In Basel kam es bei einer unbewilligten Pro-Palästina-Demonstration Ende Juli zu massiven Drohungen und Beleidigungen gegen den Besitzer des Café Flore im Kleinbasel. Ein Video dokumentiert, wie der Wirt Miron Landreau als «Zionist» beschimpft und mit dem Tod bedroht wurde. Dieser Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die zunehmende Aggressivität in Teilen der linksextremen Szene und die problematische Verwendung des Begriffs «Zionist».
Wichtige Erkenntnisse
- Café-Besitzer Miron Landreau wurde bei einer Demonstration beschimpft und bedroht.
- Demonstrierende bezeichneten ihn als «Zionist» und sprachen Morddrohungen aus.
- Ein Plakat zur Erinnerung an den Holocaust am Café wurde verunziert.
- Der Begriff «Zionist» wird zunehmend als Beleidigung und Kampfbegriff verwendet.
- Historiker Erik Petry kritisiert die falsche und überladene Verwendung des Begriffs.
Massive Drohungen gegen Café-Besitzer
Miron Landreau, der Besitzer des Café Flore, feierte Ende Juli seinen Geburtstag, als eine unbewilligte Pro-Palästina-Demonstration an seinem Lokal vorbeizog. Ein Video, das uns vorliegt, zeigt die Eskalation: Mehrfach sind die Worte «I fucking kill you» zu hören. Ein anderer Demonstrant rief: «Wir brauchen keine Zionisten in Basel. Fick dich!» Die Menge skandierte «Shame on you!»
Landreau, der nicht jüdisch ist, aber mit jüdischer Kultur aufgewachsen ist, empfindet die Situation als beunruhigend. Er hat nach eigenen Angaben Sympathien für Israel, möchte sich aber nicht zum Nahost-Konflikt äussern. Für ihn fehle in der aktuellen Debatte die Empathie für alle Opferseiten.
Faktencheck: Der Vorfall
- Datum: Ende Juli
- Ort: Café Flore, Kleinbasel
- Anlass: Unbewilligte Pro-Palästina-Demonstration
- Vorfälle: Morddrohungen, Beleidigungen («Zionist», «Fick dich»), Skandieren von «Shame on you!»
Antisemitische Symbole und Provokationen
Der Vorfall im Juli war nicht der erste seiner Art. Bereits früher kam es zu Unmutsbekundungen gegen das Café. An der Eingangstür hängt ein Plakat, das an den Holocaust erinnert und einen Davidstern zeigt. Dieses Plakat wurde laut Landreau mehrmals bespuckt.
Fotos belegen, dass der Davidstern auf dem Plakat mit dem Logo einer Basler Pro-Palästina-Gruppe überklebt wurde. Zusätzlich klebte am Fenster des Cafés ein Sticker mit der Aufschrift: «Buying this product supports Genocide», übersetzt: «Dieses Produkt kaufen unterstützt Genozid.» Dies sei Landreau zu weit gegangen, woraufhin er ein Foto davon auf Facebook teilte, was weitere Reaktionen hervorrief.
«Dieses Produkt kaufen unterstützt Genozid» – Dieser Aufkleber am Fenster des Café Flore ging Miron Landreau zu weit.
Hintergrund des Café-Besitzers
In Landreaus Café stehen eine Menora, ein siebenarmiger Kerzenständer, und gelegentlich läuft israelische Pop-Musik. An der Wand hängt ein Bild von Theodor Herzl, einem Vordenker der zionistischen Bewegung. Dieses Foto sei einmal verschwunden und von ihm ersetzt worden, berichtet Landreau.
Landreau räumt ein, dass er bei einer früheren Pro-Palästina-Demonstration einmal den Mittelfinger gezeigt habe, weil antisemitische Sprüche gefallen seien. Er bezeichnet dies heute als «zugegeben infantil».
Identifikation der Täter und deren Rechtfertigung
Wir haben die beiden Demonstrierenden, die im Video zu sehen sind, identifiziert und um Stellungnahme gebeten. Der Mann, der Landreau als «Zionist» bezeichnete, schrieb in einer E-Mail, es sei unsicher, ob das Video ihn zeige. Er erklärte weiter, er verstehe unter Zionisten jemanden, der Apartheid, Vertreibung und Ausrottung unterstütze.
Der Demonstrierende behauptet, der Wirt habe einen Mann in der Demonstration angegriffen. Landreau bestätigt, dass er einen Demonstrierenden angesprochen hatte, weil er fotografiert worden sei. Als ihm einer der Umstehenden zu nahe kam, habe er diesen mit dem Arm zurückgestossen. Anschliessend wurde Landreau geschubst. Dieser Hergang ist auch auf dem Video erkennbar.
Zur Definition von «Zionist»
Der Historiker Erik Petry vom Zentrum für Jüdische Studien der Universität Basel beobachtet, dass die Verwendung des Begriffs «Zionist» als Beleidigung in den letzten zwei Jahren zugenommen hat. Er erklärt, dass der Begriff oft negativ umgedeutet und mit Vorwürfen wie imperialem und kolonialem Denken, Menschenrechtsverletzungen, Unterstützung ethnischer Säuberungen oder Mordvorwürfen überladen werde. Petry betont: «Und damit wird der Begriff ‹Zionist› nicht nur vollkommen überladen, sondern völlig falsch gesehen.»
Die historische Bedeutung des Zionismus
Historisch steht der Begriff «Zionismus» für die politische jüdische Nationalbewegung, die sich nach einem der Hügel Jerusalems benannt hat. Ein Zionist ist demnach ein Unterstützer der Idee eines israelischen Staates. Dies bedeute nicht zwangsläufig die Unterstützung einer bestimmten Regierung, sondern grundsätzlich die Existenz eines Landes Israel, so Petry.
Es ist wichtig zu betonen, dass nicht jede Kritik an Israel sogleich antizionistisch oder antisemitisch ist. Die klare Abgrenzung und eine sachliche Debatte sind hier entscheidend.
Redner bei Demonstrationen
Der zweite Mann, der wahrscheinlich die Morddrohung «I fucking kill you» aussprach, hat auf unsere Anfragen nicht reagiert. Nach unseren Recherchen ist er mehrmals als Redner bei Pro-Palästina-Demonstrationen aufgetreten. Basler Pro-Palästina-Gruppen, die anonym zur unbewilligten Demonstration im Juli aufgerufen hatten, liessen ebenfalls alle Anfragen unbeantwortet.
Die Vorfälle im Kleinbasel zeigen eine besorgniserregende Entwicklung, bei der verbale Gewalt und Drohungen im Kontext politischer Demonstrationen zunehmen. Es ist eine Herausforderung für die Gesellschaft, einen Raum für Meinungsäusserung zu bewahren, ohne dass Hass und Bedrohungen Überhand nehmen.
- Zunahme: Die Verwendung von «Zionist» als Schimpfwort hat in den letzten zwei Jahren zugenommen.
- Fehlinterpretation: Der Begriff wird oft falsch verstanden und mit negativen Konnotationen belegt.
- Historisch: Zionismus ist die politische jüdische Nationalbewegung, die einen Staat Israel unterstützt.
Die fehlende Bereitschaft zur Kommunikation seitens der Organisatoren der Demonstration erschwert eine Aufarbeitung der Ereignisse und die Deeskalation der Situation. Es bleibt abzuwarten, welche weiteren Schritte die Behörden in Bezug auf die unbewilligte Demonstration und die geäusserten Drohungen unternehmen werden.





