Obwohl das Basler Kantonsparlament bereits im September 2024 die Wiedereinführung von Förderklassen für lernschwache Kinder beschlossen hat, bleibt die Umsetzung in der Praxis weit hinter den Erwartungen zurück. Von den 25 Volksschulen im Kanton plant lediglich eine einzige, eine solche Sonderklasse anzubieten. Auch dort verzögert sich die Einführung.
Wichtigste Punkte
- Basel-Stadt erlaubt Förderklassen seit September 2024.
- Nur eine von 25 Schulen plant derzeit eine Umsetzung.
- Knappe Ressourcen und organisatorische Hürden erschweren die Einführung.
- Eine Umfrage zeigt, dass 90 Prozent der Befragten die integrative Schule überdenken wollen.
- Auch andere Kantone wie Aargau und Zürich prüfen eine Rückkehr zu separativeren Modellen.
Wenig Interesse trotz politischem Entscheid?
Der Entscheid des Kantonsparlaments, die Möglichkeit von Förderklassen wieder zu schaffen, wurde von Befürwortern als wichtiger Schritt gefeiert. Jean-Michel Héritier, Präsident der Freiwilligen Schulsynode Basel und Lehrer, betont die Bedeutung dieses Meilensteins. Rund 70 Prozent der Delegierten des Lehrerinnen- und Lehrerverbands hatten die Wiedereinführung unterstützt.
Doch die Realität sieht anders aus. Mehr als ein Jahr nach der Beschlussfassung zeigt sich, dass die Schulen kaum Gebrauch von der neuen Möglichkeit machen. Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen hauptsächlich in den praktischen Herausforderungen.
Faktencheck
- Beschluss: September 2024 durch das Basler Kantonsparlament.
- Anzahl Schulen in BS: 25 Volksschulen.
- Schulen mit Förderklasse-Plänen: 1 Schule.
- Lehrerverbands-Unterstützung: Rund 70 Prozent der Delegierten.
Hürden bei der Umsetzung
Die Gründung einer Förderklasse ist für die Basler Schulen mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Das Erziehungsdepartement Basel-Stadt bestätigt, dass es sich um einen aufwendigen und komplexen Prozess handelt. Es fehlen nicht nur geeignete Schulräume, sondern auch die notwendigen personellen Ressourcen.
Jean-Michel Héritier weist darauf hin, dass eine Lösung in der Zusammenarbeit mehrerer Schulen liegen könnte. Dies würde jedoch die schulorganisatorischen Hürden zusätzlich erhöhen. Auch die Einbindung und Zustimmung der Eltern ist ein entscheidender Faktor, der den Prozess weiter verkompliziert.
„Eine Förderklasse zu gründen, ist mit erheblichen schulorganisatorischen Hürden verbunden“, sagt Jean-Michel Héritier, Präsident der Freiwilligen Schulsynode Basel.
Ressourcenmangel und Platzprobleme
Der Mangel an spezifisch ausgebildetem Personal und geeigneten Räumlichkeiten ist ein zentrales Problem. Schulen müssen ihre vorhandenen Kapazitäten neu verteilen, was oft schwierig ist. Dies führt dazu, dass die Wiedereinführung der Förderklassen eher eine theoretische Option bleibt als eine praktische Lösung.
Integrative Schule in der Kritik
Die Diskussion um Förderklassen ist eng mit der Debatte über die integrative Schule verbunden. In der Nordwestschweiz wurde 2024 eine Umfrage des Vereins Starke Schule beider Basel unter 786 Personen, davon 664 Lehrpersonen, durchgeführt. Das Ergebnis war eindeutig: Fast 90 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die aktuelle Form der integrativen Schule überdacht und korrigiert werden muss.
Fast zwei Drittel der Befragten sprachen sich für die flächendeckende Einführung von Kleinklassen aus, insbesondere für lernschwache Schülerinnen und Schüler. Dieser politische Druck kommt hauptsächlich aus bürgerlichen Kreisen, findet aber auch beim Schweizer Lehrerinnen- und Lehrerverband Gehör.
Hintergrund: Integrative Schule
Die integrative Schule zielt darauf ab, Kinder mit und ohne besonderen Förderbedarf gemeinsam in Regelklassen zu unterrichten. Dies soll die soziale Integration fördern und allen Kindern gleiche Bildungschancen ermöglichen. Kritiker bemängeln oft, dass die Ressourcen für eine effektive Integration fehlen und lernschwache Kinder in grossen Klassen untergehen.
Schweizweite Debatte um Fördergefässe
Basel-Stadt steht mit der Diskussion um Förderklassen nicht allein da. Auch andere Kantone prüfen ähnliche Schritte. Im Aargau hat das Parlament im November eine Motion zur Wiedereinführung von Förderklassen überwiesen. In Zürich stellte Bildungsdirektorin Silvia Steiner fast gleichzeitig eine Gesetzesänderung vor, die eine Rückkehr zu Sonderklassen für lernschwache und verhaltensauffällige Kinder ermöglichen soll.
Dagmar Rösler, Präsidentin des Schweizer Lehrerinnen- und Lehrerverbands, betont, dass der Verband nicht grundsätzlich gegen separative Massnahmen sei. Sie räumt jedoch ein, dass die Debatte oft missverstanden wird. „Wir haben immer gesagt, dass es separative Massnahmen braucht“, so Rösler.
Ein Problem ist die Verlagerung von Problemen: Wird eine Förderklasse eingerichtet, verschiebt sich oft eine heilpädagogische Fachlehrperson von der Regelklasse in die Förderklasse. „Solche Konstrukte sind für mich eine Verlagerung der Problematik“, kritisiert Rösler. Denn nicht jedes Kind, das Betreuung benötigt, landet automatisch in einer Förderklasse.
Aargau plant finanzielle Förderung
Im Aargau will Bildungsdirektorin Martina Bircher (SVP) die Situation verbessern, indem Förderklassen zusätzlich finanziell gefördert werden sollen. Wie diese Förderung konkret aussehen wird und woher die Mittel stammen, ist noch unklar. Die Ressourcenverteilung bleibt auch hier eine sensible Frage.
Rösler merkt an, dass es in Basel auch Stimmen gebe, die von einem Überangebot an Fördergefässen sprechen. Sie plädiert stattdessen für kleinere Klassen oder zwei Lehrpersonen pro Klasse als grundlegende Massnahme. Dies sei jedoch kein Plädoyer gegen separate Gefässe, da diese manchmal unumgänglich seien.
Kleinere Kantone gehen einen anderen Weg
Während in grossen Kantonen wie Basel-Stadt, Zürich und Aargau die Diskussion um Förderklassen intensiv geführt wird, verläuft die Entwicklung in kleineren Kantonen oft anders. Viele von ihnen betreiben ihre Schulen bereits aus strukturellen oder finanziellen Gründen mehrheitlich integriert.
Ein Beispiel ist der Kanton Solothurn. Dort, wo Sonderschüler bisher kaum integriert wurden, soll nun in einem Pilotprojekt eine stärkere Einbindung in die Regelschulen erfolgen. Hier geht der bürgerliche Spardruck dem Widerstand gegen die integrative Schule voran.
Dagmar Rösler lobt die Basler Lehrpersonen: „Das ist ein Zeichen, dass Förderklassen nicht einfach wie Pilze aus dem Boden schiessen.“ Dies zeige, dass solche Massnahmen als letzte Möglichkeit betrachtet werden, nachdem alle anderen Optionen ausgeschöpft wurden.





