Seit März 2024 führen Sara Murray und Franz-Xaver Leonhardt Die Mitte Basel-Stadt im Co-Präsidium. In einem Gespräch ziehen sie Bilanz über ihr erstes gemeinsames Jahr, erläutern ihre Strategie für eine pragmatische Politik und fordern von der Basler Regierung mehr Risikobereitschaft und visionäres Handeln, insbesondere bei grossen Infrastrukturprojekten.
Das Duo hat sich zum Ziel gesetzt, das Profil der Partei zu schärfen und als vermittelnde Kraft im polarisierten politischen Umfeld zu agieren. Dabei setzen sie auf eine Politik der mehrheitsfähigen Lösungen, ohne jedoch auf klare Positionen in den Bereichen Sicherheit, Verkehr und Wohnen zu verzichten.
Das Wichtigste in Kürze
- Sara Murray und Franz-Xaver Leonhardt leiten Die Mitte Basel-Stadt seit März 2024 als Co-Präsidium.
- Sie fordern mehr Mut und Effizienz von der Regierung, ähnlich der schnellen Entscheidungsfindung beim ESC.
- Schwerpunktthemen der Partei sind Sicherheit, Verkehr und Wohnen, unterstrichen durch die Wohnschutzinitiative.
- Die Partei verzeichnet einen Mitgliederzuwachs, insbesondere bei jungen Menschen, und führt dies auf den Wegfall des "C" im Namen und eine offene Diskussionskultur zurück.
- Wichtige politische Anliegen für die Zukunft sind die Beziehungen zur EU und die Stärkung des Medienstandorts Basel.
Ein eingespieltes Team an der Spitze
Die Entscheidung, Die Mitte Basel-Stadt erstmals mit einem Co-Präsidium zu führen, hat sich laut den beiden Vorsitzenden bewährt. "Am Anfang gab es eine grosse Lernkurve. Wir mussten unsere Arbeitsweise finden, aber das ging schnell", erklärt Sara Murray. Eine wöchentliche Abstimmung und ein starkes Team im Hintergrund hätten zu einer gut funktionierenden Harmonie geführt.
Eine strikte Aufgabenteilung gibt es nicht. Franz-Xaver Leonhardt konzentriert sich tendenziell stärker auf die parlamentarische Arbeit, doch alle wichtigen Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. "Es macht Spass, sich die Arbeit und die Führung des Teams zu teilen", so Leonhardt. Das Modell ermögliche auch flexible Freiräume, wie den 16-wöchigen Mutterschutz, den Murray nach der Geburt ihres zweiten Kindes in Anspruch nehmen konnte.
Von der zweiten Reihe ins Rampenlicht
Für Sara Murray, die zuvor als politische Geschäftsführerin und Wahlkampfleiterin im Hintergrund tätig war, war der Schritt an die vorderste Front eine Umstellung. "Ich war es nicht gewohnt, bei einer Parteiversammlung vorne zu stehen und das Ganze zu moderieren", gibt sie zu. Ihre langjährige Erfahrung und die Beobachtung ihres Vorgängers Balz Herter hätten den Übergang jedoch erleichtert. Dennoch sei sie vor solchen Terminen immer noch nervös, auch wenn es mit der Zeit besser werde.
Balz Herter als Grossratspräsident
Die Wahl von Balz Herter zum Grossratspräsidenten im Jahr 2025 sehen die Co-Präsidenten als eine grosse Ehre und Chance für ihre Partei. "Für uns als kleine Partei ist es sehr bedeutend, diese Repräsentationsaufgabe wahrnehmen zu dürfen", betont Murray. Auch wenn das Amt stark auf die Person ausgerichtet sei, stärke es die Sichtbarkeit der Partei in der Basler Politik.
Pragmatismus und klares Profil
Die Mitte positioniert sich als Partei, die mehrheitsfähige und pragmatische Lösungen anstrebt. "Eine gute Lösung ist eine mehrheitsfähige Lösung", sagt Murray. Das bedeute aber nicht, eigene Ideen zurückzuhalten. Franz-Xaver Leonhardt ergänzt, dass es darum gehe, gute Lösungen voranzutreiben, die auch von anderen Fraktionen verstanden und mitgetragen werden können.
Gleichzeitig arbeitet die Parteispitze daran, das eigene Profil zu schärfen. Die im Wahlkampf definierten Schwerpunkte Sicherheit, Verkehr und Wohnen werden konsequent verfolgt. Als Beispiele nennen sie eine Motion gegen Velodiebstähle, die Diskussion um eine tramfreie Innenstadt und die lancierte Wohnschutzinitiative.
"Wir sind also ziemlich konsequent auf dem Profil unterwegs, das wir definiert haben." - Sara Murray, Co-Präsidentin Die Mitte Basel-Stadt
Forderung nach mehr "ESC-Groove" in der Verwaltung
Ein besonderes Anliegen von Franz-Xaver Leonhardt ist die Effizienz der Basler Verwaltung. In einem hängigen Vorstoss fordert er eine Beschleunigung der Prozesse. Als Vorbild nennt er die Organisation des Eurovision Song Contest (ESC) in Basel.
"Es bräuchte den ESC-Groove, mit dem man ganz schnell Entscheidungen getroffen hat, ohne sich von den Risiken ausbremsen zu lassen", erklärt Leonhardt. Eine Regierung müsse regieren und Entscheidungen treffen, auch auf die Gefahr hin, dass es Fehlentscheide sein könnten. Diese unternehmerische Dynamik fordert er für die Regierung und die Departemente.
Mitgliederzuwachs bei der Mitte
Die Partei verzeichnet einen deutlichen Zuwachs an Mitgliedern. Laut Leonhardt treten vor allem junge Menschen neu in die Partei ein. Dieser Erfolg wird auf mehrere Faktoren zurückgeführt: den Namenswechsel (Wegfall des "C"), eine offene Diskussionskultur ohne Stimmzwang und die Sehnsucht vieler Menschen nach einer vernünftigen Politik der Mitte in polarisierten Zeiten.
Politische Schwerpunkte und Zukunftsvisionen
Das Thema Wohnen bleibt für Die Mitte eine der dringendsten Herausforderungen. Mit ihrer Wohnschutzinitiative will die Partei eine Lösung auf Verfassungsebene schaffen, da punktuelle Verbesserungen im Grossen Rat nicht ausreichten. Murray zeigt sich zuversichtlich, dass die Initiative auf grosses Interesse stösst.
Ein weiteres Kernthema ist die Beziehung zur Europäischen Union. Die Co-Präsidenten blicken mit Sorge auf die 10-Millionen-Initiative der SVP und deren mögliche Konsequenzen für die bilateralen Verträge. "Das ist extrem wichtig für uns hier in Basel", betont Murray. Die Partei werde sich aktiv im Abstimmungskampf engagieren.
Mehr Mut für grosse Projekte
Für die Zukunft wünscht sich die Parteispitze mehr Visionen für Basel, insbesondere bei der Infrastruktur und Stadtentwicklung. "Ich will keine Pflästerlipolitik, sondern gemeinsames und vorausschauendes Denken", fordert Murray. Man dürfe keine Angst davor haben, grosse Projekte anzugehen und den Status quo in Frage zu stellen. Leonhardt unterstützt diese Haltung und verweist auf sein Engagement im Komitee der Initiative "Go Basel Go".
Auch die Stärkung des Medienstandorts Basel durch eine starke SRG, die durch die Halbierungsinitiative gefährdet sei, ist der Partei ein wichtiges Anliegen. Die Co-Präsidenten sind sich einig: In einer Zeit der Polarisierung sehnen sich die Menschen nach einer Politik der Vernunft, die respektvolle Diskussionen ermöglicht und lösungsorientiert handelt.





