Die Frauenhäuser in der Schweiz verzeichnen eine anhaltend hohe Auslastung. Besonders das Frauenhaus beider Basel meldet konstant hohe Belegungszahlen, was auf einen steigenden Bedarf an Schutzplätzen und Beratungsangeboten für gewaltbetroffene Frauen und Kinder hinweist. Die Zunahme der Anrufe deutet auf eine erhöhte Sensibilisierung für das Thema häusliche Gewalt hin, strukturelle Lücken bleiben jedoch bestehen.
Wichtige Erkenntnisse
- Frauenhäuser sind stark ausgelastet, das Frauenhaus beider Basel erreichte 2024 eine Auslastung von 96 Prozent.
- Die Anzahl der Anrufe hat sich in den letzten vier Jahren verdreifacht.
- Häusliche Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und betrifft alle Schichten.
- Es fehlen Schutzplätze und koordinierte Zusammenarbeit zwischen Hilfsakteuren.
- Die Finanzierung der Frauenhäuser bleibt eine Herausforderung.
Hohe Auslastung und steigende Nachfrage
Die Situation in den Frauenhäusern der Deutschschweiz ist angespannt. Das Frauenhaus beider Basel, eine zentrale Einrichtung für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen und Kinder in der Region, meldet eine durchgehende hohe Auslastung. Im Jahr 2024 lag die Belegung bei beeindruckenden 96 Prozent. Im Vorjahr betrug sie 86 Prozent. Diese Zahlen liegen deutlich über dem rechnerischen Durchschnitt von 75 Prozent für Kriseninterventionseinrichtungen.
Diese Entwicklung zeigt, dass der Bedarf an Schutz und Unterstützung für Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, konstant hoch ist. Die Leiterin des Frauenhauses beider Basel, Bettina Bühler, bestätigt diese Tendenz. Sie betont, dass diese Zahlen sich mit denen anderer Frauenhäuser in der Deutschschweiz decken.
Faktencheck: Auslastung Frauenhaus beider Basel
- 2024: Rund 96 Prozent Auslastung
- 2025: Rund 86 Prozent Auslastung (Prognose/aktuell)
- Durchschnitt: 75 Prozent gilt als normale Auslastung für Kriseninterventionen.
Zunehmende Anrufe und die Dunkelziffer
Ein weiteres Indiz für den steigenden Bedarf ist die Anzahl der eingehenden Anrufe. In den vergangenen vier Jahren hat sich die Zahl der Anrufe beim Frauenhaus beider Basel etwa verdreifacht. Dies verdeutlicht nicht nur den grossen Bedarf an Schutzplätzen, sondern auch an Beratung.
Es ist jedoch schwierig, eindeutig zu sagen, ob die häusliche Gewalt im selben Ausmass zugenommen hat. Die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt ist nach wie vor sehr hoch. Mehr Anrufe könnten bedeuten, dass Gewalt zunimmt. Es könnte aber auch ein positives Zeichen sein, dass Präventionsmassnahmen wirken und Frauen sich früher oder überhaupt erst melden. Viele Frauen wenden sich zunächst anonym an Beratungsstellen oder rufen im Frauenhaus an, ohne sofort einzutreten. Dies zeigt, wie viele Fälle unentdeckt bleiben.
"Die Frauen, die schliesslich ins Frauenhaus kommen, sind oft die Spitze des Eisbergs und haben keine andere Möglichkeit mehr", erklärt Bettina Bühler.
Wer sucht Schutz im Frauenhaus?
Es gibt kein typisches Profil der Frauen, die Zuflucht suchen. Sie stammen aus allen sozialen Schichten, Bildungsniveaus und verschiedenen Herkunftsländern. Alleinstehende Frauen kommen ebenso wie Mütter mit ihren Kindern. Was viele gemeinsam haben: Sie waren oft über lange Zeit Gewalt ausgesetzt und brauchen viel Kraft, um sich aus der Situation zu befreien. Die Gewalt kann psychischer, physischer, sexualisierter oder ökonomischer Natur sein, oft kombiniert mit sozialer Isolation.
Das Frauenhaus beider Basel
Das Frauenhaus beider Basel wurde 1981 eröffnet. Es ist die zentrale stationäre Schutzeinrichtung in der Region für Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, mit oder ohne Kinder. Aus Sicherheitsgründen ist der Standort nicht öffentlich bekannt.
Es verfügt über 10 Zimmer mit insgesamt 17 Betten, davon 7 für Kinder. Jährlich finden dort rund 60 bis 90 Frauen sowie 40 bis 70 Kinder Schutz. Der Aufenthalt ist in der Regel auf die individuelle Gefährdungslage und die Möglichkeiten einer Anschlusslösung abgestimmt. Die ersten 35 Tage sind gemäss Opferhilfegesetz kostenfrei.
Herausforderungen im System: Finanzierung und Koordination
Trotz des Engagements vieler Akteure wie Polizei, Opferhilfe und Beratungsstellen gibt es erhebliche Lücken im System. Häusliche Gewalt ist ein interdisziplinäres Thema, das eine deutlich bessere koordinierte Zusammenarbeit erfordert. Oft arbeiten die verschiedenen Stellen nebeneinander statt miteinander.
Ein weiteres grosses Problem ist der Mangel an Schutzplätzen. In der Region Basel wären mindestens zehn zusätzliche Schutzplätze notwendig, um den aktuellen Bedarf zu decken. Auch die Nachbetreuung nach dem Austritt aus dem Frauenhaus ist ausbaufähig. Viele betroffene Frauen berichten, dass die schwierigste Phase oft erst Monate nach dem Verlassen des Hauses beginnt.
Politische Debatte und Finanzierungslücken
Die Finanzierung der Frauenhäuser ist immer wieder Gegenstand politischer Debatten. Mitte Dezember 2024 beschloss der Nationalrat erst im zweiten Anlauf, das Budget für die Bekämpfung von Gewalt an Frauen um eine zusätzliche Million auf 8,2 Millionen Franken aufzustocken. Diese zögerliche Haltung ist schwer nachvollziehbar.
Schutzplätze für Frauen und Kinder sind eine staatliche Aufgabe. Dennoch müssen Frauenhäuser jedes Jahr einen grossen Teil ihrer Finanzierung selbst sichern. Das Frauenhaus beider Basel deckt etwa 60 Prozent seiner Kosten durch Leistungsverträge mit den Kantonen Basel-Stadt und Baselland. Den Rest, jährlich 800.000 bis 1 Million Franken, muss es durch Fundraising, Stiftungen und private Spenden aufbringen. Diese jährliche Unsicherheit stellt eine enorme Belastung dar.
Finanzierung des Frauenhauses beider Basel
- 60 Prozent: Deckung durch Leistungsverträge der Kantone Basel-Stadt und Baselland.
- 40 Prozent: Jährlich 800.000 bis 1 Million Franken müssen durch Eigenleistungen und Spenden finanziert werden.
Häusliche Gewalt ist kein Migrationsproblem
In politischen Debatten wird Gewalt gegen Frauen oft fälschlicherweise mit Migration in Verbindung gebracht. Bettina Bühler stellt klar, dass diese Verknüpfung falsch und gefährlich ist. Häusliche Gewalt betrifft alle gesellschaftlichen Gruppen. Frauen mit Migrationsgeschichte oder wenig Privilegien sind oft stärker betroffen, nicht weil Gewalt dort häufiger wäre, sondern weil sie weniger Ressourcen haben, um sich Hilfe zu suchen oder zu erhalten. Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und nicht auf eine bestimmte Herkunftsgruppe beschränkt.
Hoffnung durch Stärkung und neue Perspektiven
Trotz der Herausforderungen gibt es auch Hoffnung. Bettina Bühler schöpft Kraft daraus, zu sehen, wie Frauen im Frauenhaus ankommen – oft erschöpft und verängstigt – und wie sie nach einigen Wochen gestärkt wieder gehen. Sie lernen ihre Rechte kennen, wissen, wohin sie sich wenden können, und entwickeln neue Perspektiven für ihr Leben. Das Frauenhaus ist kein Ort, an dem man gerne ist, aber es ist ein Ort, an dem viel Stärke entsteht und Frauen einen Weg in ein gewaltfreies Leben finden können.
Die Arbeit im Frauenhaus ist eine Krisenintervention, die Frauen und Kindern einen sicheren Ort bietet. Es geht zunächst um Sicherheit und Ankommen, dann um Orientierung und zentrale Entscheidungen für das weitere Leben. Dazu gehören Themen wie eine mögliche Anzeige, die Suche nach einer neuen Wohnung und die Gestaltung der baldigen Selbstständigkeit. Der Austritt wird von einer Vernetzung mit weiteren Unterstützungsangeboten begleitet.





