In der Diskussion um Machtmissbrauch an Hochschulen wird deutlich, wie sehr Betroffene unter Abhängigkeitsverhältnissen und intransparenten Strukturen leiden. Experten und Initiativen fordern umfassende Reformen, um die Arbeitskultur an Universitäten grundlegend zu verbessern und künftige Generationen von Akademikern zu schützen.
Wichtige Erkenntnisse
- Machtmissbrauch an Universitäten ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem.
- Interne Meldestellen geniessen oft kein Vertrauen, da Betroffene Sanktionen fürchten.
- Viele Betroffene brechen ihre akademische Karriere ab und leiden unter psychischen Folgen wie Angststörungen und Depressionen.
- Experten fordern externe, anonyme Meldestellen und eine Überarbeitung der Hierarchien.
- Die Organisation von Professuren im deutschsprachigen Raum wird als überladen und machtkonzentriert kritisiert.
Die Realität des Machtmissbrauchs
Mehrere Studien und Recherchen belegen, dass Machtmissbrauch an Universitäten weit verbreitet ist. Das Recherche-Kollektiv Reflekt zeigte in einer schweizweiten Umfrage die Ausmasse des Problems auf. Besonders der akademische Mittelbau ist anfällig, da er oft in mehrfacher Abhängigkeit von mächtigen Professoren steht.
Auch an der Universität Basel gab es prominente Fälle von sexuellem Missbrauch. Diese Vorfälle wurden Anfang 2024 öffentlich. Seitdem hat die Universität einige Massnahmen ergriffen, doch Kritiker sehen weiterhin Handlungsbedarf.
Faktencheck
- 180 Betroffene: Innerhalb von fünf Wochen meldeten sich bei der Recherche von Reflekt 180 Personen mit Erfahrungen von Machtmissbrauch an Universitäten.
- Ein Drittel ohne Meldung: Etwa ein Drittel dieser Betroffenen wandte sich aus Angst vor Konsequenzen nicht an interne Meldestellen.
- Psychische Folgen: Ein grosser Teil der Betroffenen leidet nach den Vorfällen an Angststörungen und Depressionen.
Kritik an internen Meldestellen
Aayo Röthlisberger vom Kollektiv Dulifera kritisiert, dass es an der Universität Basel keine externe Meldestelle gibt. Betroffene könnten sich nicht an eine unabhängige Stelle wenden. Journalistin Anina Ritscher vom Recherche-Kollektiv Reflekt bestätigt diese Problematik. Sie berichtet, dass Anlaufstellen für persönliche Integrität oft nicht als vertrauenswürdig gelten, besonders wenn sie inneruniversitär sind.
Betroffene befürchten Sanktionen, wenn sie sich dort melden. Viele, die sich an Ombudsstellen gewandt haben, waren enttäuscht vom intransparenten Vorgehen und den ausbleibenden Konsequenzen. «Die Leute haben das Gefühl, das bringt nichts», so Ritscher.
Forderungen nach Entlassungen und Rechtsanpassungen
Das Kollektiv Dulifera fordert die Entlassung der beiden an der Uni Basel beschuldigten Professoren. Die Universität Basel, die nicht an der Podiumsdiskussion im kHaus teilnahm, teilte mit, dass sie sich juristisch beraten liess. Es gebe jedoch keine rechtliche Möglichkeit für eine Entlassung.
Hintergrund
Die rechtliche Situation an Schweizer Universitäten ist komplex. Professoren geniessen oft einen besonderen Kündigungsschutz. Eine Anpassung der arbeitsrechtlichen Situation könnte notwendig sein, um in Fällen von Machtmissbrauch effektiver handeln zu können.
SP-Grossrätin Amina Trevisan erwägt, per Vorstoss eine Anpassung der arbeitsrechtlichen Situation an der Universität zu fordern. Sie räumt jedoch ein, dass eine Aufhebung des Kündigungsschutzes in einigen Fällen problematisch sein könnte.
Die Rolle der «Halbgötter» in starren Hierarchien
Jonathan Pärli vom VPOD Mittelbau plädiert für ein gemeinschaftliches Vorgehen, um starre Hierarchien aufzubrechen. Diese Hierarchien schaffen ein hohes Potenzial für missbräuchliche Arbeitskulturen. Er kritisiert die Struktur der Professuren im deutschsprachigen Raum.
«So wie die Professuren im deutschsprachigen Raum organisiert sind, ist es in jeder Hinsicht zu viel. Zu viel Arbeit, Verantwortung, Macht.»
Jonathan Pärli, VPOD Mittelbau
Die geringe Anzahl attraktiver unbefristeter Stellen mache diejenigen, die dieses akademische Ziel erreichen, zu «Halbgöttern». Dies verstärke gefährliche Machtstrukturen. Pärli weist auch darauf hin, dass wissenschaftliche Felder international oft überschaubar sind. «Wenn man es sich mit einem Silberrücken verscherzt, dann gute Nacht», bemerkt er.
Prekäre Verträge und soziale Hürden
Joel Schaad von der Initiative «Better Science» betont, dass sexueller Missbrauch und struktureller Machtmissbrauch nur die Spitze des Eisbergs sind. Es gehe darum, die Arbeitskultur insgesamt zu verbessern. «Better Science» bietet dazu Hilfestellungen an, etwa die Einhaltung von Arbeitszeiten durch Führungspersonen.
Pärli ergänzt, dass Mitarbeitende sich besser für eine gesunde Arbeitskultur einsetzen können, wenn sie nicht in befristeten Arbeitsverhältnissen unter ständigem Druck stehen. Er fordert mehr unbefristete Stellen, um Bildungsungleichheit zu reduzieren. Der Weg zu einer Professur sei lang und teuer, oft nur für Personen aus «gutem Haus» leistbar.
Konstruktive Ansätze und notwendiger Wandel
Anina Ritscher sieht eine empathische, transparente und unterstützende Anlaufstelle als grosse Hilfe. Diese sollte psychologische Hilfe organisieren und die Situation ernst nehmen. Aayo Röthlisberger schlägt eine anonyme Hinweismeldestelle nach dem Vorbild der Universität Luzern vor.
In der Schlussrunde betont Schaad, dass Veränderungen nur durch gemeinsames Handeln aller Beteiligten möglich sind. Ritscher wünscht sich mehr Druck von politischer Seite. Röthlisberger sieht das Direktorat der Universität Basel in der Verantwortung und fordert einen offeneren Umgang mit diesen Themen.
Jonathan Pärli fordert «gut organisierten Gegenwind». Aus dem Publikum kam der Hinweis, dass gute Fähigkeiten im Publizieren von Papers nicht automatisch bedeuten, dass jemand ein Team führen kann. Die Professionalisierung in Bildung und Führung sei entscheidend, nicht nur zur Missbrauchsverhinderung, sondern auch für die Effizienz. Schaad stimmt zu und verweist auf einen CAS für akademisches Leadership in Bern.
Die Diskussion zeigte, dass es viele konstruktive Ansätze gibt, um künftige Generationen akademischer Mitarbeiter vor missbräuchlichen Machtstrukturen zu schützen. Es bedarf jedoch eines breiten Konsenses und entschlossener Schritte, um diese Veränderungen umzusetzen.





