Interesse geweckt: die Klimaseniorinnen. Sie ist dieser Gruppe beigetreten, weil sie deren Einsatz für das Klima, die Schöpfung und die Menschen als "elementar wichtig" empfindet. Die Arbeit der älteren Frauen für den Klimaschutz beurteilt sie als "aufsehenerregend, wichtig, toll und sehr christlich".
Ein Rückblick auf ein Leben im Einsatz für Reformen
Monika Hungerbühler hat sich über viele Jahre hinweg vehement für Gleichberechtigung und Reformen innerhalb der römisch-katholischen Kirche eingesetzt. Ihre Vita zeugt von diesem unermüdlichen Engagement:
- 2009-2022: Co-Leiterin der Offenen Kirche Elisabethen in Basel.
- 2011: Aktiv bei der Gleichstellungsinitiative, die sich für das Frauenpriestertum und die Abschaffung des Pflichtzölibats einsetzte.
- 2012: Erhalt des Herbert-Haag-Preises für Freiheit in der Kirche, gemeinsam mit Monika Schmid.
- Dezember 2018: Mitlancierung des Appells "Für eine Kirche umfassender Gerechtigkeit", eine Reaktion auf den Austritt von sechs prominenten Katholikinnen.
- März 2019: Mitinitiatorin von "Wir haben es satt!", einer Initiative zur Vertretung von Gleichstellungs- und Reformanliegen gegenüber Bischof Felix Gmür.
- 22. Juni 2019: Beteiligung am Frauenkirchenstreik unter dem Motto "Gleichberechtigung. Punkt. Amen.", inklusive der Organisation einer Mitra-Bastel-Aktion in Basel.
- Juni 2022: Verfassen eines Solidaritätsbriefs für die Theologin Veronika Jehle, der von 50 Seelsorgenden mitunterzeichnet wurde und Reformen forderte.
- Engagement bei der Junia-Initiative: Organisation jährlicher Treffen und Präsentation von Frauen, die sich zum Priesteramt berufen fühlen.
In ihrem Solidaritätsbrief für Veronika Jehle drückte Hungerbühler bereits ihre tiefe Enttäuschung aus: "Wir sind traurig! Wir sind desillusioniert! Wir sind zerrissen!" Diese Worte spiegeln die langjährige Frustration wider, die schliesslich zu ihrem persönlichen Entschluss führte, einen neuen kirchlichen Weg zu gehen.





