In der Region Basel, wie auch in anderen Teilen der Schweiz, haben Bauarbeiter ihre Arbeit niedergelegt. Sie protestieren gegen die Forderungen des Baumeisterverbands, die ihrer Ansicht nach zu einer Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen führen würden. Die Gewerkschaft UNIA mobilisiert die Arbeiter, um ein klares Zeichen für faire Löhne und angemessene Arbeitszeiten zu setzen.
Wichtige Punkte
- Schweizweite Proteste der Bauarbeiter gegen verschlechterte Arbeitsbedingungen.
- Kernpunkt der Verhandlungen ist der Landesmantelvertrag (LMV).
- Forderungen betreffen bezahlte Reisezeiten, Überstundenregelungen und Samstagsarbeit.
- Gewerkschaft UNIA fordert Attraktivitätssteigerung des Berufs.
- Ein vertragsloser Zustand würde zu "Wildwest-Verhältnissen" führen.
Streikwelle erfasst die Baubranche
Die aktuelle Streikwelle hat die Baustellen in Basel, Baselland und dem Aargau zum Stillstand gebracht. Die Bauarbeiter wehren sich gegen die Vorschläge des Baumeisterverbands, die ihrer Meinung nach zu längeren Arbeitszeiten und unbezahlten Leistungen führen würden. Lucien Robischon, Gewerkschaftssekretär bei UNIA, betont die Einigkeit der Arbeiter in ihrem Protest.
Die Verhandlungen über den neuen Landesmantelvertrag (LMV) gestalten sich schwierig. Die Positionen der Sozialpartner liegen weit auseinander. Während die Arbeitnehmerseite auf Verbesserungen drängt, sieht der Baumeisterverband die Notwendigkeit, flexiblere Arbeitszeitmodelle einzuführen.
Wichtige Zahlen
- 80'000: Anzahl der Bauarbeiter in der Schweiz.
- Über 70 Prozent: Anteil der Bauarbeiter, die gewerkschaftlich organisiert sind.
- 2112 Stunden: Maximale jährliche Arbeitszeit gemäss aktuellem LMV.
- 30 Minuten: Unbezahlte Reisezeit, die die Gewerkschaft ändern will.
Alltag der Bauarbeiter: Lange Tage und unbezahlte Wege
Der Arbeitsalltag vieler Bauarbeiter ist geprägt von hohem Druck und langen Stunden. Im Sommer sind Neun-Stunden-Tage keine Seltenheit. Wenn sich die Lieferung von Beton verzögert, kommt schnell eine Überstunde hinzu. Ein weiteres Problem sind die langen Reisewege. Viele Bauarbeiter pendeln über weite Distanzen, oft zwischen Basel und Zürich.
Die ersten 30 Minuten der Reisezeit von der Werkstatt zur Baustelle sind derzeit unbezahlt. Dies summiert sich über das Jahr zu einer erheblichen Menge an Gratisarbeit. Die Gewerkschaft fordert, dass die Reisezeit ab der ersten Minute vergütet wird. Dies würde auch Firmen dazu anregen, Projekte regionaler zu planen, um lange Anfahrtswege zu vermeiden.
"Die Bauarbeiter sind jeden Tag massiv unter Druck. Die Tage werden immer länger. Man hat gleichzeitig einen Fachkräftemangel, denn es gibt immer weniger Lehrlinge. Das sind alles Indizien, dass es in die falsche Richtung geht."
Konfliktpunkt Arbeitszeit und Überstunden
Der Baumeisterverband behauptet, sein Vorschlag für den LMV würde keine Verschlechterung der jährlichen Arbeitszeit bedeuten. Die Gewerkschaft sieht dies anders. Der aktuelle LMV legt eine jährliche Maximalarbeitszeit von 2112 Stunden fest, mit einem Arbeitszeitkalender, der zwischen 37,5 und 45 Stunden pro Woche variiert. Der Verband möchte diese Regelung aufweichen und eine Spanne von 0 bis 50 Stunden pro Woche einführen.
Zudem will der Baumeisterverband die Möglichkeit schaffen, bis zu 250 Überstunden anzusammeln. Dies würde bedeuten, dass Arbeiter im Winter, wenn weniger Arbeit anfällt, unbezahlte Freitage haben könnten, die sie im Sommer nacharbeiten müssen. Diese Flexibilität würde einseitig zulasten der Arbeitnehmer gehen und ihre Planungssicherheit massiv einschränken.
Hintergrund: Der Landesmantelvertrag (LMV)
Der Landesmantelvertrag ist der Gesamtarbeitsvertrag für die Schweizer Baubranche. Er regelt die Arbeitsbedingungen für alle Bauarbeiter im Land. Die Verhandlungen finden alle paar Jahre statt und sind entscheidend für Löhne, Arbeitszeiten, Überstundenregelungen und Sozialleistungen.
Samstagsarbeit und Hitzefrei: Unterschiedliche Realitäten
Ein weiterer Streitpunkt ist die Samstagsarbeit. Aktuell müssen Bauunternehmen Samstagsarbeit bei der Paritätischen Kommission anmelden und einen Lohnzuschlag von 25 Prozent zahlen. Der Baumeisterverband möchte diesen Zuschlag streichen und die Meldepflicht aufheben. Firmen sollen selbst entscheiden können, wann am Samstag gearbeitet wird.
Der Verband begründet dies oft mit der Kompensation von hitzefreien Tagen. Lucien Robischon widerspricht dieser Darstellung vehement. "Es entspricht nicht der Realität, dass es hitzefreie Tage gibt", sagt er. Er kennt keine Baustelle, die wegen Hitze eingestellt wurde. Eine klare Regelung für Hitzefrei – mit Definitionen ab welcher Temperatur oder Luftfeuchtigkeit – wäre im Interesse der Gewerkschaft, wurde aber in früheren Verhandlungen nicht erreicht.
Die Gewerkschaft sieht in den Forderungen des Baumeisterverbands einen Versuch, maximalen Druck aufzubauen und die Stimmen der Bauarbeiter nicht ernst zu nehmen. Die Branche leidet bereits unter einem Fachkräftemangel, was eine Attraktivitätssteigerung des Berufs dringend notwendig macht.
Konsequenzen eines vertragslosen Zustands
Sollte bis Ende des Jahres keine Einigung erzielt werden, läuft der aktuelle LMV aus. Dies würde einen sogenannten vertragslosen Zustand bedeuten. Die Unternehmen wären dann nicht mehr an die Bestimmungen des LMV gebunden, sondern nur noch an das Obligationenrecht, welches minimale Schutzbestimmungen bietet.
Die Gewerkschaft warnt vor drastischen Folgen: Die 50-Stunden-Woche könnte zur Norm werden, und Mindestlöhne würden nicht mehr gelten. Dies würde den Wettbewerb verzerrten und auch ausländischen Firmen ermöglichen, zu Dumpingpreisen anzubieten. "Es wäre ein bisschen wie im Wilden Westen", so Robischon. Schwarzarbeit und weitere Proteste wären die wahrscheinliche Folge.
Auch die Arbeitgeberseite hat ein Interesse an einem gültigen LMV. Der Vertrag sorgt für fairen Wettbewerb und reduziert den Druck. Weiterbildungen können finanziert werden, und Kontrollen verhindern Wettbewerbsnachteile. Ohne LMV fielen diese Vorteile weg, was auch für die Firmen Nachteile mit sich brächte.
Die Demonstration der Bauarbeiter am 7. November in der Basler Innenstadt ist Teil einer schweizweiten Protestwelle. Sie beginnt um 11 Uhr im De-Wette-Park und reiht sich ein in ähnliche Aktionen im Tessin, der Romandie und Bern. In den kommenden Wochen sind weitere Proteste in Zürich, der Zentralschweiz und der Ostschweiz geplant. Die Bauarbeiter setzen sich für ihre Rechte ein und fordern einen modernen, attraktiven Arbeitsvertrag, der den Beruf zukunftsfähig macht, ähnlich wie Modelle in Österreich, die längere Wochenenden für bessere Erholung ermöglichen.





