Das Schweizer Gesundheitswesen steht vor bedeutenden Veränderungen und Herausforderungen. Von Personalmangel über die Ambulantisierung von Behandlungen bis hin zu digitalen Transformationen – die Branche muss sich anpassen. Neue Systeme wie 'Martha's Rule' und innovative Versorgungsmodelle zeigen jedoch Wege auf, die Patientenversorgung zu verbessern.
Wichtige Erkenntnisse
- Personalmangel in der Pflege und bei Fachärzten bleibt eine zentrale Herausforderung.
- Die Ambulantisierung von Behandlungen wird politisch gefördert, stösst aber auf strukturelle Hürden.
- Digitale Lösungen spielen eine immer wichtigere Rolle für Effizienz und Qualität.
- Neue Eskalationssysteme wie 'Martha's Rule' stärken die Patientenrechte, insbesondere bei Kindern.
- Lohnverhandlungen im Gesundheitswesen zeigen die anhaltende finanzielle Belastung.
Herausforderung Personalmangel und Lohnverhandlungen
Der Mangel an qualifiziertem Personal ist im Schweizer Gesundheitswesen allgegenwärtig. Besonders betroffen sind Bereiche wie die Physiotherapie mit neurologischem Schwerpunkt, die Intensivpflege und die Kardiologie. Spitäler und Pflegeeinrichtungen suchen händeringend nach Fachkräften.
Aktuell sind viele Stellen unbesetzt, beispielsweise für diplomierte Pflegefachfrauen und -männer im Herz- und Gefässbereich oder für Logopäden in stationären Einrichtungen. Dies führt zu einer hohen Belastung des vorhandenen Personals und kann die Qualität der Versorgung beeinträchtigen.
Faktencheck: Offene Stellen
- Diplomierte Pflegefachpersonen: Hoher Bedarf in spezialisierten Bereichen.
- Physiotherapeuten: Besonders gesucht mit neurologischem Fokus.
- Logopäden: Viele offene Positionen im stationären Bereich.
Die Lohnverhandlungen in Institutionen wie der Psychiatrie Baselland zeigen die angespannte finanzielle Situation. Trotz eines Teuerungsausgleichs von 0,2 Prozent erklärten die Personalverbände die Verhandlungen für gescheitert. Sie fordern deutlich höhere Anpassungen, um die Kaufkraft der Mitarbeitenden zu sichern und die Attraktivität der Berufe zu steigern.
"Der Teuerungsausgleich von 0,2 Prozent ist angesichts der aktuellen Inflation und der Belastung unserer Mitarbeitenden nicht ausreichend. Wir brauchen eine faire Entschädigung, um die Motivation zu erhalten."
Ambulantisierung: Wunsch und Wirklichkeit
Die Politik fordert seit längerem eine stärkere Ambulantisierung von Behandlungen. Ziel ist es, Kosten zu senken und Patienten unnötige Spitalaufenthalte zu ersparen. Doch die Umsetzung gestaltet sich schwierig. Insbesondere die Kindermedizin sieht sich hier mit strukturellen Fehlanreizen konfrontiert.
Kinderspitäler könnten viele Behandlungen ambulant anbieten. Doch das aktuelle Finanzierungssystem bremst diese Entwicklung aus. Stationäre Behandlungen sind oft lukrativer, was die gewünschte Ambulantisierung behindert. Dies führt zu einer suboptimalen Nutzung der Ressourcen und zu längeren Aufenthalten für Kinder.
Hintergrund: EFAS-Reform
Die EFAS-Reform (Einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen) soll diese Fehlanreize abbauen. Sie zielt darauf ab, die Finanzierung zu vereinheitlichen, damit die Wahl des Behandlungsortes – ambulant oder stationär – nicht von finanziellen Überlegungen, sondern von medizinischen Notwendigkeiten abhängt.
Ein positives Beispiel für die Ambulantisierung ist das Spitalzentrum Biel. Dort entsteht bis 2027 das ambulante Kinderzentrum "Medin Kids". Die Investitionen von rund 2,2 Millionen Franken sollen auch durch Spenden finanziert werden. Solche Projekte zeigen, dass die Ambulantisierung möglich ist, wenn entsprechende Investitionen getätigt werden.
Hospital-at-Home: Zürcher Vorreiter ziehen Bilanz
Ein weiteres Modell der Ambulantisierung ist das "Hospital-at-Home". Dabei werden Patienten zu Hause medizinisch betreut, anstatt im Spital zu bleiben. Dieses Konzept kommt nun auch am linken Zürichseeufer zum Einsatz. Erste Bilanzen aus Zürich zeigen, dass dieses Modell erfolgreich sein kann.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Patienten erholen sich im gewohnten Umfeld oft besser, und die Spitäler werden entlastet. Die Digitalisierung spielt hier eine wichtige Rolle, um die Kommunikation zwischen Patienten, Angehörigen und medizinischem Personal zu gewährleisten.
Digitale Transformation und neue Systeme
Die Digitalisierung ist ein strategisches Handlungsfeld für viele Spitäler, um Leistungen effizienter und wirkungsvoller zu gestalten. Die Lindenhofgruppe in Bern nutzt digitale Möglichkeiten, um Qualität und Zusammenarbeit zu verbessern. Dies umfasst die digitale Patientenakte, Telemedizin und optimierte interne Prozesse.
Neben der Digitalisierung werden auch neue Sicherheitssysteme eingeführt. Das Kinderspital Zentralschweiz (KidZ) testet beispielsweise "Martha's Rule". Dieses Warn- und Eskalationssystem stellt sicher, dass Eltern gehört werden, wenn sie eine Verschlechterung des Zustands ihres Kindes befürchten.
Was ist 'Martha's Rule'?
'Martha's Rule' ermöglicht es Patienten oder deren Angehörigen, eine zweite medizinische Meinung einzuholen oder eine Überprüfung der Behandlung zu verlangen, wenn sie eine Verschlechterung des Zustands bemerken, die vom medizinischen Team möglicherweise übersehen wird. Es ist ein System zur Stärkung der Patientenrechte.
Eine neue Studie belegt die Bedeutung der Einschätzung von Angehörigen. Oft erkennen sie früher als medizinisches Fachpersonal, wenn sich der Zustand eines Kindes verschlechtert. Ein einfacher Satz wie "Machen Sie sich Sorgen?" kann den Unterschied machen. Dies plädiert für einen Kulturwandel in der Notfallmedizin, bei dem die Bedenken von Angehörigen ernst genommen werden.
Führungswechsel und Expertenverstärkung
Im Schweizer Gesundheitswesen gibt es auch personelle Veränderungen an der Spitze. Alexander Penssler übernimmt die Leitung des Kantonsspitals Glarus von Stephanie Hackethal. Er kommt von der Integrierten Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland.
Die Lindenhofgruppe verstärkt ihre Orthopädie am Sonnenhof mit Prof. Dr. med. Christoph Albers. Er ist ein ausgewiesener Experte in der Wirbelsäulen-Chirurgie, spezialisierten Traumatologie und interventionellen Schmerztherapie. Solche Neuzugänge sollen die medizinische Expertise weiter ausbauen.
Auch am Kantonsspital Aarau gibt es eine wichtige Beförderung: Andreas Bieri, seit fast 18 Jahren in der Pädiatrie tätig, wurde zum stellvertretenden Chefarzt befördert. Diese Kontinuität und interne Förderung sind wichtig für die Stabilität der Kliniken.
In Genf übernimmt Petra S. Hüppi die Leitung des Departements für Frauen, Kinder und Jugendliche am Universitätsspital Genf (HUG). Sie ist international bekannt für ihre Arbeit mit Musik für Frühgeborene und tritt die Nachfolge von Alain Gervaix an.
Schliesslich wird am Spital Zollikerberg im Juli 2026 Gregor Lindner die Klinik für Innere Medizin von Ludwig Theodor Heuss übernehmen, der die Abteilung 18 Jahre lang erfolgreich geleitet hat. Diese Wechsel markieren neue Phasen für die jeweiligen Institutionen und bringen frische Perspektiven mit sich.





